Dacia Sandero : Revolution am laufenden Band

Dacia? Vor Jahren hätte man gelacht. Heute machen die Rumänen mit kleinen Preisen große Geschäfte – auch mit dem neuen Sandero.

Bernd Matthies
Dacia Sandero
Der Dacia Sandero. -Foto: Promo

Der Name weist die Richtung. Man ahnt, wie die führenden Köpfe von Dacia und dem Mutterkonzern Renault bei rumänischem Rotwein den Erfolg ihres TV-Spots mit den greisen Volkshelden gefeiert haben – Fidel Castro, Che Guevara, Gandhi und andere, die erschöpft feststellen, dass die revolutionären Massen nichts als ein billiges Auto herbeisehnen. Dacia baut solche Autos: der kastige Logan mit seiner Kombivariante MCV wird den Werktätigen in Rumänien geradezu vom Fließband gerissen. Da lag es nahe, mit Blick auf den anspruchsvolleren westeuropäischen Markt eine Variante mit einem Hauch von Gegenwartsdesign aufzulegen. Doch wie sollte der Wagen heißen? Nicht undenkbar, dass die Rotwein-Gruppe so lange mit „Sandinista“, „Guerillero“ und anderen einschlägigen Vokabeln herumspielte, bis „Sandero“ übrig blieb. Viva la Autorevolution!

Nein, das ist keine klapprige Blechkiste, sondern das Maximum an Auto fürs kleine Geld, etwas, was die deutschen Premium-Hersteller nicht mehr bauen können, weil sie viel zu premium sind. Der plakative Grundpreis von 7500 Euro stellt sich allerdings als Lockvogelangebot heraus – es sei denn, der sparsame Käufer verzichtet sogar auf die in diesem Preis nicht eingeschlossene Servolenkung. Das spielt sicher keine Rolle in den Karpaten, wo der Bauer sein Fahrzeug aus Gewohnheit mit schierer Muskelkraft um Schafherden und Erdrutschhalden herumwuchtet. Am Kurfürstendamm hat man es gern leichthändiger.

Schauen wir also, was für den Vernunft-Sandero 1.4 MPi mit 75 PS fällig ist. Wegen Servolenkung und Zentralverriegelung muss es das Ausstattungsniveau „Ambiance“ sein, das bei 8500 Euro beginnt. Leichtmetallräder (600 Euro) sind Schnickschnack, das Klima-Radio-Paket (1250 Euro) streichen wir mit verschwitzter Hand aus der Liste, denn das Radio schrauben wir später mal selbst rein, na, wenigstens Metalliclack drauf (450 Euro) und zusätzliche Seitenairbags vorn (280 Euro), macht insgesamt 9230 Euro für ein vollwertiges viersitziges Auto mit fünf Türen.

Der teuerste Sandero, der Laureate 1.6MPi mit 87 PS kostet 10 000 Euro – ihm sollte man Radio und manuelle Klimaanlage implantieren, was die schon erwähnten 1250 Euro kostet. Macht inclusive Metallic 11 700 Euro. Ungefähr hier fangen die Preislisten an für den Renault Clio, auf dessen Vorgängerbaureihe der Sandero basiert, und für ähnliche Gefährte wie Polo und Fiesta. Allerdings rollen die in der Regel nicht mit drei Jahren Garantie für maximal 100 000 Kilometer zum Kunden, wie es der Sandero tut.

Clio-Klasse, das heißt, dass wir der Region der Autozwerge à la Peugeot 107 oder Chevrolet Matiz längst entwachsen sind. Auf 4,02 Metern Länge kommen vier Durchschnittsmenschen passabel unter, sofern sie keine Raumwunder erwarten, und auch der Kofferraum bietet mit 320 Litern (VDA) Erfreuliches; 1200 Liter sind bei umgeklappter Rückbank drin. Das Fahrwerk trägt diese Insassen im französischen Stil kommod und spursicher auch über schlechte Straßen hinweg, sofern der Lenker nicht gerade zu den urdeutschen Fahrdynamik-Freaks gehört und auch noch übersieht, dass kein ESP die gröbsten Fahrfehler ausbügelt, denn es ist auch für Geld und gute Worte nicht zu haben – zu teuer, zu wenig internationale Nachfrage, heißt es bei Dacia. Vermutlich hängt es nicht nur am Chip, sondern auch an den serienmäßigen Trommelbremsen hinten, die indessen einen durchaus standfesten Eindruck vermitteln. Ein Schwachpunkt ist der Fahrersitz, der bei den Testfahrten einige schwergewichtige Lenker durch merkliches Gewackel nervte.

Egal, was man mit dem Sandero so treibt – immer überzeugt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Der 1.6 MPi zieht die Wurst nicht von der Stulle, bewegt sich aber munter vom Fleck, hält bei vernünftigem Autobahntempo tapfer und ohne allzu viel Lärm mit. Der merklich schwachbrüstigere 1.4 MPi verlangt nach aktiver Handarbeit am altväterlich langen Schaltknüppel und empfiehlt sich daher eher für den Einsatz in der Stadt, dürfte aber auch beim Familienausflug aufs Land einigermaßen gute Figur machen. Der Verbrauch von 7,0 und 7,2 Liter Super ist Durchschnitt – zwei Diesel kommen 2009.

Nein, Wunder gibt es nicht. Das Auto wird zu niedrigen rumänischen Löhnen auf einer Renault-Plattform mit vielen Renault-Teilen gebaut, das erklärt den Preis. Die Innenausstattung riecht wie Hartplastik und sieht trotz Alu-Gimmicks auch so aus, das Design ist zwar gefällig, ragt aber nicht aus dem Einheitsbrei der kleinen Weltautos heraus; es lässt immerhin den Retro-Look des handgesägten Logan hinter sich.

Avanti, Sanderos! Ob es gleich für eine Revolution reicht oder doch nur für ein Revöltchen? Der neue Dacia hat keine eklatanten Schwächen und überzeugt im Vergleich zu ähnlich teuren Gebrauchtwagen höherer Kategorie zumindest durch die überschaubaren Unterhaltskosten, die in den ersten drei Jahren mit je einer Inspektion plus Ölwechsel alle 30 000 Kilometer erledigt sind. Insofern läuft drunten in Rumänien offenbar ein Auto vom Band, das sich glatt den Namen Volkswagen verdient hätte.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben