Berlin-Steglitz : Tod eines Autohauses

Eine Geschäftsaufgabe unter dubiosen Umständen - übrig sind ratlose Kunden.

Kai Kolwitz
Autohaus Hildebrandt
Haus ohne Autos. Die verschlossenen Hildebrandt-Räume in dieser Woche. -Foto: Rückeis

Das Ende kam plötzlich für Renault Hildebrandt: Zu Beginn der vorigen Woche teilte der Inhaber der Belegschaft mit, er habe verkauft. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Transporter standen auf dem Hof des Steglitzer Firmengeländes, Renault holte sich die Neufahrzeuge des Händlers zurück, Lieferanten luden ihre Ware wieder auf. Den letzten Schritt machte die Hausverwaltung: Sie ließ die Schlösser austauschen. Seitdem zieren DIN- A4-Ausdrucke die Tür: Man habe vom Pfandrecht Gebrauch gemacht, wer noch Besitz in den Räumen habe, möge das nachweisen, dann könne der während der Bürozeiten abgeholt werden.

Zwischendurch hatten alle Mitarbeiter die Kündigung erhalten, mit einer Frist von neun Tagen, verfasst vom neuen Eigner, einer britischen Limited mit Adresse auf der griechischen Insel Rhodos. Als Postanschrift diente die Adresse einer Berliner Unternehmensberatung in der Kurfürstenstraße.

Mittendrin in dem Chaos auch die Kunden: Zwar war es den Mitarbeitern noch gelungen, die meisten Reparaturfahrzeuge auf die Straße zu schieben. Doch Schlüssel und Papiere lagern noch in dem verschlossenen Haus. Vor Problemen stehen auch die, die Winterreifen hatten einlagern lassen. Und die, die einen Wagen zwar schon angezahlt, aber noch nicht erhalten hatten.

„Es wird immer mehr“, sagt Silvia Schattenkirchner, Rechtsanwältin beim ADAC, zum Thema Insolvenzen. Am schlechtesten dran sind dann Kunden, die bereits Geld gezahlt, aber noch keine Ware erhalten haben. „Die Anzahlung ist zumindest fürs Erste weg“, erklärt Schattenkirchner. Den Geschädigten bleibt nur, ihren Anspruch beim Insolvenzverwalter geltend zu machen – und zu hoffen. „Der Verwalter erfasst, was an Vermögen und Forderungen vorhanden ist, und zahlt nach festgelegten Reihenfolgen und Quoten“, so die Anwältin. Allerdings: Dass das ganze Geld zurückgezahlt wird, ist selten der Fall. Und das Verfahren dauert sehr lange – ein halbes oder ganzes Jahr sind keine Ausnahme.

Im Fall der eingesperrten Reparaturfahrzeuge und Winterreifen sieht die Lage besser aus. Denn, so Schattenkirchner: „Ein Vermieter hat ein Pfandrecht nur auf Dinge, die dem Mieter gehören.“ Dem Vermieter muss der Kunde also sein Eigentum nachweisen, im Fall eines Autos etwa durch den Brief, und kann Fahrzeug oder Reifen zurückfordern. Sollte es hart auf hart kommen, kann auf Herausgabe geklagt werden. „Per Eilantrag kann das recht schnell gehen“, beschreibt die ADAC-Anwältin.

Dagegen heißt die Insolvenz des Händlers nicht, dass Kunden aufhören können, Rechnungen, Kredit- oder Leasingraten zu zahlen. Denn zum einen wird auch der Insolvenzverwalter so etwas im Auge behalten, zum zweiten sind Finanzierungen in aller Regel über Banken organisiert, nicht über den Händler.

Im Fall Hildebrandt war übrigens am Donnerstag noch kein Insolvenzantrag gestellt worden. Und das sei es auch, was es Vertragspartner Renault schwer mache, den Dingen auf den Grund zu gehen, erklärt Sprecher Martin Zimmermann. „Sicherlich werden wir etwas für die Kunden tun“, allerdings bittet man noch bis Ende nächster Woche um Geduld, bis man selbst genauer durchblickt. „Bestellte Autos sind nicht verloren“, so Zimmermann. Nur wann und über welchen Händler sie geliefert würden, könne man einfach noch nicht sagen. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass der Händler wirtschaftlich selbstständig agiert habe. Direkte rechtliche Ansprüche an Renault gibt es damit nicht.

Und der Bis-vor-kurzem-Eigentümer des Autohauses? „Bestürzt“ und „nicht nachvollziehbar“ sind Begriffe, die im Gespräch mit dem Tagesspiegel immer wieder fallen. Man sei in Schwierigkeiten gewesen, aber nicht insolvent, die Bank habe darauf bestanden, dass eine Unternehmensberatung die Geschäfte begleite. Die, exakt die aus dem Kündigungsbriefkopf, habe man „per Post“ gefunden und ihr schließlich das Autohaus verkauft. Von dem, was dann passierte, sei er selbst total überrascht worden.

Die Unternehmensberatung wirbt übrigens schon auf ihrer Website mit der Möglichkeit, sich als Gesellschafter eines insolvenzbedrohten Unternehmens durch Verkauf in letzter Sekunde einen guten Abgang zu verschaffen. An einer wunderbaren Rettung des Autohauses Hildebrandt wird sie allerdings wohl nicht mehr mitwirken: Am Mittwoch wurden die Räume durchsucht, ihr Geschäftsführer in Untersuchungshaft genommen, als Teil eines weit größeren Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft untersucht fast 300 Fälle, in denen Unternehmen auf ähnliche Art „bestattet“ worden sein sollen. Die Vorwürfe lauten auf gewerbsmäßige Untreue, Insolvenzverschleppung, Bankrott.

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