BMW X6 : Der hat uns gerade noch gefehlt

Im Sommer kommt der X6. Ein Coupé? Ein SUV? BMW versucht sich an einem Auto, das zusammenzwingt, was eigentlich nicht zusammengehört.

Eric Metzler
BMW X5
BMW X6. Mit mehr als zwei Tonnen unterwegs. -Foto: ddp

TECHNISCHE SCHMANKERL GEFÄLLIG? NEUER ALLRAD, NEUER MOTOR



Wenn BMW eine neue Fahrzeugkategorie ausruft, erwartet man auch neue Technik. Die gibt’s: Der serienmäßige Allrad xDrive ist in Verbindung mit DPC (Dynamic Performane Control – wir können nichts für diese Bezeichnungen!) noch schlauer geworden, je nach Fahrsituation werden die Antriebskräfte damit nicht nur zwischen vorne und hinten, sondern auch zwischen den Hinterrädern verteilt. Eine zweite Weltpremiere gibt es bei den Motoren – in Form des 50i mit 4,4 Liter Hubraum. Dieser größere von zwei angebotenen Benzinern liefert sympathisch grollend 407 PS. Dank Twin Turbo und Direkteinspritzung reagiert die Maschine schnell aufs Gas und zieht ohne Wenn und Aber. BMW erklärt das auch mit mit der extrem kompakten Bauart des Motors, die Druckverluste beim Ansaugen reduziert. Egal – das maximale Drehmoment von 600 Newtonmetern bei 1750 bis 4500 Umdrehungen dürfte selbst Bayern-Hasser in Lautern begeistern ... Unser Durchschnitts-Verbrauch lag bei 13,9 Liter (262g CO2/100 km) – für so einen Kracher akzeptabel. Am sparsamsten ist der X6 30d, für den 8,2 Liter gelistet sind (217g CO2/100 km); der zweite Diesel, der 35d, soll kaum mehr schlucken.

GIB’ GEFÄLLIGST MAL GAS! SO SCHLÄGT ER SICH AUF DER STRASSE

Was kann man, was darf man von einem Auto verlangen, das weit mehr als zwei Tonnen auf die Waage bringt? „Fahrdynamik in bisher nicht gekannter Ausprägung“ wie BMW verspricht? Zunächst ein paar lose Eindrücke von alltäglicher Strecke: Der X6 lenkt sich leicht, aber nicht schwammig. Das Fahrwerk ist exzellent, wir spüren so viel von der Straße wie wir in einem sportlichen Auto spüren wollen – aber eben nicht mehr (worauf wir wegen der riesigen Räder durchaus gefasst waren).

Angesichts des hohen Schwerpunktes warten wir eingangs schnell gefahrener Kurven geradezu darauf, dass sich der Wagen hineinlegt. Aber der X6 macht keinerlei Anstalten, wankt nur minimal. Uns ermuntert das, die nächste Kehre schneller zu nehmen – und da merken wir doch die Masse unter dem Hintern. Der BMW schiebt jetzt merklich – doch schon im Moment des Gedankens korrigiert sich der Wagen selbst. Der variable Allrad verteilt die Antriebskraft so, dass der Fahrer nicht eingreifen muss, um seine Spur zu halten. Nach wenigen Kilometern ist klar: Äußerlich mag er ein wenig auf SUV machen, dem Wesen nach ist er ein Sportler. Auf dem Regenparcours und im Slalom sammelt der X6 noch mehr Punkte: So leichtfüßig und präzise der Koloss um die Pylonen wedelt, so stabil bleibt er auf teils rutschigem Untergrund oder bei plötzlichen Ausweichmanövern.

Ach so: Auf den neuen Achtzylinder mit 407 PS kommen wir noch; er passt kongenial zum Charakter dieses Autos. Über den Komfort unterwegs verlieren wir an dieser Stelle kein überflüssiges Wort. Der ist BMW. Ganz und gar.

