Neuer VW Passat : Kostspieliger Klassenprimus

Der VW Passat rückt mit der achten Generation immer mehr Richtung Oberklasse. Dadurch wird er besser, aber auch teurer.

Werden wir zu Beginn gleich mal etwas nostalgisch. Wahrscheinlich werden sich nur die Älteren unter uns an die Zeit erinnern, als der erste Passat im Jahr 1972 das Licht der Welt erblickte. Damals stand Volkswagen mit dem Rücken zur Wand. Technisch waren die Wolfsburger mit Heckmotoren und Luftkühlung ins Abseits gefahren. Sie lebten vom Käfer, dessen Ruhm aufgrund ebender technisch rückständigen Konstruktionsweise zusehends verblasste. Da keimte in Wolfsburg die Idee, sich doch mit einer Schrägheckversion auf Basis des Audi 80 zurück in das Segment zu schleichen. Die Ingolstädter waren auch erst seit 1966 Teil von Volkswagen. Sich quasi en passant ein zeitgemäßes Mittelklassemodell ins Programm zu holen. Der Audi 80 lieferte das Design und vor allem die Motoren, die man auf die Schnelle nicht entwickeln konnte. Der Boden der Audi-Konstruktion von damals bildet noch heute als „Ur-Guss“ die Basis der Vierzylinder-Motoren von VW. Warum wir aber nostalgisch werden? Der erste Passat kostete 9060 D-Mark in der Basisvariante. Das war zwar auch damals nicht wenig Geld, bewegte sich aber in der finanziellen Reichweite etwa eines Vorarbeiters, eines normalen Abteilungsleiters oder eines Bankangestellten. Echte Mittelklasse eben.
Seit dieser Zeit hat sich einiges getan. Der Passat wurde ein millionenfacher Erfolg, genauer gesagt wurde er bis zum letzten Jahr 22 Millionen Mal gebaut. Damit sticht er sogar den Bestseller VW Golf aus, dessen allererste Version zwei Jahre später auf den Markt kam. Der Passat wurde mit jeder Modellgeneration größer, stärker und auch beliebter. Selbst im letzten Jahr, als schon der Nachfolger am Horizont dämmerte, konnte Volkswagen noch 1,1 Millionen Exemplare des Modells absetzen. Der Preis stieg allerdings proportional zur technischen Entwicklung ebenfalls mit und so gab es schon bei der letzten Generation nur noch eine Basisvariante, die unter 30 000 Euro zu haben war.
Basis für das Fahrzeug ist der neu eingeführte Modulare Querbaukasten, dessen erster VW-Ableger der Passat ist. Beim Gewicht konnte man 85 Kilogramm einsparen, was an der Karosserie vor allem mit warm umgeformtem Stahl und Aluminium-Bauteilen gelungen ist. So bringt der Passat mit dem Benziner an Bord 1387 Kilogramm auf die Waage, was für ein Auto mit 4,77 Meter Länge durchaus respektabel ist. Mit dem derzeitigen Spitzenmotor, dem Zwei-Liter-Turbodiesel, an Bord und seinen 1735 Kilogramm kämpft der Passat dann aber wieder in einer anderen Gewichtsklasse. Apropos Länge: Der achte Passat ist tatsächlich um zwei Millimeter geschrumpft. Alleine das ist in der Autoindustrie eine Seltenheit. Wichtiger aber ist der Radstand, der um 79 Millimeter gewachsen ist. Optisch macht sich das an kürzeren Überhängen fest, vom Nutzwert her an etwas mehr Platz in Fond und technisch an einem beachtlichen Wendekreis.
»Wir haben mit dem Fahrzeug einen Sprung gemacht«, sagt Volkswagen-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer. Das ist durchaus glaubhaft. Ganz besonders für diejenigen, die sich hinter das Steuer setzen. Denn hinter dem Lenkrad und in der Mittelkonsole sammelt sich die Armada an Assistenten, Helferlein und Unterhaltungsoptionen, die den Passat in die obere Mittelklasse heben. Schon die Größe des Displays signalisiert die schiere Opulenz an Technik, die Volkswagen hier anbietet. Neben alten Bekannten, wie dem automatischen Abstandshalter, Fernlichtassistenten oder dem selbsttätigen Parkassistenten findet sich hier nun auch eine City-Notbremsfunktion mit Fußgängererkennung und neuerdings eine Rückfahrkamera mit Sicht aus der Vogelperspektive. Interessant ist auch der neue Anhängerrangierassistent (620 Euro), der zwar durchaus funktioniert, aber doch etwas mehr helfende Eingriffe von außen benötigt, als man erwarten würde.
