Chinesische Autos aus Bulgarien : Neuer Angriff aus Fernost

Aller guten Dinge sind drei - Nachdem die chinesischen Hersteller bisher mit ihren Versuchen auf dem europäischen Markt zu landen kläglich gescheitert sind, versucht nun erneut ein Konzern aus dem Reich der Mitte hier Fuß zu fassen.

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Mit dem C10 will Great Wall im Billigsegment der Kleinwagen einsteigen. Allerdings erst mal in Osteuropa.
Mit dem C10 will Great Wall im Billigsegment der Kleinwagen einsteigen. Allerdings erst mal in Osteuropa.Foto: Hersteller

Erschreckend waren die Bilder der ersten Importautos aus China, die einen europäische Crashtest durchliefen. Die Lenksäule bohrte sich dem Dummy im SUV Landwind durch den Oberkörper, die Fahrgastzelle war nach dem Frontal-Crash mit 50 km/h komplett verformt und den seitlichen Aufprall hätte wohl keiner der Insassen überlebt. Die Autos des chinesischen Herstellers Jiangling und später auch die Modelle des BMW-Partners Brilliance, die gar im Premiumsegment ihr Glück versuchten, fielen mit großem Getöse durch den Euro-Ncap-Crashtest. Damit waren sie gleichzeitig für den europäischen Markt erledigt, denn Sicherheit ist das wichtigste Verkaufsargument.

Solche Fehler dürften dem Hersteller Great Wall nicht passieren. Wei Jian Jun geht fast demütig an die Aufgabe sich auf den schwierigen europäischen Automärkten zu etablieren. "Jeden Tag werden wir ein Stück besser", sagt der Milliardär und Firmenchef zu seiner Strategie. Mit großer Sorgfalt und planmäßig geht er vor und hat sich viel von seiner asiatischen Konkurrenz abgeschaut.

Selbst japanische Firmen mussten die Segel streichen

Denn so einfach ist es nicht in Europa zu landen. Das haben zuvor schon andere erfahren müssen. Daihatsu etwa, die Toyota-Tochter wird ihr Europa-Geschäft mit Ablauf dieses Jahres beenden. Die Japaner produzieren in Asien und sind damit schlicht zu teuer, um hierzulande eine signifikante Kundschaft zu erobern. Mitsubishi droht ein ähnliches Schicksal. Die Japaner, einst mit Daimler im Bunde, haben ihr Werk in den Niederlanden schließen müssen und kämpfen seit Jahren mit schwächelnder Produktpalette. Der Colt ist das Brot-und-Butter-Auto und der Klassiker Outlander das Aushängeschild. Sonst ist nicht viel in Europa und ohne das Kompakt-SUV ASX sähe es düster aus.

Im Innenraum gibt sich der China-Import keine Blöße. Im Gegensatz zu früheren Importen aus Fernost, die schon mal scharfe Kanten und spröde Materialien vorwiesen.
Im Innenraum gibt sich der China-Import keine Blöße. Im Gegensatz zu früheren Importen aus Fernost, die schon mal scharfe Kanten...Foto: Hersteller

Eine Lehre aus den bisherigen Versuchen in Europa zu landen ist, dass Importeure den speziellen Geschmack und die hohen Qualitätsanspruch der Europäer erfüllen müssen. Eigentlich schon übererfüllen müssen, denn sie werden noch skeptischer beäugt als die Konkurrenz. Blankes Blech im Innenraum, scharfe Kanten der Plastikverkleidungen oder liderlich montierte Verkleidungen sind im C10, dem ersten Modell für Europa, nicht zu finden. Der Innenraum ist zwar schlicht und funktional gehalten. Aber Materialien und Verarbeitung sind in Ordnung und lassen sich durchaus mit dem Establishment der Klasse, etwa einem Toyota Yaris oder einem Kia Picanto, vergleichen.

Der Preis ist das stärkste Kaufargument

Auch von außen gibt es wenig zu mäkeln. Der Auftritt des C10 ist eigenständig und kennzeichnet sich vor allem durch die markante Frontpartie. Noch vor Jahren kopierte Great Wall ganz dreist den Fiat Panda und zog sich so eine Klage der Italiener zu, die dazu führte, dass das Modell Peri kurzerhand vom europäischen Markt verbannt wurde. Solche Fauxpas sollen beim Neustart nicht mehr vorkommen. Damit Design und Qualität stimmen wird der Kleinwagen C10 in Bulgarien gebaut und europäisches Auto-Know-how hinzu geholt.  

Dieses Mal geht der Hersteller mit deutlich mehr Feingefühl für den europäischen Markt vor. Das zeigt sich schon bei den Werbeaufnahmen.
Dieses Mal geht der Hersteller mit deutlich mehr Feingefühl für den europäischen Markt vor. Das zeigt sich schon bei den...Foto: Hersteller

8200 Euro kostet der C10. Dafür gibt es Klimaanlage, Alu-Räder, Radio, Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber. Das ist durchaus mehr als bei der Konkurrenz. Aber ohne Sicherheit geht gar nichts und so hat der C10 beim chinesischen Crashtest fünf Sterne abgeräumt. Seit letztem Jahr entspricht der Test ungefähr den Normen des Euro NCAP. Daher wird es dieses Mal kaum Schreckensbilder bei der Prüfung in Europa geben. Technisch allerdings hat der China-Import noch Nachholbedarf, denn ESP kommt erst Ende des Jahres. Dafür liegt der C10 preislich ein paar 100 Euro unter einem Dacia Sandero.

Deutschland wird erst später erobert

Auch wenn es Schritt für Schritt geht, Great Wall will vorankommen und plant in großen Maßstäben. Das Werk in Bulgarien läuft in diesen Tagen langsam an. 150 Angestellte bauen in Bahovitsa nahe der Stadt Lovech östlich der Hauptstadt Sofia den Kleinwagen C10 und einen Pickup namens Steed 5. In ein paar Jahren sollen im Drei-Schicht-Betrieb 70.000 Einheiten jährlich gebaut werden.

Experten, wie der Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer vom Car-Institut der Uni Duisburg-Essen, trauen Great Wall durchaus was zu. Bis zu sechs Prozent Marktanteil könnten chinesische Autobauer in zehn bis 15 Jahren erobern. Fragt sich nur, wem sie diese abnehmen. Den deutschen Markt werden die Fahrzeuge von Great Wall erst mal nicht stürmen. Zunächst sollen die Märkte in Osteuropa, dann Skandinavien und Großbritannien beliefert werden. Aber Deutschland steht auch auf dem Wunschzettel und es wird nicht lange dauern, bis die große Mauer auch hierzulande in Erscheinung treten wird.

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