Bentley Continental GT : Ein Tag auf Speed

Ein Wagen wie eine Burg - und zwar wie eine sehr, sehr schnelle: Unterwegs im schnellsten Serien-Bentley aller Zeiten.

Kai Kolwitz

Es sind die Blicke. Unter den Linden, kurz vor dem Adlon, hebt für einen Porsche 911 kaum jemand den Kopf. Maserati? Sehr elegant, aber dabei auch so dezent, dass man ihn schnell übersehen kann. Doch jetzt, das Pärchen auf dem Motorroller: Beide gucken – und vor allem die Sozia gibt sich viel Mühe herauszufinden, wie jemand aussieht, der mit so einem Gefährt unterwegs ist.

Wir lernen: Für Freunde des Understatements ist so ein Bentley Continental GT definitiv nichts. Nicht, dass der Wagen in irgendeiner Weise billig oder vulgär wirken würde. Aber er fällt auf. Zum Teil liegt das schon an den Abmessungen und der schieren Wucht der Erscheinung: Mit 4,80 Meter Länge ist er zwar kürzer als eine S-Klasse, dafür aber mit 1,90 Metern auch deutlich breiter. Den Rest macht das Design: Gerade die Front des 2004 vorgestellten Modells transportiert die klassische Bentley- und Rolls-Royce-Form ins 21. Jahrhundert. Und das macht sie so, dass man dem Wagen auch eine Rolle in „The Matrix“ zubilligen würde: Die Stoßstangen hat er irgendwie eingeatmet, das Ergebnis ist eine glatte Linie, aus der kaum etwas hervorsticht und der der große Lufteinlass eine edle Aggressivität verleiht. Ein Wagen aus einem Guss.

Der optische Eindruck führt nicht in die Irre: Mit 560 PS und 318 km/h Spitze protzt schon der normale Continental GT – und was das Paar auf dem Roller wohl nicht erkannt hat: Ich habe noch etwas Besseres. Mein Bentley ist ein Continental GT Speed – für 25 000 Euro Zuschlag zu den 180 000 Euro des normalen Coupés gibt es 50 Extra-PS, ein Drehmoment von Rangierlok-ähnlichen 750 Newtonmetern und weitere 8 km/h Endgeschwindigkeit. Die sind übrigens nicht ganz so theoretisch, wie es den Anschein haben könnte. Denn in Bentleys Heimat Großbritannien sagt man dazu 202 Miles per Hour – die erste zwei ist es, die den Unterschied macht. Auch wenn man das wohl nie erfahren können wird.

Nun war aber auch der Vortrieb des normalen Continental GT nicht unbedingt so, dass er viele Wünsche unerfüllt gelassen hätte. Warum also der Nachschlag? „Kundenwunsch“ sagt man bei Bentley und positioniert den Speed als Modell für Fahrdynamiker. Deshalb wurde nicht nur die Leistung gesteigert, sondern auch an Lenkung, Chassis und Fahrwerk gearbeitet, außerdem 20-Zoll-Felgen montiert, die nur mit dem Top-Modell erhältlich sind. Dazu verfügt die Sechs-Stufen-Automatik über einen „Dynamik“-Modus. Der lässt den Rädern mehr Schlupf durchgehen, macht damit spektakulärere Ampelstarts möglich und leichte Drifts, bevor die Elektronik die Dinge in Ordnung bringt. Im Ergebnis all dessen liegt der Turnschuh-Bentley spürbar straffer als sein Bruder. Man spürt mehr Straße und mehr Kurve – für Komfortfetischisten wohl ein Rückschritt, aber die können sich ja mit der 560-PS-Variante bescheiden.

Und natürlich kommt die CD im Wechsler auch im Speed nicht ins Springen. Dafür sorgt schon die Luftfederung. Und der Innenraum ist absolut High End: Ein Meer aus Leder, garniert mit hellem Holz, ein paar Akzenten in Aluminium und mehr Knöpfen für Wohlfühl-Gadgets, als man auf einer Autobahnfahrt von Berlin nach Hamburg und zurück ausprobieren kann. Wow. Selten so kommod vorangekommen.

Und so schnell, ohne es großartig zu merken. Von der Leistung her fährt sich der GT Speed, naja, sagen wir, wie eine aerodynamisch optimierte Burg, unter die jemand eine Turbine geschnallt hat. Zwar spürt man das Leergewicht von 2,3 Tonnen (Originalton Bentley: „Unsere Kunden schätzen genau das“). Aber was fasziniert: Gleichzeitig ist der Vortrieb fast schwerelos, die immense Leistung aus zwölf Zylindern, zwei Turboladern, sechs Litern Hubraum und 48 Ventilen schiebt den Wagen auch weit jenseits der 200 Stundenkilometer noch so druckvoll an, dass sich jenseits abgesperrter Strecken die Grenze nicht austesten lässt.

Ebenso wenig, wie sich der Leistungsunterschied der Geschwister bemerkbar macht: 4,5 Sekunden braucht der eine bis Tempo 100, 4,8 der andere – beides Werte, die auch Besitzer diverser anderer teurer Sportwagen ins Schwitzen bringen. Den Überholsprint von 80 bis 120 erledigt der Continental GT Speed in glatten drei Sekunden – und es gibt selten ein Auto, in dem man sich bei solchen Tätigkeiten so gut aufgehoben fühlt: Die hohe Gürtellinie, die schmalen Fenster und der hohe Mitteltunnel vermitteln Geborgenheit, auch hier wieder Burg-Gefühl – und verlangen gleichzeitig Reife. Denn trotz Allrad und den laut Hersteller größten im Serienbau verwendeten Bremsen überhaupt: Die Physik kann auch der schnelle Bentley nicht austricksen.

700 Kilometer Autobahn, viel Stadt- und Überlandverkehr – und trotzdem kaum gestresst beim abendlichen Aussteigen. Das ist es, was ein Gran Turismo leisten sollte. Und so würde sich der Continental GT als optimales Gefährt empfehlen, wenn öfters lange Strecken anstehen und wenn Geld keine Rolle spielt. Allerdings: 16,6 Liter Verbrauch (396 g CO2/km) hat der EU-Testzyklus für den GT Speed ergeben, genauso viel wie für den schwächeren Bruder. Doch der Zyklus endet bei Tempo 120 und für den Bentley ist das ein Brabbeln kurz über Leerlauf. Wer Leistung fordert, der treibt die Werte nach oben. Genau haben wir es nicht gemessen. Aber 90 Liter fasst der Tank – auf dem Rückweg aus Hamburg war schon ein Nachschlag fällig.

Und noch etwas gibt es, das den Neid auf den Bentley-Mann mindern kann: Die Nacht verbringt der Continental GT bewacht hinter der Schranke auf dem Redaktionsparkplatz, weit weg vom Bett des heutigen Fahrers. Denn so ein Wagen, nachts ganz allein in einer dunklen Seitenstraße – das möchte man dann lieber doch nicht riskieren.

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