BS4 : Chinakracher oder Rohrkrepierer?

Als die Japaner in den Siebzigern nach Deutschland kamen, wurden sie belächelt. Jetzt machen die Chinesen mobil – mit dem Brilliance BS4.

Eric Metzler
BS4
Schlechtes Preis-Leistungsverhältnis: der BS4. -Foto: promo

„Der BS4 ist attraktiv für die Gesellschaft der Mitte, die ihren sozialen Status verteidigen will, obwohl es immer schwerer wird.“ (Hartwig Hirtz, Brilliance Deutschland)

Gut – wirtschaftlich dürfte das zum aktuellen Lebensgefühl vieler Deutscher passen. Aber passt auch dieses Auto dazu, dessen erste Exemplare gerade in Bremerhaven angelandet sind? Das Modell hat einen weiten, sehr weiten Weg aus China hinter sich gebracht – und nach unserem Eindruck bei der Premiere hat es noch einen ebenso weiten Weg vor sich .

Der Brilliance BS4 ist zwar nicht der erste Versuch der Chinesen, in Europa ein Rad auf die Erde zu bekommen. Aber es ist der erste ernstzunehmende: Mit dem größeren Bruder, dem BS6, nahm der Hersteller vor zwei Jahren Anlauf – und fuhr gegen die Wand. Das Image der Marke zerschellte auf dem Prüfstand, motiviert gestartete Händler schämten sich in Grund und Boden, kurz: ein Desaster.

Verständlich, wenn Brilliance sich Monate wegduckte und alles unterließ, was zum Kauf des Unglücksautos hätte verleiten können. Im Stillen arbeitete man am kleineren BS4; so lange, bis die Karosserie versprach, drei Sterne beim Crash-Test erreichen zu können. Das offizielle Prüfergebnis steht noch aus. Doch klar ist, viele Wettbewerber bieten mindestens einen Stern mehr. Kein Wunder, denn dem BS4 fehlt ein entscheidendes Sicherheitsfeature, das inzwischen selbst bei Kleinwagen Usus ist: Das Stabilitätsprogramm ESP. Erst 2010 kann Brilliance damit dienen – schade und peinlich zugleich.

Leider können wir für die 1.6- und 1.8-Liter-Modelle, die wir auf einer ersten Probefahrt bewegten, generell keine besseren Etiketten vergeben. Wir gehen mit dem festen Vorsatz zum Auto, den China-Import neutral und unvoreingenommen zu erkunden. Mehr noch, wir geben einen Sympathie-Bonus für den Neuling, der sich trotz schlechter Zeiten was wagt. Auch deshalb freuen wir uns über die gelungene Optik: Pininfarina hat die Limousine in klassischer Linie, aber mit modernen Konturen gezeichnet. Nach dem Einsteigen indes verflüchtigt sich die Begeisterung so schnell, wie ein unangenehmer Kunststoffgeruch in die Nase steigt. Vergebens suchen wir nach der perfekten Sitzposition. Der Hebel zum Zurückschieben ist winzig (Standard sind breite, leicht fassbare Bügel), die Lehnenverstellung zäh, das Lenkrad nur in eine Richtung und nicht hoch genug verstellbar. Unterwegs empfinden wir vor allem den kleineren (Mitsubishi-)Motor als brummig, die Handschaltung als hakelig. Die durchgehend schwarze Teilleder-Ausstattung „deluxe“ verdient den Namen insofern, als Klimaautomatik, Schiebedach, Alus und Einparkhilfe Serie sind – alles andere als luxuriös aber ist die Verarbeitung. Niemals bewegten wir ein Auto, in dem die Hand bis zum Ring in den Spalt zwischen Armaturenbrett und Fahrertür passt. Die Armlehne wackelt samt der Mittelkonsole zentimeterweit hin und her; die Fenstergummis sind teils in sich verdreht und verursachen Windgeräusche. Das Platzangebot und das Fahrwerk gehen in Ordnung. Auch der Kofferraum hält mit 430 Litern Vergleichen stand – schade nur, dass man zum Öffnen der Klappe den Schlüssel einstecken und rumdrehen muss.

Dass Brilliance den BS4 mit dem Slogan „Qualität, die überrascht“ bewirbt, muss man angesichts der präsentierten Fahrzeuge als tragikomisch bezeichnen. Auch der Aussage des Geschäftsführers, mit diesem Brilliance sei man „dort, wo andere zu teuer sind“, mögen wir nicht folgen: Der Einstiegspreis ab 15 990 Euro liegt bei ähnlicher Motorisierung zwar unter dem eines Skoda Octavia oder eines Toyota Avensis – aber das chinesische Preis-Leistungs-Verhältnis ist schlechter.

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