Auto : Begrenzter Fordschritt

Zugegeben, der neue Focus Turnier ist schicker geworden – aber viele Konkurrenten sind irgendwie praktischer

von

Wo fängt man bei einem Kombi an? Na hinten! Denn das Hinterteil eines solchen Modells entscheidet für Hobbyspediteure über Wohl oder Wehe. Schön sollte er sein, aber vor allem viel Platz bieten und praktisch sein. Und da hat der neue Ford Focus Turnier in der nunmehr dritten Generation schlechte Karten für all jene, die sich kein X für ein U vormachen lassen.

Der Neue ist neun Zentimeter länger als der Vorgänger, bietet aber weniger Platz im Ladeabteil. In Zahlen. Alt: 4,47 Meter lang, 503 bis 1546 Liter Volumen. Neu: 4,56 Meter lang, 476 bis 1516 Liter Volumen. Fortschritt sieht anders aus. Doch irgendwo muss er doch zu finden sein? Sicher bei der Praktikabilität, denn da patzte der alte Turnier. Vielleicht hat der neue Turnier ja so ein schlaues System wie der neue Astra Sportstourer von Opel? Bei dem klappt die Rücksitzlehne auf Knopfdruck automatisch nach vorn, das Rollo läuft sauber in einer Führung und schnippt dann elegant nach oben weg. Doch Fehlanzeige: Fords Kombi bietet auch in der Neuauflage nur biedere Hausmannskost im Ladeabteil.

Legt man nur die Rücksitzlehnen um, steigt die Ladefläche an. Erst wenn man die Sitzkissen nach vorn gekippt hat, und dann die Lehnen umlegt, ist die Ladefläche (1,55 Meter lang und 1,15 Meter breit) eben. Das Gepäckraumabdeckrollo schnappt auf Handdruck mit Getöse nach hinten. Der Ausbau der Rollokassette ist nichts für zarte Frauenhände. Wir haben es mit unserer Partnerin ausprobiert. Und der Focus-Laderaum ist auch nicht so hochwertig ausgekleidet wie die Gepäckabteile des VW Golf Variant und Skoda Octavia Combi.

Dafür schwingt die Hecktür des Turnier so weit hoch, dass sich auch 1,90-Meter-Hünen keine Kopfnuss holen, sind Ladeöffnung schön groß und Ladekante mit 60 Zentimetern erfreulich niedrig. Der Turnier kann respektable 600 Kilogramm zuladen; mit seinen 1307 Kilogramm Leergewicht wiegt er weniger als viele seiner Artgenossen. Und in der zweiten Reihe sitzt man besser als in anderen Kompaktklasse-Kombis. Ford hat sich beim neuen Focus Turnier klar auf den Weg zum Lifestyle-Laster begeben, wo schickes Aussehen wichtiger ist als das letzte Quäntchen Raum und Praktikabilität. So liegt Ford’s neuer Turnier in seiner Klasse nur im Raum-Mittelfeld (siehe Kasten).

Er setzt auf andere Reize; zum Beispiel die sportlichere Form und natürlich auf das in dieser Klasse konkurrenzlos große Bündel an Fahrerassistenzsystemen (zwischen 350 und 1375 Euro extra): Fahrspur-Assistent, Spurhalte-Assistent, Müdigkeitswarner, Verkehrsschild-Erkennungssystem, Toter-Winkel-Assistent, Auffahrwarnsystem, Einparkautomatik.

Ford verlangt einen vergleichsweise günstigen Aufschlag von 800 Euro gegenüber dem 20 Zentimeter kürzeren Fünftürer. Ab 18 650 Euro geht es los mit dem 105-PS-Benziner in Ambiente-Ausstattung. Damit reiht sich der Ford preislich zwischen Opel und VW ein. Der Basisdiesel, ein 1,6-Liter-Motor mit 95 PS und Start-Stopp-System, beginnt bei 20 750 Euro. Er knausert am besten mit dem teuren Antriebssaft. Nur 4,2 Liter sollen es alle 100 Kilometer sein.

Wir sind den Spardiesel mit Start- Stopp-Automatik gefahren – und waren zufrieden mit dem Gebotenen. Der reale Verbrauch lag bei 5,8 Litern. Das geht in Ordnung. Der Diesel ist kein Reißer, zieht aber ordentlich durch, klingt nicht zu knurrig und harmoniert mit dem verblockten leichtgängigen Sechsgang-Schaltgetriebe. Bei den Benzinern dürfte der 1,6-Liter EcoBoost mit Start-Stopp-System mit 150 PS der Renner werden. Mit glatt sechs Liter pro 100 Kilometer verbraucht der Turbo-Direkteinspritzer nicht mehr als die veralteten und vergleichsweise durchzugsschwachen 1,6-Liter-Sauger mit 105 und 125 PS. Dabei fährt er sich eine Klasse besser, agiert leise, kräftig, unaufdringlich. Und macht Spaß. So soll es sein. Allerdings kostet er gleich 1250 Euro mehr. Ein Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe ist nur für die stärkeren Diesel lieferbar. Es gibt fünf Benziner von 105 bis 182 PS sowie vier Diesel von 95 bis 163 PS.

Trotz seiner vergleichsweise hohen Zuladung fährt sich der Turnier kaum anders als die Limousine. Und dies ist als großes Kompliment zu verstehen. Die Ford-Leute können gute Fahrwerke bauen; auch dieses hier. Nicht zu hart, nicht schwammig. Genau so, wie es die meisten mögen. Vorn fühlt man sich wie im Fünftürer, sitzt hinter einem sehr wuchtigen und verspielten Cockpit, das einen einmauert. Nur beim rückwärtigen Einparken stellt man fest, dass „hinten“ noch ein Stück mehr dran ist und dass der Turnier doch sehr unübersichtlich ist. Die Parkpiepser für 450 Euro Aufpreis sind eine gute Investition in ein möglichst kratzerfreies Autoleben.

Apropos Aufpreise: Hier halten es die Kölner leider wie Hersteller aus dem Süden unserer Republik. Das Basismodell ist nur etwas für den schönen Schein – ohne Klima und Radio. Beides kostet stramme 1750 Euro extra. Und erst ab mittlerer Ausstattung Trend (1650 Euro mehr als Ambiente) stehen sinnvolle Extras und Pakete zur Verfügung. Warum Ford die wichtige elektrische Kindersicherung für die hinteren Türen (60 Euro) erst ab Trend und nicht für die Basis Ambiente anbietet, wird wohl das Geheimnis der Marketingabteilung bleiben.

Kein Geheimnis verraten wir indes, dass auch die dritte Generation des Focus Turnier trotz seiner fehlenden Überraschungsmomente im Heck seine Freunde finden wird. Vielleicht nicht zuletzt wegen dieses ganz profanen überraschenden Umstandes: Schon kurz nach dem offiziellen Marktstart Mitte Mai bietet ein Online-Autohaus den neuen Focus Turnier bereits mit einem Rabatt von 22 Prozent an!

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

1 Kommentar

Neuester Kommentar