Auto : Bei der Tour de France müssten die raus

Cadillac hat zwei seiner Modelle mit einem bärenstarken Achtzylinder gedopt – aber das Fahrwerk von XLR und STS passt nicht dazu

Stefan Robert Weissenborn

Würde das Drehbuch nicht einen anderen Kraftprotz verordnen, Mike hätte sicher seine Freude am kompressorgeladenen, ladeluftgekühlten 450 PS starken 4,4 Liter V8-Motor im Cadillac XLR-V gehabt. So aber muss der todsicher auf die schiefe Bahn geratene Stuntman in Quentin Tarantinos Speed-Schocker „Death Proof“ mit einem Dodge Charger aus den 70ern Vorlieb nehmen – der historischen Authentizität wegen. Auch nicht schlecht, könnte man aus Automobilistensicht meinen, schiebt das Gerät mit dem ebenbürtigen Aggregat doch ordentlich an. Ein Muscle-Car eben, aber ein Relikt.

Lässt man die Muskeln auf modern spielen, kann man es indes machen wie Cadillac. Der amerikanische Traditionshersteller, in den Köpfen der meisten Menschen immer noch fest mit der Heckflosse und der Farbe Pink verknüpft, bringt jetzt mit dem V8-Aggregat den stärksten Antrieb der 104-jährigen Firmengeschichte auf den Markt. Eingepflanzt wird das verkapselte Herzstück dem seit 2004 verfügbaren Edel-Roadster XLR wie auch der oberen Mittelklasse STS, wo er 26 PS mehr leistet. An den Karossen prangen nun die Typenschilder XLR-V und STS-V. Beim Absatz ist man sich bei Cadillac bewusst, dass die beiden neuen Sportler eine Nischenerscheinung bleiben werden – aber man ist stolz auf die optisch unverkennbaren Alternativen zu den üblichen Verdächtigen unter den Getunten.

Vor dem Ritt heißt es im Roadster zweimal Knopf drücken: um dem bärenstarken Aggregat Leben einzuhauchen sowie, schönes Wetter vorausgesetzt, das Hardtop zu versenken. Für Letzteres gehen 27 Sekunden drauf. Eine Ewigkeit gemessen am Sprintverhalten. Der 1,7-Tonnen-Roadster passiert mit einem beherzten Tritt aufs Pedal in weniger als einem Fünftel der Zeit (4,7 Sekunden) die Marke Tempo 100. Bei 250 km/h wird abgeregelt. So sehr der Anzug überzeugt, das Fahrwerk tut dies nicht. Recht schwammig liegt der Wagen auf dem Asphalt, die Lenkung bleibt bei jeder Geschwindigkeit zu indirekt. Beworben werden diese Merkmale mit der besonderen Kombination aus Kraft und Komfort. Gemeint ist wohl die Arbeitsteilung des eigensinnig kantigen Roadsters mit der alteingesessenen Sportskanone Corvette, deren aktuelle Version C 06 unter dem gleichen Konzerndach gefertigt wird. Geerbt hat der XLR-V zwar die Bremsen des Klassikers sowie das Fahrwerk. Das wurde laut Cadillac jedoch mit Absicht wesentlich weicher abgestimmt.

Dass es bei den Amis dennoch sportlich ambitioniert zugeht, wird auch in der Limousinensparte mit dem STS-V belegt. Ebenso brachial wie sein flacher Verwandter bringt er die Kraft auf die Straße. Nur 0,2 Sekunden länger braucht das 200 Kilogramm schwerere Automobil für den Sprint. Der Stabilitätskontrolleur „Vehicle Launch Control“ ist schnell hintergangen, die heckgetriebenen Wagen erfordern in Biegungen die Zügelung des Gasfußes, sonst wird das Hinterteil nervös.

Fast klobig wirkt das ledergenarbte Lenkrad im STS, hatte man sich vorher passgenau in den engen Innenraum des Roadsters mit adäquat kleinem Volant eingeklinkt. Das Interieur beider Wagen ist qualitativ gut; nicht immer war das so bei Cadillac. Der fehlende Seitenhalt desLedergestühls stört allerdings. Als Vorteil mag mancher Kunde empfinden, dass er in Sachen Ausstattung nicht vor die Qual der Wahl gestellt wird. Denn: Die Wagen kommen immer mit Vollausstattung. Einziges aufpreispflichtiges Extra ist das Schiebedach für die Limousine. Nur die Farbe muss der Kunde wählen.

Die beiden V-Wagen sehen die Amerikaner als Teil ihrer Europa-Strategie. Die symbolisiert bislang aber am besten der Mittelklassewagen BLS, der im schwedischen Werk Trollhättan gefertigt wird und dem Saab 9-3 und dem Opel Vectra im Innern sehr gleicht. Als weitere Anpassung an den europäischen Markt wird auch der allererste Cadillac-Kombi gesehen, wie er in Form des BLS-Wagens Ende des Jahres verfügbar sein wird. Das Auto wird mit Bioethanol zu betreiben sein, anders als die V-Sportler, die sich zudem mit 14,9 (XLR-V) und (STS-V) 15,9 Litern auf 100 Kilometer einen ordentlichen Schluck genehmigen. Vom Verbrauch leiten sich 354 beziehungsweise 379 Gramm CO2-Emission je gefahrenem Kilometer ab. Damit hat es Cadillac nicht leichter, den für europäische Hersteller verordneten Flottendurchschnitt von 140 Gramm zu erreichen.

Stefan Robert Weissenborn

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