Befreite Ferien : Wohnmobile: Dicke Schiffe für die Straße

Wie sich ein paar Tage im Wohnmobil anfühlen und was Opel für Fahrrad-Fans zu bieten hat.: Reisemobile sind beliebt, doch viele halten sie dennoch für zu behäbig. Ein Selbstversuch.

Kai Kolwitz
Wohnmobile
Mit dem Zuhause unterwegs: Wohnmobile sind nicht jedermanns Sache. -Foto: Mercedes-Benz

Es ist das Gras. Man riecht es ganz deutlich nach dem Aufwachen – würzig und intensiv zieht es durch die Dachluke des Mobils, in dem ich die Nacht verbracht habe. Ziemlich kommod übrigens: Knapp acht Meter ist der Camper lang, da bleibt viel Platz für ein Doppelbett, Nasszelle, Küche und eine Sitzecke, in der ich mir den verregneten Abend vorher damit verkürzt habe, auf dem Laptop DVDs zu schauen. Jetzt aber scheint die Sonne, der Tau blinkt sanft auf der Wiese und die ungewohnte Stille der brandenburgischen Wildnis hat ihr Übriges dazu getan, dass ich so gut geschlafen habe wie schon lange nicht mehr. Schön ist das.

Dabei mag ich gar keine Wohnmobile. Auch wenn ich vor dieser Nacht selten in einem drin war. Aber allein das Image: Bräsig und schwerfällig vor einem auf der linken Autobahnspur, gebaut für Menschen, die sich für den Urlaub am liebsten die Drei-Zimmer-Wohnung per Kran auf einen Tieflader packen würden und mangels Fahrpraxis mit ihren Rangierversuchen enge Ortsdurchfahrten für Stunden lahm legen können. Brrrr.

Aber nach dem Aufstehen muss ich feststellen, dass es ganz schön praktisch ist, hinten einfach alles stehen und liegen lassen zu können, obwohl es doch gleich weitergehen soll durchs Brandenburgische und Mecklenburgische. Den Perspektivwechsel verdanke ich übrigens Mercedes, die mit der Tour den James Cook der Tochter Westfalia vorstellen und dabei auch die Mobile anderer Hersteller präsentieren, auf dem Chassis des Sprinter-Lieferwagens aufgebaut sind.

Von denen ist mein Acht-Meter-Schiff so ziemlich das längste. LMC Liberty Finish TI nennt sich das Gefährt und ist ein so genannter „Teilintegrierter“. Das heißt, dass die Fahrerkabine noch aus originalem Sprinter-Blech besteht, während der Aufbau eine Spezialanfertigung aus Kunststoff ist. Vom Fahrersitz zum Bett im Heck kommt man trotzdem, ohne das Mobil verlassen zu müssen.

Und damit los auf die Straße. Da zeigt sich schnell, dass es das perfekte Wohnmobil für alle Einsätze nicht gibt. Denn die üppige Länge und Breite, die den Aufenthalt in der Nacht noch so gemütlich gestaltet hatte, macht den LMC in den kleinen Orten an der Mecklenburgischen Seenplatte nicht eben zum Manövrierwunder. Vor allem, wenn Gegenverkehr kommt und auf der Straße geparkt wird, hängen die Augen in den Rückspiegeln: Passt das? Wieviel Platz habe ich noch nach rechts? Kommen wir hier aneinander vorbei? Und was macht überhaupt der hintere Überhang?

Mit etwas weniger umbautem Raum würde man sich hier leichter tun. Dafür macht der Gegenverkehr auf der Landstraße artig Platz und fährt fast in den Graben. Entweder aus Respekt vor der schieren Größe des Gefährts oder weil die anderen Fahrer seltsame Fahrmanöver meinerseits vorab einkalkulieren. Zu Recht – es braucht eben ein bisschen Übung, bis man die Dimensionen des Riesenmobils genau so gut im Gefühl hat wie die eines VW Golf.

Tikro
Keine Kandidaten für Designpreise: Die Tikros überzeugen mit pfiffigen Ideen. -Foto: Westfalia

Bleibt als Erkenntnis: Wer per Wohnmobil im Urlaub problemlos auch in südeuropäischen Altstädten mobil sein will und auf Platz verzichten kann, der ist mit einer etwas kompakteren Ausführung wohl besser bedient. Zum Beispiel mit dem Tikro, der ebenfalls mit auf der Mercedes-Tour ist. Designpreise wird dieses Mobil mit seinem kastenförmigen Aufbau zwar nicht gewinnen, aber dafür punktet es mit Variabilität und pfiffigen Ideen. Das fängt schon damit an, dass der Aufbau des ebenfalls teilintegrierten Mobils nicht breiter ist als die Fahrerkabine – extra aufpassen an Engstellen fällt damit schon einmal aus. Auch die Länge, je nach Ausführung zwischen etwa 5,40 und 6,40 Meter, lässt sich leichter handeln als die acht Meter des Vergleichsobjekts. Dazu gibt es den Tikro ab Werk in mehr als 20 Grundrissen – etwa der Variante mit großer Heckklappe und zwei Stockbetten dahinter, die sich schnell herausnehmen lassen und das Mobil dadurch auch tauglich für größere Ikea-Aktionen machen.

Am stärksten punktet der Tikro aber beim Preis: Ab 46 000 Euro gibt es ihn auf Sprinter-Basis, liefert der Peugeot Boxer das Fahrgestell, dann sind es sogar nur 39 000 – für ein Mobil mit extra angefertigtem Aufbau ist das nicht viel Geld. Zum Vergleich: Rund 54 000 werden für den neuen James-Cook-Bus mit Hochdach minimal fällig, der lange LMC kommt auf mindestens 66 000 Euro. Dafür lassen sich viele Pauschalurlaube machen, am Urlaubsort viele Mietwagen buchen oder, wenn es denn ein Camper sein soll, viele viele Wohnmobile mieten. Deshalb räumen auch die Verantwortlichen der Hersteller unter der Hand ein, dass es vor allem Ältere sind, die sich den Traum vom eigenen Reisemobil erfüllen – in der Generation 50 plus sind Geld und Zeit vorhanden, die es braucht, damit sich ein eigener Camper wirklich lohnt.

Und ich? Ich mag ja keine Wohnmobile. Deshalb würde ich mir auch nach der Tour nie eins kaufen. Höchstens mieten. Darüber könnte man nachdenken.

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