Bentley Continental Flying Spur : "James, folgen Sie dem Ferrari dort vorne"

Bentleys Continental Flying Spur ist eine mobile Burg. Aber das beeindruckt weder Motor noch Fahrwerk.

Kai Kolwitz

Eine interessante Nachbarschaft. Gleich zur Rechten bringen BMW-Instruktoren russischen Promi-Chauffeuren bei, wie sie ihre Fahrgäste auch im Angesicht eines Angriffs heil ans Ziel bekommen – wie die Übungsfahrzeuge beweisen, geht das nicht immer ohne blechliche Nähe ab. Auch zur Linken zeigen die per Handbremse dynamisierten 180-Grad-Wenden der Audi-Piloten, dass hier nicht für den normalen Verkehr trainiert wird.

Schauplatz des Ganzen: Ein ehemaliger Flughafen der Sowjetarmee im brandenburgischen Niemandsland. Keine ganz artgerechte Umgebung für den frisch überarbeiteten Bentley Continental Flying Spur. Warum wir hier sind? Wohl deshalb, weil die Fahrwerks-Entwickler des britischen Edel-Herstellers ihre Arbeit bisher nicht so wertgeschätzt gesehen haben, wie sie es verdient zu haben glauben. Also zeigt der Flying Spur nun auf dem alten Rollfeld, was an Dynamik in ihm steckt: Beschleunigung ist eh kein Problem, Brems- und Gegenlenkmanöver sollen zusätzlich zeigen, dass das Fahrwerk des schweren Briten viel viel mehr kann, als es je ein Fahrer von ihm verlangen wird. Und in der Tat: gut gearbeitet, Bentley. Die Karbonbremsen mit sagenhaften 42 Zentimetern Durchmessern sorgen dafür, dass die Limousine sich förmlich im rauen Startbahn-Asphalt festbeißt, die Fahrwerkselektronik hält den Bentley auch bei Geschwindigkeiten und Fahrfehlern noch traumhaft beherrschbar, bei denen bei abgeschalteter Traktionskontrolle kein Weg mehr an reifenrauchenden Drehern vorbeiführt – und das bei einem Fahrzeug von 2,5 Tonnen Leergewicht.

Aber das ist wohl nur recht und billig so. Denn Bentley hat den Überfluss im Continental Flying Spur gewissermaßen zum Konzept gemacht: Den Antrieb erledigt ein doppelt turbo-geladener Zwölfzylinder mit sechs Litern Hubraum, sagenhaften 560 PS und einem Drehmoment von 650 Newtonmetern. Zumindest dann, wenn das Geld nur für die Standard-Version gereicht hat. Steht der Schriftzug „Speed“ auf den Einstiegen, dann sind es noch einmal 50 PS und 100 Newtonmeter mehr und als Bonus gibt es ein sonores „Blubbblubb“ aus dem Auspuff beim Gaswegnehmen. Kann also sein, dass der Bentley eine sehr große, sehr schwere Limousine ist – nur interessiert das diesen Motor nicht besonders: Schon die Normal-Version schafft den Spurt auf 100 km/h in knapp über fünf Sekunden, die digitale Anzeige lässt die Zahlen rasendschnell bis Tempo 250 durchlaufen, ohne dass die Beschleunigung abzunehmen scheint. 312 km/h beziehungsweise 322 km/h wären drin.

Das sind die Leistungsdaten eines Supersportlers. Aber kauft man deswegen einen Bentley? Als Limousine? Also das Auto, in dem der Besitzer oft genug seinen Platz auf dem Rücksitz hat? Vielleicht noch deshalb, um den Fahrer auf der Autobahn ab und zu von hinten zur Ferrari-Jagd auffordern zu können.

Aber den wahren Grund findet man wohl, wenn man einen Blick ins Innere der britischen Burg wirft. Denn das, das können in dieser Form wohl nur Automacher von der Insel: Holz und Leder, egal wohin man blickt, im Überfluss und dennoch geschmackvoll verarbeitet. Mit hohem Handarbeitsanteil. Gern erzählt man bei Bentley die Geschichte von den fünf Stunden, die es einen Arbeiter kostet, nur das Lenkrad mit Leder zu überziehen. Die Uhr ist von Breitling, und wer in die als Extra bestellbare Stereoanlage investiert, der erhält ein Produkt der britischen Manufaktur Naim, das mit 15 Lautsprechern, zwei dicken Tieftönern und insgesamt 1100 Watt Leistung operiert. Implantiert in den Kofferraum eines bunten Kleinwagens wäre so etwas die Schau an jeder Nachttankstelle. Im Bentley sieht man die Anlage kaum und sie klingt, nun ja, einfach sehr sehr gut.

Knapp 180 000 Euro für den Normal-Continental und gut 200 000 für die Speed-Version möchte Bentley auf dem Konto sehen, damit die Zündschlüssel eines Flying Spur über den Tresen gehen (eine Geste, selbstverständlich hat der Wagen „Keyless Go“). Das ist eine Menge, relativiert sich aber ein wenig, wenn man bedenkt, dass das britische Produkt damit noch in Sichtweite zu den Topversionen der Mercedes-S-Klasse oder BMW 7er liegt. Aber apropos Geld: Tiefe Taschen braucht der Bentley-Fahrer auch an der Tankstelle: 25,3 Liter Verbrauch nennt der Hersteller für den Stadtverkehr. Über Land sind es 11,6 Liter, wobei mildtätig die Tatsache wirkt, dass im Standardzyklus nicht schneller als Tempo 120 gefahren wird – in Sachen Bentley wohl eher eine theoretische Begrenzung. Aber dafür dürfte Chauffeur James in Zukunft öfters mal frei haben.

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