Crash-Test : Cabrios: Offen, schick und unsicher

Die Dekra hat Unfälle mit kompakten Cabrios simuliert. Das Ergebnis: Die Modelle weisen große Schwächen auf.

Stefan Robert Weissenborn
Crash-Test Cabrios
Offenbar nicht sicher: Kompakte Cabrios schnitten im Dekra-Test nicht gut ab. -Foto: Dekra

Es schüttet. Wie aus Kübeln. So als wolle das Wetter sagen „Fahrt bloß kein Cabrio!“ Aber in Wildhaus im schweizerischen Kanton St. Gallen, vor der Kulisse nebelverhangener Berge, ist alles soweit: Zwei Tribünen stehen, die Autos sind für den Crash präpariert. Und dann steht da noch ein Drehmoment-Monster namens Touareg. Der allerdings wird nicht geopfert, später soll er als Zugpferd agieren.

Gecrasht werden heute andere: Die Sachverständigen-Organisation Dekra will hier kleine Cabrios auf Sicherheitsmängel bei Unfällen testen. Seit 1985 ist das 1300-Einwohner-Nest jährlich Schauplatz solcher spektakulären Aktionen. Juristen, Gutachter, Versicherer und Journalisten wohnen den immer wechselnden Crash-Szenarien bei: An der Reihe waren schon Inlineskater, Vans und Kleinstwagen.

Im Jahr 2007 drängen sich die Besucher in und um die flatternden Zelte, versorgen sich mit Regencapes und Baseballmützen, bevor bei inzwischen nachlassendem Regen angesagt wird: „Auf die Positionen! Kamera klar? Highspeed-Kamera klar? Crash-Autos klar? Zugauto klar? Alles klar? ... Crash!". Der Touareg fährt an, zerrt an den Drahtseilen, ein Surren ertönt, zwei Karossen sausen auf Führungsschienen aufeinander zu. Ein kurzer, durchdringender Knall. Splitter fliegen. Pause. Und dann Beifall.

Was hier simuliert wurde, war ein seitlicher Kreuzungsunfall zwischen einem geschlossenen und einem offenen Ford Ka, der eine mit Tempo 60, der andere mit Tempo 30 unterwegs. Ergebnis: Die Seitentür des Cabrios ist erheblich eingedrückt, wären lebende Insassen an Bord gewesen, dann wären jetzt schwere Beckenverletzungen sehr wahrscheinlich. Die durch die Karosserieform bedingt langen Türen bedürfen offenbar einer Verstärkung. Die Insassen der auffahrenden Limousine könnten dank auslösender Airbags dagegen damit rechnen, mit dem Schrecken davon zu kommen. Punktsieg für den geschlossenen Wagen. Das Wetter scheint recht zu behalten.

Doch die Wolken reißen auf, als der zweite Crash ansteht. Diesmal ist es ein Fiat Punto Cabrio, das mit rund 60 Stundenkilometern seinem geschlossenen Pendant frontal entgegensaust, das ebenfalls mit Tempo 60 unterwegs ist. "Der Überlebensraum für die Insassen in der Limousine wird enorm reduziert", dokumentiert die Dekra nüchtern nach dem Zusammenprall. Das Cabrio dagegen, dessen Unterboden mit zusätzlichen Längsträgern versehen ist, ist diesmal besser gewappnet: „Sichert den notwendigen Überlebensraum", protokollieren die Experten der Sachverständigen-Organisation. Allerdings kann die stabile Bodengruppe, wenn sie in den Innenraum eindringt, Knieverletzungen verursachen. Dennoch: Ein Lichtblick für das kleine Cabrio an sich.

Das ändert sich allerdings schnell wieder, denn ein Auffahrunfall steht an. Das Resultat für den Winzling unter den offenen Karossen, den Daihatsu Copen, ist ernüchternd. Das Blechdach, das geschlossen ein Plus an Sicherheit verheißt, birgt im Heck zusammengelegt bei einem Heckunfall tödliche Risiken. Der kleine Flitzer ist hinten um fast einen Meter eingedrückt. Die Aufprallenergie gibt das Dach direkt in den Innenraum weiter. An Sollknickstellen, die die Kraft seitlich ableiten könnten, sei bei der Konstruktion nicht gedacht worden, bilanziert Dekra-Unfallforscher Jörg Ahlgrimm. Zudem sind Kopfstützen und Überrollbügel zu nah aneinander verbaut, Kopfverletzungen werden damit sehr wahrscheinlich.

Crash-Test Cabrios
Das Aufeinandertreffen eines Kompakt-Cabrios mit einem geschlossenen Kleinwagen sieht einen klaren Sieger. -Foto: Dekra

Neuwagen sind es zwar nicht, die bei den Crashs gegeneinander gefahren werden, aber Modelle, die zum Teil noch neu erhältlich sind, so wie etwa der Copen. Und die Ergebnisse geben zu denken, auch angesichts der großen Nachfrage nach gebrauchten Cabrios. Daran ändert auch der letzte Crash nichts, der weitgehend erwartete Ergebnisse liefert: Klar, dass Cabriofahrer beim Überschlag schlechte Karten haben. Als Überrollschutz hat der Frontscheibenrahmen beim Mazda MX5 jedenfalls nicht funktioniert. Die Folge im Dekra-Deutsch: „die Berührung der Insassen mit dem Boden" und eine viel höhere Kopfbelastung als in einem Cabrio mit Überrollbügel oder einem Oberklasse-Cabrio, dessen Frontscheibe konstruktionsbedingt stabiler ist. Ausfahrbare Bügel könnten hier nach Ansicht der Experten Abhilfe leisten. Verbesserungen wie diese treiben allerdings die Kosten und sind bei den Herstellern deshalb nicht besonders beliebt.

Während auf dem Platz die Aufräumarbeiten beginnen und ein Gabelstapler den zerdrückten MX5 auf die Hörner nimmt, nehmen Kamerateams die Wracks als Kulisse für ihre Interviews. Unfall-Experte Ahlgrimm bilanziert: Kein kleines Cabrio auf dem Markt genügt den Ansprüchen der Dekra. Das betrifft die Crashkandidaten, aber auch Opel Tigra Twin Top und die offenen Peugeot 206, Nissan Micra und Mitsubishi Colt. Gehören die kleinen Flitzer dann verboten? Nein, sagt der Unfallforscher: „Dann müssten wir auch Fahrräder oder Motorräder verbieten." Aber für den Ernstfall sollten alle kleinen Pkw zumindest so konstruiert werden, „dass keine Fahrzeugteile in den Fahrgastraum eindringen können." Auch ein serienmäßiges ESP für alle Neuwagen fordert Ahlgrimm, damit manche Unfälle erst gar nicht entstehen.

Dass man auch Glück im Unglück haben kann, zeigt ein Lämpchen am Heck des völlig demolierten Copen: Es baumelt an seinem Kabel und leuchtet immer noch. Allerdings sollte man sich auf so etwas besser nicht verlassen.

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