WEM SOLL DER GEFALLEN? DAS IST DIE IDEE DER BAYERN

Zunächst die Variante, die wir für unwahrscheinlich halten: BMWs Design-Guru Chris Bangle wachte eines Nachts auf, sprang aus dem Bett und schrie: „Den müssen wir bauen.“ Nein, schwer zu glauben, dass ein Zwitter wie der X6 der Traum irgendeines Gestalters ist. Bestimmt war es anders. Die Kollegen vom Marketing haben eine ganze Nacht mit Konsumforschern durchfantasiert, um am Ende doch nur eins und eins zusammenzuzählen – einen unkaputtbaren Trend und ein unerschütterliches Image. Also: Wenn Privatkunden überhaupt noch neue Autos kaufen, dann SUV; robuste Typen, die nach Gelände und Gelassenheit riechen (und im Falle von X3 und X5 tatsächlich für Wiesen taugen). Zweitens: Wenn jemand auf BMW steht, dann fährt er gern sportlich und mag gutes Design. Müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht beides auf einen Nenner passt! Nun haben die Bayern zum Beleg dieser These ein „Sports Activity Coupé“ gebaut. Das muss man sich nicht merken, aber tatsächlich fährt der X6 in eine recht neue Nische. So einen Mischling hat bislang nur Mazda gewagt. CX-7 heißt der Crossover der Japaner, er kam nach guten Erfolgen in den USA im letzten Jahr nach Deutschland.

FALLS ER IHNEN GEFÄLLT: WAS ER MITBRINGT, WAS ER KOSTET

Nach der Ausfahrt ist klar: Auch wenn sich der X6 die Plattform mit dem X5 teilt, er fährt sich frecher und präziser – dank DPC vor allem in Kurven. Die Fahrqualitäten und die individuelle Optik lässt sich BMW mit etwa 3000 Euro mehr vergolden. Bei den Dieseln beginnt der Spaß bei 55800 Euro für den X6 30 d mit 235 PS; der 35d mit 286 PS kostet 61800 Euro. Die beiden Benziner-Turbomotoren gibt es ab 56800 Euro (35i mit 306 PS) beziehungsweise ab 73800 Euro (50i mit 407 PS). Die Aufpreisliste ist nicht kürzer als bei anderen BMW.

Obwohl der X6 darauf besteht, zumindest ein bisserl was von einem bayerischen Coupé zu haben, offeriert er Nützlichkeiten, die eigentlich andere Karosserieformen definieren: vier Türen, eine geteilt umklappbare Rückbank und einen respektablen Kofferraum mit 570 bis 1450 Litern Stauraum. Die abfallende Dachlinie ließ uns vermuten, hinten schnell an die Grenzen des Bequemen zu stoßen – gut, beim Einstiegen zieht man den Kopf ein, aber drin sitzt man tief und hervorragend, auch, weil sich der X6 hier auf zwei Plätze beschränkt. Im vorderen Teil des Innenraums ist der X6 kaum vom X5 zu unterscheiden; bemerkenswert die gepolsterten Knieschützer am Mitteltunnel, eine Einladung gewiss, Kurven nicht allzu ängstlich zu nehmen.

Der X6 wird serienmäßig mit Sechsgang-Automatik geliefert. Der Gangwahlschalter wird analog zum X5 nicht mehr durch eine Kulisse geführt, antippen reicht. Wer mag, schickt die Automatik in Bereitschaft und schaltet manuell mit dem Wahlhebel im Mitteltunnel oder mit den Paddels am Lenkrad.

TUN SIE UNS DEN GEFALLEN – STREITEN SIE MIT ÜBER DEN X6

Wer in Gottes Namen braucht so ein Auto? BMW hat einen X5 und ein 6erCoupé – reicht das nicht? Die Münchener wollen nun beides in einem. Probieren Sie es mal: Decken Sie die untere Hälfte des X6 auf dem großen Foto oben mit einem Blatt ab. Sieht elegant aus, oder? Nun schieben Sie das Blatt, bis nur die untere Hälfte frei liegt – ganz schön mächtige Wanderschuhe. Der X6 polarisiert – und schon darin könnte eine Erfolgschance liegen: Wer den kauft, hebt sich ab, ist im Gespräch, in Nachbars Garten und auf dem Boulevard. Darauf spekuliert der Hersteller hierzulande, auch wenn der X6 vor allem in die USA zielt. Bei uns in der Redaktion jedenfalls wird gestritten: Der Schreiber dieses Artikels ist geständig. Je länger er den X6 an zwei Testtagen sah, desto schöner fand er ihn – sonst geht es ihm meist umgekehrt. Der daheimgebliebene Kollege bleibt standhaft: Es ist ein Zwitter und er sieht aus wie ein Zwitter, nein, damit wird er nie warm.

Was halten Sie vom X6? Schreiben Sie uns ganz offen. Interessante Zuschriften wollen wir drucken – deshalb die Bitte: Fassen Sie sich kurz. (per Fax: 030-26009548 oder per Mail an mobil@tagesspiegel.de).

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