Carsharing : Kosten ohne Nutzen?

Nicht nur in Berlin wird Carsharing immer populärer. In unserer Stadt ist das Angebot allerdings besonders vielfältig. Aber es entstehen auch Konflikte.

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Freefloater allerorten: Die Angebote von Car2go, Drivenow oder Multicity haben dem Thema Carsharing sicherlich geholfen.
Freefloater allerorten: Die Angebote von Car2go, Drivenow oder Multicity haben dem Thema Carsharing sicherlich geholfen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Auto als Statussymbol? Das gilt heute nur noch für wenige. In den sechziger Jahren zeugten die eigenen vier Räder von einem gewissen Wohlstand. Dann wurden Automobile immer exklusiver. Der Besitz eines Fahrzeugs bestimmter Marken belegte den eigenen Status. Das mag durchaus heute noch gelten, doch die Zeiten haben sich geändert. In überfüllten Großstädten wie Berlin ist das eigene Auto manchmal mehr Last, als es Lust bringt. Und es kostet viel Geld.

2894 Carsharing-Autos im Angebot

Dem Autokosten-Index 2013 des ADAC zufolge kommt schon ein kleiner Opel Adam mit einem 1,2 Liter großen Benzinmotor auf monatliche Kosten von 408 Euro – Anschaffung, Wertverlust und Betriebskosten addiert. Eine luxuriöse E-Klasse von Mercedes (E220 CDI) schlägt nach dieser Rechnung sogar mit 963 Euro monatlich zu Buche. Kein Wunder also, dass sich vor allem junge Menschen diesen Luxus nicht mehr vorbehaltlos gönnen wollen.

Zumal in der Innenstadt alternative Mobilitätsangebote an Attraktivität gewinnen. Neben dem Fahrrad als Verkehrsträger steigt die Bedeutung des Carsharing. In der Summe stehen den Bewohnern in und um den S-Bahnring in Berlin 2894 Carsharingautos von stationären und stationsunabhängigen Anbietern zur Verfügung.

Bei intelligenter Verknüpfung der Angebote können selbst ÖPNV-Muffel jederzeit mobil bleiben. Willi Loose vom Bundesverband Carsharing bestätigt: „Im Kontext mit anderen Verkehrsmitteln ist das Carsharing ein vollwertiger Ersatz eines privaten Autos.“

Konkurrenz für ÖPNV?

Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein mit den geteilten Autos, die nahezu omnipräsent in unserer Stadt unterwegs sind. Da wäre zum Beispiel die Frage der Nachhaltigkeit der sogenannten Freefloating-Angebote, wie Car2go, Drivenow oder Multicity. Stand heute liegen noch keine wissenschaftlichen Studien zu deren Nutzen für Stadt und Umwelt vor.

Immer wieder kommen Vorwürfe auf, dass die Überallautos die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs kannibalisieren. Damit würde der Autoverkehr nicht weniger, sondern mehr werden, woran keiner Stadt wirklich gelegen sein kann. Von der Kostenseite her betrachtet scheint der Verdacht stichhaltig, denn eine innerstädtische Fahrt mit der Dauer von 15 Minuten ist kaum teurer als ein Einzelticket der BVG.

Offen ist außerdem die Frage, ob diese Carsharingangebote auch tatsächlich Autos aus dem städtischen Raum verschwinden lassen. Für die stationsbasierten Anbieter, wie Cambio oder Stadtmobil, steht die durch Studien weitgehend belegte Annahme, dass etwa elf Automobile pro Carsharingauto vom Straßenrand verschwinden. Bei den Freefloatern dürfte diese Quote schlechter ausfallen, da viele Nutzer, zumindest erst mal, ihr Auto behalten. Studien müssen erst mal zeigen, welche positiven Effekte die hübschen Minis und die Smarts in Berlin wirklich bringen.

Großangebot: Rund um den S-Bahnring stehen den Anwohnern 2894 Carsharingautos zur Auswahl, gleichermaßen von stationären und stationsunabhängigen Anbietern.
Großangebot: Rund um den S-Bahnring stehen den Anwohnern 2894 Carsharingautos zur Auswahl, gleichermaßen von stationären und...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Auch in Sachen Parkplätze sind nicht alle Bürger erfreut über die Freefloater. In manchen Straßen nimmt die Präsenz bedenkliche Ausmaße an, und Anwohner, selbst mit Parkausweis, drehen so einige Ehrenrunden mehr, bevor sie einen Stellplatz ergattern können. Zwar ist die Fluktuation der Fahrzeuge recht hoch und die Autos stehen selten lange am gleichen Platz. Aber in den Abendstunden wird etwa im Prenzlauer Berg oder in Mitte die Parkplatzsuche zum Glücksspiel. Und nachts stehen sich eben auch Smart und Mini dann mal die Reifen platt.

"Freefloating ausprobieren"

Wie weit der Enthusiasmus der Politik für die Freefloater reicht, ist noch offen. Für Carsharingvertreter Willi Loose bekommen diese derzeit Vorschusslorbeeren. „Zahlreiche Kommunen, auch Berlin, haben Gutachten in Auftrag gegeben, die den Nutzen für die Städte untersuchen. Ob die Kommunen das weiter unterstützen, wird vom Ergebnis abhängen“, sagt er.

Dennoch steht Loose wie auch Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland den Angeboten positiv gegenüber. „Wir sollten Freefloating auf jeden Fall ausprobieren“, sagte er jüngst auf einer Veranstaltung des VCD zum Thema in Berlin. Das denken derzeit auch immer mehr Bürger, die sich dem Trend zum geteilten Auto immer zahlreicher anschließen. Der Verband „Mobil in Deutschland“ hat auch in diesem Jahr die Angebote der verschiedenen Carsharinganbieter auf Kosten und Nutzen untersucht.

Diesen Carsharingatlas 2013 finden Sie hier als PDF:

CarSharingAtlas2013

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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