Chrysler Voyage : Vater sein dagegen sehr

1987 war der Chrysler Voyager einer der ersten Familien-Vans. Nun gibt es den Ami in neuer Auflage.

Stefan Jacobs

Die Sechs-Jahre-Sorglos-Garantie ersetzt das Fünf-Sterne-Premium-Paket, erklärt der Chrysler-Sachverständige, bevor er einem den Zündschlüssel überlässt. „Wenn Sie das Auto also nach vier bis fünf Jahren verkaufen, haben Sie also noch Garantie.“ Aber will man ihn denn so schnell wieder verkaufen? Immerhin ist der Chrysler Voyager nicht irgendwer, sondern quasi der Vater aller Vans. Jedenfalls nicht die Mutter, denn männlicher als die gerade auf den Markt gekommene Neuauflage war der Voyager noch nie: Höhere Fensterlinie, dickere Nase, schärfere Kanten. Gut, das Heck ist irgendwie Asia-Suppe geworden, aber sonst ist der Voyager jetzt ein echter Ami – und wird jetzt auch in den USA gebaut statt wie bisher in Österreich.

Da es sich um den Grand Voyager mit 5,14 Meter Außenlänge handelt (eine Kurzversion soll unter dem Namen „Dodge Journey“ folgen), lernt man ihn am besten bei einer Art Wohnungsbesichtigung kennen. Da hätten wir ein Wohnzimmer mit sieben Sitzen, die wahlweise mit extra schmutzabweisendem Stoff (Yes!) oder billig glänzendem Leder (No!) bezogen und halbwegs bequem, aber für Dünne beinahe zu breit sind. Der Ausblick ist in Ordnung, die Abstellkammer fürs Gepäck je nach Sitzbelegung groß bis unendlich. Herausnehmen lassen sich die Sitze nicht, aber im Boden versenken und je nach Version zueinanderdrehen oder so legen, dass die letzte Reihe zum Balkon wird. Das ist für amerikanische Eltern, die durch die geöffnete Heckklappe ihren Kindern beim Foot-, Base- oder sonstigem -Ball-Spielen zuschauen sollen. In Europa könnte es sich zum Angeln an befestigten Flussufern eignen.

Die Küchenausstattung umfasst 14 Becherhalter, so dass die Bewohner auch Handys, Knabberei und sonstiges Lebensnotwendige schnell zur Hand haben. Fernseher gibt es auf Wunsch für jedes Zimmer extra, so dass zum Beispiel die Kinder eins und zwei mit der Playstation ruhiggestellt werden können, während die Kinder drei bis fünf eine DVD schauen. Warum man auf dem Navi in der ersten Reihe auch eigene Fotos angucken kann, verstehen selbst die Chrysler-Leute nicht.

Warum das Auto eine Rückfahrkamera hat, versteht der Fahrer dagegen sofort. Die ist eines der wirklich wichtigen Details, weil sie zentimetergenaues Rangieren ermöglicht. Ansonsten fährt sich der Dicke sehr unkompliziert und halbwegs komfortabel, wobei man ihm sein Übergewicht anmerkt. Zum einen hat der mit 2,8 Liter wahrlich nicht kleine Dieselmotor ordentlich zu tun, zum anderen schiebt der 2,3-Tonner in schnellen Kurven kräftig über die Vorderräder. Allzu spontanes Abbiegen empfiehlt sich da nur bei genügend Auslauf. Die Automatik mit sechs Gängen macht ihre Sache ordentlich, nur der Wählhebel ist weit weg vom Fahrer. Er sitzt in der Plastiklandschaft des Armaturenbretts, die die Wohnlichkeit eines Kellerregals verströmt. Selbst die Bezeichnung „Imitat“ ist geschmeichelt für das, was da im Holz- und Alu-Look prangt.

Wenn der Voyager der Vater aller Vans ist, ist der – 1984 erstmals präsentierte – Renault Espace vielleicht die Mutter: Ein bisschen schlanker und eleganter, aber dem Vater vom Charakter her nicht unähnlich. Das gilt für die Größe ebenso wie für die chronische Unzuverlässigkeit, die sich in lausigen Platzierungen in der ADAC-Pannenstatistik zeigt. Insofern sind die sechs Sorglos-Jahre von Chrysler ein gutes Angebot. Alles Weitere hängt davon ab, ob man eher auf Väter oder Mütter abfährt und wo man sparen möchte: in der Anschaffung (Grand Voyager) oder beim Tanken (Grand Espace). Wobei dazu noch anzumerken wäre, dass der Chrysler auch mit einem 3,8 Liter großen Benzinmotor zu bekommen ist, dessen Durst nicht tolerabel ist. Es sei denn, man rollt schön gleichmäßig über die Autobahn und fährt mit, sagen wir, sieben Leuten nach Italien. Dann ist er klar die bessere Alternative zum Flugzeug. Und die wohnlichere allemal.

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