Bei all der Technik zählen am Ende natürlich vor allem die Motoren und die Frage, wie sich das Auto auf der Straße bewegen lässt. Die erste Runde sind wir mit dem neu entwickelten Zwei-Liter-TDI gefahren, der bis dato die Spitzenmotorisierung stellt. Ob wieder ein V6-Benziner in die Angebotspalette rollt, ließ sich VW bisher nicht entlocken. Der Motor stemmt beachtliche 500 Newtonmeter zwischen 1750 und 2500 Umdrehungen auf die Kurbelwelle. Der Passat lässt sich damit sehr schön untertourig fahren, kommt aber mit seinen 240 PS auch flott nach vorne. Das Drehmoment hinterlässt zwar nicht so einen nachhaltigen Eindruck, wie es das Datenblatt vermuten ließe. Serie bei dieser Variante ist Allrad und das Doppelkupplungsgetriebe, das allerdings im Sport-Modus durchaus auch mal seine ruppige Seite zeigt. Dennoch: Alles in allem passt das gut zusammen, hat aber einen Haken. Mit dem Basispreis 43 625 Euro, schon mit der mittleren Ausstattungslinie Comfortline wohlgemerkt, ist der Passat dann final in der automobilen Oberschicht angekommen.
Nun ist der VW Passat der Geschäftswagen schlechthin. Mehr als 80 Prozent der in Deutschland zugelassenen Autos der Baureihe laufen auf Firmen. Der Chef, es sei denn, er fährt selbst den Wagen, wird nur selten seine Haken an diesem Modell dranmachen. Der Normalfall liegt dann eher beim 150-PS-TDI, der sich schon in der letzten Baureihe als der alles überstrahlende Bestseller erwies. Wir haben aber noch eine Runde mit dem 1,4 Liter großen TSI-Motor als Limousine gedreht, der vor allem im Ausland beliebt ist. In der Türkei etwa, wo rund 25 Prozent aller europäischen Limousinen überhaupt hingehen.
Der aus dem Golf bekannte Motor, der sich hier in neuer Evolutionsstufe vorstellt, lässt sich im Passat gut an. Mit 150 PS ist der leichteste aller Passat ausreichend motorisiert, das Sechsgang-Handschaltgetriebe schlägt sich mindestens ebenso gut wie der Doppelkupplungsautomat. Insgesamt ist der Schwund an Agilität gegenüber dem starken Diesel sehr überschaubar. Da machen sich die 348 Kilo weniger an Gewicht schon bemerkbar. Das ist in der Summe wohl näher an dem, was die meisten Chefs absegnen würden. Grämen muss sich da allerding kein Angestellter, denn mit dem normalen Bordcomputer und dem kleineren Navi (555 Euro) lässt es sich sehr gut leben. Und mit einem Normverbrauch von glatten fünf Litern ist er für einen Benziner recht sparsam. Für die ersten Testkilometer lag der Verbrauch laut Bordcomputer bei 6,4 Liter.
Der 150-PS-Benziner ist gleichzeitig auch die derzeit günstigste Variante, Passat zu fahren. Für ihn ruft Volkswagen 33 500 Euro auf. Als Variant kostet er 1175 Euro mehr. Für den 150-Diesel berechnet VW 35 700 Euro (Variant: 36 875 Euro) und der Kombi mit dem starken Diesel kommt auf 46 300 Euro.
Denken wir zurück an die typischen Mittelklasse-Kunden von einst. Da rutschen dann schon ganze Jahresgehälter für das Auto drauf. Immerhin bekommen sie dann ein Fahrzeug, das sich im Grunde keine wirklichen Fehler leistet. Das ruppige DSG-Getriebe oder der tiefe Sitz, das ist schon Jammern auf hohem Niveau. Und in Sachen Material-Mix sowie bei der Verarbeitung setzt der Passat einmal mehr Maßstäbe in seiner Klasse. Damit dürfte VW der Premiumkonkurrenz so einige Kunden abjagen. Für die Mittelschicht ist es mit der Neuauflage des Bestsellers hingegen nicht leichter geworden, den Primus seiner Klasse zu erwerben.

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