Auto : Billig war gestern

Das bezieht sich zum Glück nicht nur auf den Preis: Eindrücke von der ersten Probierfahrt im neuen Kia Rio

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Mal ehrlich: Wer von uns hätte vor sechs Jahren gedacht, als die zweite Kia-Generation bei ihrem Start hierzulande von vielen belächelt wurde, dass die in Korea mal Autos auf die Räder stellen würden, vor denen sich sogar Volkswagen fürchten muss? Die Koreaner lernen verdammt schnell, sind bei ihrer Aufholjagd gar fixer als die Japaner bei ihrem Europastart vor gut 40 Jahren. Nehmen wir nur den neuen Rio, der an diesem Wochenende bei uns startet. Das attraktiv gestylte Auto hat nur noch den Namen gemein mit dem blassen Vorgänger. Und es ist – Hut ab – 2000 Euro billiger als dieser.

Der Einstieg beginnt nun bei 9990 Euro für den dreitürigen Rio 1.2 Attract. Damit liegt dieser nur 1000 Euro über dem viel kleineren Picanto. Der neue Rio wirkt viel stattlicher als sein Vorgänger, wurde jedoch gerade mal fünf Zentimeter länger. Mit 4,05 Metern ist er eine Handbreit länger als VW Polo und Co, denen er Käufer abjagen soll. An dieser Aufgabe scheiterte der alte Rio. Er verkaufte sich bei uns nur schleppend. Der deutsche Designer Peter Schreyer, der bei Audi den TT schuf, hat der koreanischen Marke ein Gesicht gegeben und neuen Schwung verpasst. Kein Mief mehr, sondern Selbstbewusstsein: Schaut her, ich bin nun wer.

Dieser freche Rio soll angreifen. Wird er es können? Und ob. Dieser Gedanke drängt sich spontan auf nach der ersten Testfahrt. Schon das Schließen der Tür. Es klingt nicht mehr blechern. Die Sitze passen sofort; sind europäisch straff mit ordentlichem Seitenhalt. Das Armaturenbrett macht was her; der matte Chromschmuck protzt nicht, sondern ziert; die weichen Kunststoffe sind hinterschäumt, und das Ganze wurde sorgsam zusammengebaut, mit liebvollen Details – so wie die Kippschalter für die Klimaautomatik im Stile des Lamborghini Gallardo. Ein netter Gag für den, der dies weiß. Das Lenkrad ist beheizbar, das Handschuhfach gekühlt, das Leder-Multifunktionslenkrad überladen, die USB- sowie iPod-Schnittstellen serienmäßig und die Rückfahrkamera aussagefähig. Hallo: Wir reden hier von einem koreanischen Kleinwagen!

Der um sieben Zentimeter gewachsene Radstand auf nun 2,57 Meter (wie beim VW Golf!) macht sich positiv bemerkbar: Dieser Kleinwagen bietet mehr Platz als man glaubt. Trotz der coupéhaften Form sitzen auch im Fond 1,80-Meter-Typen bequem, weil die Sitzbank tief eingebaut ist. Auch der Kofferraum wuchs und fasst nun mit einem Volumen von 288 Litern eine Einkaufstüte mehr als der des VW Polo. Doch die schnittige Linie hat auch ihre Kehrseite: Der neue Rio bietet eine schlechte Rundumsicht. Das ist nicht gut für ein Stadtauto und dessen Qualitäten beim Einparken.

Ausgesprochen gut dagegen sind die Fahr-Qualitäten des Neuen. Straffes Fahrwerk mit beruhigender Trittsicherheit und gutem Komfort. Das schafft Vertrauen. Wenn man (ganz kurz!) die Augen schließt, wähnt man sich in einem VW Polo. Was braucht man noch zum angenehmen Fahren? Den passenden Motor. Kia hat zum Modellstart vier im Angebot. Zwei Benziner mit 85 und 109 PS sowie zwei Diesel mit 75 und 90 PS. Drei aufgefrischte alte Bekannte und ein Neuling. Wir sind alle gefahren und meinen: So richtig empfehlenswert ist nur der Neuling! Der kennt kein Turboloch, zieht bereits ab 1500 Touren kräftig los und dreht samtig hoch. Doch Drehzahlorgien braucht man gar nicht. Das serienmäßige Start-Stopp-System funktioniert zuverlässig und ohne Ruckeln. Das soll ein Dreizylinder-Diesel sein? Stimmt, sagt der Blick unter die Haube. Nur 3,8 Liter auf 100 Kilometer gibt Kia an. Wir landeten bei 4,8 Liter. Okay. Der 15 PS stärkere Vierzylinder-Diesel, den es nur in der Topversion Spirit gibt, ist die 2100 Euro Aufpreis nicht wert. Bei den Benzinern geht der Punktvorteil ebenfalls an den Kleineren mit 1,2 Liter Hubraum. Er macht aus seinen bescheidenen Möglichkeiten mehr, reicht für die automobile Grundversorgung aus. Doch er muss drehen. Und das treibt den Verbrauch hoch. Statt versprochener fünf Liter stand bei uns eine Sieben auf dem Bordcomputer. Merkwürdig: Bei den Benzinern ist das Start- Stopp-System nur in der teuren Topversion Spirit an Bord; bei den Dieselmotoren immer. Der größte Benziner mit 1,4 Liter und 109 PS ist auch die größte Enttäuschung: lustlos und durchzugsschwach.

Und nur für den müden 109-PS-Benziner ist für 1000 Euro extra eine veraltete Viergangautomatik lieferbar, die den Verbrauch um knapp einen Liter erhöht. Besser, man verzichtet darauf, denn die Schaltgetriebe bereiten mit ihrer Präzision Freude.

Die Devise bei den Koreanern ist klar: Billig war gestern. Der neue Rio wirkt überhaupt nicht mehr billig. Da haben die Koreaner enorm aufgeholt. Aber er ist auch kein Billigangebot mehr. Der gut gemachte Rio besitzt jetzt einen selbstbewußten Preis. Für unseren Tipp, den fünftürigen Rio 1.1 CRDi in der Topversion Spirit mit Rückfahrkamera und Navi, sind 18 380 Euro fällig. Das ist für einen Kleinwagen verdammt viel Geld, aber immer noch gut 3000 Euro weniger, als VW für einen vergleichbaren Polo verlangt. Und der kann außerdem nicht mit einer Siebenjahresgarantie (siehe Kasten) aufwarten. Ob die Deutschen hier auch mal von den Koreanern lernen?

Wer bis 31.Dezember ein Edition 7-Modell kauft, erhält einen Frühbucherrabatt von 1070 Euro.

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