Cadillac CTS-V Sport Wagon : Wahnwitzig unvernünftig, dieser Ami

Tempo 300 im schnellsten Kombi der Welt? Zumindest hat Cadillac Mut, sich Feinde zu machen

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250, 260, 270, 280, 285. Wir kommen dem Maximum rasant näher. Das Auto soll 308 km/h laufen. Eyh!! Was macht denn der da vorn?! Zieht einfach rüber. Hat der nicht in den Rückspiegel geschaut? Unser Tritt in die Eisen hat Folgen. Mit roher Gewalt beißen die 38 Zentimeter großen Stopper des deutschen Spezialisten Brembo zu. Das Auto verzögert so unversehens, als wäre ein Anker in die Autobahn gerammt worden, bleibt jedoch sehr stabil. Gut, dass uns keiner folgen konnte.

Mit der Bezeichnung Sport Wagon ist die Methode Wahnsinn seit einigen Tagen auf deutschen Straßen unterwegs. Und darf auch bei uns mit dem Vorzug werben, schnellster Serienkombi der Welt zu sein. Na, wissen Sie, wer politisch derartig unkorrekt den Erfolg sucht? Kein BMW, auch kein Mercedes. Die Rede ist vom Cadillac CTS-V Sport Wagon. Den wird man allerdings nur selten zu Gesicht bekommen. Denn außerhalb der USA ist ein Cadillac rarer als ein Aston Martin.

Und so selten wie der Ami ist, so spektakulär sieht er auch aus. Wie Batmans Dienstwagen. Ein Hingucker. Anders als die deutschen Mobile, die nicht anecken wollen. Wuchtig und kantig kommt der Ami daher. Gib mir die Kante! Das kann er in jeder Hinsicht. Denn eigentlich ist er eine Corvette mit fünf Türen. Diesen Rennkombi treibt nämlich der famose V8 aus der Corvette ZR-1 an. Und er tut dies mit einem weit gefächerten Klangspektrum: vom dumpfen Grollen bis zu einem hellen Sirren ist alles dabei. Doch nie wird es unangenehm, nie klingt es so aggressiv wie das giftige Röhren des 571 PS starken Mercedes SLS AMG. Selbst unter höchster Anspannung behält dieser Ami die Haltung. Dabei ist er sauschnell, wenn es sein muss.

Aber es muss nicht. Denn der CTS-V besitzt zwei Gesichter, wie wir erfahren haben. Das wunderbar schnelle und exakte Handschaltgetriebe fördert die Gewalt der Corvette auch in diesem Kombi zutage. Ungeübte Beifahrer dürften diese Beschleunigungsorgie als beängstigend empfinden. Gut, dass im erstaunlich praxistauglichen Kofferraum (412 bis 1484 Liter; ebene Ladefläche, automatische Heckklappe mit programmierbarer Öffnungshöhe) ein sinnvolles Schienensystem vorhanden ist, um die Ladung fest zu verzurren.

Sonst könnte es böse ausgehen. Ganz anders verhält er sich, wenn die Sechsstufenautomatik an Bord ist. Warum sollte man alles aus dem Auto herauskitzeln (wozu es übrigens hervorragend in der Lage ist!), wenn man so herrlich gleiten kann? Leise und unaufgeregt. Da wird der ungestüme V8 zahm, aber beileibe nicht zahnlos. Wie vom Gummiband losgelassen, schnellt der Ami nach vorn, wird gleichmäßig schneller und schneller und schneller. Dabei liegt er satt und stoisch auf der Straße; kein Rütteln, kein Klappern, kein Wanken.

Der Cadillac fährt sich überraschend komfortabel. Das liegt nicht zuletzt am Magnetic Ride Control. Das mit 1000 Regelzyklen je Sekunde weltweit schnellste Dämpfersystem, „erkennt“ den Zustand der Fahrbahn genauso wie den Willen des Fahrers – und reagiert binnen Millisekunden situationsgerecht. Dazu wunderbar agil, denn mit der hochpräzisen Lenkung vom deutschen Spezialisten ZF nimmt der 1,8-Tonner Kurven zentimetergenau unter die 255er Walzen. Gute Fahrwerke können die Leute von Cadillac also bauen. Zugleich räumt dieses Auto mit einem weiteren Vorurteil auf: Auch Amis können sehr gut verarbeitet sein, mit edlen Materialien glänzen und mit serienmäßigem Konzertklang verwöhnen.

Das Ganze gibt es in gewisser Weise zum Dumpingpreis – wenn man die üblichen Maßstäbe in gehobenen Preisregionen zugrunde. 82570 Euro verlangt GM für diesen schnellsten Kombi der Welt, egal ob mit Handschalter oder Automatik. Entsprechende deutsche Modelle sind gut 30 000 Euro teurer. Und bei weitem nicht so exklusiv.

Nur in einem muss der Cadillac passen. Er glänzt zwar mit sehr guter Serienausstattung (unter anderem Xenon-Scheinwerfer mit adaptivem Fahr- und Kurvenlicht, Sportsitze, Rückfahrkamera und Soundanlage). Aber bei elektronischen Assistenzsystemen wie Spurwechselwarner, Toter-Winkel-Assistent oder Abstandsradartempomat ist nichts los. In diesem Ami ist allein der Fahrer Herr der Dinge. Irgendwie passt das zu einem Typen, der sich so ziemlich mit allen anlegen dürfte, die zeitgemäß von A nach B reisen wollen.

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