Auto : Bald auch für Erwachsene

Der Beetle ist out. Aber ein Blick auf die Neuauflage im Herbst verrät, warum der Ladenhüter doch noch ein Renner werden könnte

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Neues Format.
Neues Format.Foto: Abdruck fuer Pressezwecke honora

Die exklusive Einladung zu dieser Präsentation hätte glatt vom Bundesverteidigungsministerium stammen können. Denn bei den Sicherheitsanforderungen gilt die höchste Stufe. Mogeln? Unmöglich. Der Name auf der gemailten Einladung lässt sich nicht ändern, am Einlass erfolgt ein Abgleich mit dem mitgebrachten „Lichtbildausweis“. Und fast drohend ist vermerkt, „das Anfertigen von Ton-, Film- und Fotoaufnahmen, das Rauchen in der Halle sowie das Mitführen von Waffen und Glas- oder Metallbehältern ist während der gesamten Veranstaltung untersagt.“ Wofür so viel Sicherheit? Für die Weltpremiere der zweiten Generation des VW Beetle, die am 18. April auf drei Kontinenten zeitgleich stattfand: im asiatischen Shanghai, im amerikanischen New York und im europäischen Berlin. Extremer Aufwand für ein Auto, von dem im vergangenen Jahr in Deutschland gerade mal noch 2189 Stück verkauft wurden! Zum Vergeich: Im selben Zeitraum gingen gut 200 000 Golf über die Theken hiesiger VW-Händler.

Retro ist eben gar nicht so easy. Das bekam VW sechzig Jahre nach dem legendären Käfer von 1938 zu spüren, als der gefühlte Nachfolger antrat, um die Herzen der Autofahrer zu erobern. Er heißt nun nicht mehr Käfer, er trägt den neumodischen englischen Namen Beetle. Doch die Schuhe der Altikone sind einfach zu groß für den Neuen. Herz und Geschmack deutscher Käfer-Fans hat er jedenfalls nicht getroffen: zu wenig Tradition im Blech, zu pummelig, zu eng im Fond, zu billig im Innenraum (da tröstet die traditionelle Blumenvase nur wenig), keine sparsamen Motoren. Und letztlich schlicht zu teuer. Nach knapp 12 Jahren Bauzeit lief im Juli 2010 im mexikanischen Puebla der letzte Beetle vom Band. Weltweit wurden immerhin fast 1,3 Millionen Beetle verkauft.

Doch Deutschland ist nicht die Welt. In Übersee liebt man den pummeligen Typ mit dem Knuddelfraktor. Und so wurde der Rettungsschirm für den Beetle in den USA aufgespannt. Ausgerechnet im Land der unbeschränkten Kleinlaster mit ihrem Riesendurst.

Beetle Nummer zwei soll künftig auch in Deutschland besser laufen. Dafür wird sein Knuddelfaktor neuer Männlichkeit geopfert. Die Vorgabe von Chefdesigner Walter de Silva: „Entwerft ein neues Original.“ Erstaunlich gut umgesetzt hat diese schwierige Aufgabe der Indonesier Chris Lesmana. Für ihn ist der Ur-Käfer der „Gott unter den Autos“ – und mit Blick auf seinen Entwurf schwärmt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel von dem „geilen Heck“, lobt die „steilere Frontscheibe“ sowie die „stämmige Breite“.

Stämmig wirkt der so Gelobte vor der Enthüllung tatsächlich. Fast wie ein SUV. Groß, mächtig. Als das Tuch fällt, folgt die Entwarnung: Die Proportionen stimmen. Der Beetle II – nun auf der aktuellen Golf VI-Plattform – wirkt viel frecher als der Vorgänger, rückt gestalterisch näher an das Original, ohne es plump zu kopieren. Der Neue ist 1808 mm breit (plus 84 mm), 1486 hoch (minus 12 mm) und 4278 mm lang (plus 152 mm).

Einsteigen zur Sitzprobe – mit mehreren Überraschungen. Erstens: Im Innern ist viel mehr Luft, als man glaubt. Vorn sitzt jetzt ein 1,80-Meter-Mann, hinten ein 1,78-Meter-Typ. Ich daneben. Alle haben ausreichend Platz für Beine und Köpfe. Vier Erwachsene dürften also entspannt reisen. Zweitens: Dieses Auto ist nun urlaubstauglich: 310 Liter Kofferraum statt 209 beim Vorgänger. Praktisch sind die klappbaren Rücksitzlehnen. Drittens: Das Armaturenbrett ist nicht mehr – wie noch bei Beetle Nummer Eins – einen gefühlten Kilometer tief. Es ist kompakt, dabei so edel wie in keinem kompakten VW zuvor. Der Fahrer sitzt nun nicht mehr in der Mitte des Autos – wie bei einem DTM-Renner. Das Cockpit erinnert mit seiner lackierten Blende jetzt wirklich an den Ur-Käfer. Diese Applikation zieht sich bis in den Fond und klammert so geschickt den Innenraum. Toll gemacht. Viertens: Wegen der steileren Frontscheibe sieht man sogar die Motorhaube. Fünftens: Es gibt viele liebevolle Details wie das zweite Handschuhfach in der Blende (so wie im Käfer) mit einem ausklappbaren Griff in Audi-Qualität. Oder die runden Lüftungsdüsen im Alu-Look. Sechstens: Bei aller neuer Schönheit im Innenraum ist den Designern allerdings ein unverzichtbares Käfer-Detail abhanden gekommen: die legendäre Blumenvase! Doch vielleicht findet sich bis zum Marktstart im Oktober in der Aufpreisliste auch noch diese Option. Offizielle Preise nennt VW noch nicht. Hinter vorgehaltener Hand raunt mir auf Nachfrage ein VW-Pressemann zu: „Einstieg mit 105 PS unter 20 000 Euro, und ausstattungsbereinigt sogar günstiger als der Vorgänger. Frühjahr 2012 folgt das Cabrio. Sie werden staunen.“ Mal sehen.

Übrigens: Als ich das e-werk in Berlin noch vor Mitternacht verlasse, fragt mich ein wartender Schnorrer, ob er nicht mein All-Inclusive-Armband bekommen könne, um sich unter die Gäste zu mogeln. Nein, bescheide ich. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre es nicht gegangen. Denn die Servicekraft an der Kontrolle hat diesen speziellen Nachweis so am Handgelenk befestigt, dass er zerstört werden muss, will man ihn einem anderen geben. Mogeln unmöglich. Höchste Sicherheitsstufe eben.

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