BMW 1er Cabrio : Der Sausewind

Pünktlich zum Frühjahr kommt BMWs 1er Cabrio zu den Händlern. Und hat das Zeug, Z4 und offenem 3er Kunden abzujagen.

Kai Kolwitz

So soll Sound sein. Dezent brummend und grollend bei niedrigen Drehzahlen. So etwa ab 3000 Touren geht es über ins Heisere – und wer tiefer tritt oder vor der Kurve den kleineren Gang reinhaut, der hört, wie der Reihensechszylinder seine Lebensfreude in die Welt trompetet. Roarrrrr – wie schön, dass der Begrenzer dem Spaß erst bei mehr als 7000 Umdrehungen pro Minute ein Ende macht.

Eigentlich ist es völlig cabrio-untypisch, was wir hier tun. Gleiten heißt doch die Devise, Landschaft erleben, Sonne tanken, sich an Frischluft erfreuen, jetzt, wo endlich der Frühling da ist. Rasen ist was für Kurierfahrer. Aber wenn das so ist, dann hätte man uns das neue 1er-Cabrio nicht als 125i in die Hand drücken dürfen. Und schon gar nicht mit Handschaltung. Denn der im Kontrast zur Modellbezeichnung drei Liter große Motor giert nach Drehzahl – untenrum ein bisschen flau, aber wer über 3000 Touren kommt, der erlebt Lebensfreude und atemberaubenden Vortrieb.

Um so mehr, weil auch das passende Fahrwerk an Bord ist: Der Wagen liegt straff, aber nicht unkomfortabel, mit Präzision lässt er sich um die Ecken dirigieren, der Grenzbereich liegt unverschämt hoch, dazu die Drehorgel unter der Haube – schon der geschlossene 1er war für seine Abstimmung hoch gelobt worden. Offen wird das Cabrio zur Fahrmaschine, zu einem Landstraßenräuber vor dem Herrn, zu etwas, das sich mit dem Fahrer zusammen auf die nächste Serpentine zu freuen scheint.

Nach Zwei- und Viertürer sowie dem Coupé ist das Cabrio, das an diesem Wochenende zu den Händlern kommt, schon die vierte Modellvariante des 1ers. Im Gegensatz zum offenen 3er eine Etage höher hat es BMW hier beim klassischen Stoffdach belassen. Puristen wird das freuen, denn das erhält eine elegante Silhouette auch bei geschlossenem Verdeck – zwar macht auch der große Bruder in dieser Hinsicht nichts falsch, doch genügend Stahldachcabrios gibt es auf der Straße, die mit hohem Heckbürzel und Stückel-Dach daran erinnern, dass sich Metall nun einmal nicht falten lässt. Und basierend auf der Coupéform hat es das Stoffdach den Designern erlaubt, dem offenen 1er einen Heckabschluss zu spendieren, der die Formen des Vorderwagens harmonisch weiterführt. Nicht unwuchtig, nicht zuletzt wegen der in die Seite gezogenen Rückleuchten und dem massiven Stoßfänger, aber stimmig und aus einem Guss.

Außerdem stellt sich die Frage, wo man die Stahldachteile denn überhaupt hätte unterbringen sollen: 305 Liter fasst der Kofferraum bei offenem Verdeck, bei geschlossenem sind es noch 260. Das ist gut für die Fahrzeugkategorie, aber insgesamt nicht üppig. Zum Vergleich: Der jüngst erschienene Rivale Audi A3 bietet sowohl offen als auch geschlossen je 260 Liter – dafür lässt sich bei ihm die Rückbank umlegen, während BMW nur als Extra eine, allerdings recht großzügige, Durchlademöglichkeit offeriert.

Aber Raumfetischisten werden sich sowieso nach einem anderen Wagen umsehen. Zwar ist vorne alles schön, sehr bequem und mit recht viel Seitenhalt versehen – das gilt vor allem dann, wenn die aufpreispflichtigen Sportsitze an Bord sind, bei denen sich Beinauflage und Rückenbreite auf den Fahrer einstellen lassen. Aber hinten... Dass BMW den 1er angesichts der Platzverhältnisse auf der Rückbank auch noch vollmundig als vollwertigen Viersitzer annonciert – reden wir nicht darüber. Und stellen nur fest: Wer Kinder hat, kann sie im 1er Cabrio transportieren. Doch wenn schon auf dem Fahrersitz ein normalgroßer männlicher Mitteleuropäer sitzt, dann geht für Erwachsene hinten kaum noch etwas. Selbst Kurzstrecken sind dann nur im Notfall zu empfehlen, längere Touren wären wohl ein Fall für die Folterkonvention der Vereinten Nationen.

Doch das spielt eigentlich keine große Rolle angesichts der beeindruckenden Fahrdynamik, die das eigentliche Argument für den Wagen ist. Wer will, kann ihn auch als 135i mit 306 PS bekommen, knapp 100 mehr als der von uns gefahrene 125i. Doch wofür man so viel Leistung im Cabrio braucht, lässt sich angesichts des fantastischen Reihensechsers nur schwer erahnen. 43 700 Euro kostet die Top-Variante, 7500 Euro weniger das von uns gefahrene Modell. Den Einstieg in die offene 1er-Welt bietet der 118i, in dem ein 143 PS starker Vierzylinder die Arbeit erledigt: 28 550 Euro werden dann aufgerufen, was 600 mehr sind als Audis günstigstes A3-Cabrio kostet.

Leider kommen nur die Vierzylinder im BMW, neben dem 118i noch der 120i mit 170 PS, in den Genuss sämtlicher Features, mit denen die Münchener Ingenieure beim Spritsparen helfen können: Zwar hat der 125i Dinge wie eine Rückgewinnung der Bremsenergie an Bord, andere Features wie zum Beispiel die Start-Stopp-Funktion bieten aber nur die Kleinen. Bemerkbar macht sich das natürlich beim Benzinverbrauch: Mit 8,1 Litern gibt BMW den 125i an, was 195 Gramm CO2 pro Kilometer entspricht. Im Alltag dürfte man den 1er wohl zumindest locker unter zehn Litern bewegen können. Wer den ganzen Spaß will, der zahlt allerdings unter Umständen heftig Zuschlag: Im Test kamen wir, auf kurvigen Bergstraßen, mit viel Motorbremse, kleinen Gängen und Drehzahl bis nah an den Begrenzer auf… 13,2 Liter. Um das zu schaffen, muss man aber schon fast rallyemäßig unterwegs sein und der 53-Liter-Tank wird dann auf einmal ziemlich klein – doch der Wagen macht viel zu viel Laune, um die Leistung nicht wenigstens ab und zu zu fordern. Und der Sound dabei – siehe oben...

Eins steht jedenfalls fest nach dem wilden Ritt mit dem schnellen offenen 1er: Zur Arbeit geht es in nächster Zeit nur noch mit dem Fahrrad. Wir schämen uns und tun Buße.

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