Auto : Das Hochamt der Thunder-Prediger

Ein guter Auktionator, heißt es, kann den Preis bis zu 20 Prozent höher treiben In Arizona findet die weltweit größte Versteigerung automobiler amerikanischer Sammlerstücke statt. Zwischen Mustangs, Cobras und Prototypen erfüllen sich die Träume von Enthusiasten – und die der Männer auf dem Podium.

Steffen Kraft Scottsdale[Arizona]

Am Ende wird es für Tom Assiter ein harter Tag gewesen sein. Der Schwall aus Worten und Zahlen wird mit dem letzten Schlag des Hammers abreißen, der Chefauktionator wird für ein paar Stunden schweigen müssen. In der Stille aber wird er vielleicht daran denken, dass er den Traum eines kleinen Jungen aus Texas erfüllt hat – und den von ein paar anderen Jungen, die inzwischen schon etwas älter sind. So wie er selbst.

Am späten Nachmittag ruft der 50 Jahre alte Tom Assiter aber noch seine Beschwörungsformeln. Er steht auf einer Art erhöhtem Altar, unter dem drei Muskelmänner mit weißen Stoffhandschuhen im Drei-Minuten-Takt Wagen vorbeischieben. Assiter brabbelt: „... twonowthreewhowillgivethree ...“ Es ist die Melodie amerikanischer Auktionatoren, ein auf- und abschwellender Singsang, den die Profis auch den „call“ nennen, den Ruf – durchaus mit religiösem Anklang. An diesem Mittag soll er 5000 Gläubige erreichen. So viele Menschen fasst die Zelthalle, die das Auktionshaus „Barrett-Jackson“ in Scottsdale, Arizona, aufgebaut hat. Die Versteigerung ist die größte Auktion der Welt für „Collector’s Cars“, für automobile Sammlerstücke also.

In jedem Frühjahr treffen sich die Liebhaber amerikanischer Oldtimer, Sportwagen und Luxuskarossen in der Gemeinde nördlich von Arizonas Hauptstadt Phoenix. Dort blitzt dann alles, was im kollektiven Gedächtnis zum Mythos des Automobils gehört: Cadillacs aus den 40er-Jahren, chromüberladene Chevy-Cabrios, Ford Mustangs aller Baujahre und Tuningstufen. Mehr als 1100 Automobilklassiker verkauft das Auktionshaus in den fünf Tagen der Auktion. Das höchste Gebot bisher gab ein Käufer im Jahr 2007 ab: Er zahlte 5,5 Millionen Dollar für eine Shelby Cobra 427 „Super Snake“ aus dem Jahr 1966.

„In diesem Jahr wird das wohl kaum zu überbieten sein“, sagt Tom Assiter. Trotz der Kuriosa, die diesmal auf der Verkaufsliste stehen: eine originalgetreue Rekonstruktion des Fledermausmobils aus den frühen Batman-Filmen zum Beispiel. Oder das mintgrüne Ford Thunderbird-Cabrio, in dem Susan Sarandon und Geena Davis im Film „Thelma & Louise“ durch Arkansas rasten.

Unter Tom Assiter rollt inzwischen Objekt Nummer 1304 auf die Rampe. Auf dem Auktionsblock ruft ein Assistent ins Mikrofon: „Chevrolet Corvette Coupé ,Rondine’.“ Ein Konzeptauto, blaugrün-metallic, Prototyp des amerikanischen Sportwagens schlechthin, entworfen von der Designwerkstatt Pininfarina für die Pariser Autoshow 1963. Der Wagen ist ein Einzelstück, nie zuvor auf dem Markt gewesen und niemals in Serie gegangen. In der Halle bricht das Gemurmel der Masse für einen Moment ab, Tom Assiter schiebt die Brille auf die Stirn. Und dann schickt er den Ruf hinaus in die wogende Masse. Die ersten Hände schnellen in die Höhe. Drei-, Vier-, Fünfhunderttausend. Wenn ein Käufer ein Gebot abgibt, brüllen eigens geschulte „Biet-Assistenten“, die überall in der Halle verteilt stehen. Assiter muss schnell sein: „… sixnowsevensomedodygivesevenhundred …“

Was wie ein unkontrollierter Schwall Geplapper klingt, ist in Wahrheit nach strengen Regeln aufgebaut. Im Grunde besteht der Ruf der Auktionatoren nämlich nur aus der stetigen Wiederholung immer der gleichen dreigeteilten Wortsalve: aktuelles Gebot, nächstmögliches Gebot und eine Frage. Verbunden werden die Teile mit einem Füllwort. Wenn das bisher höchste Gebot 800 000 Dollar ist, und das nächste 900 000 sein soll, sagt Assiter also: „eightnownine“. Und fragt dann zum Beispiel: „Somebodygivenine?“; gibt jemand neun? – Anschließend beginnt die Salve ohne Pause von vorn.

„Der Ruf soll innere Erregung erzeugen – und Spaß“, erklärt Assiter nach seiner Schicht. Vor allem aber sparen die Schnellsprech-Versteigerungen den amerikanischen Auktionatoren Zeit. Und manchmal treiben sie auch die Preise in die Höhe: Weil der Gesang eine bestimmte Geschwindigkeit nicht unterschreitet, müssen die Käufer schnell bieten, Zeit zum Überlegen bleibt da wenig.

Und so ist der Preis für den Corvette- Prototyp innerhalb weniger Minuten bei 1,5 Millionen Dollar angelangt. „Zum ersten!“, ruft Assiter. Seine Augen sind auf einen schlacksigen Mann mit schulterlangem, grauen Haar gerichtet. Der sitzt in der ersten Reihe, telefoniert mit dem Handy und hat bisher noch bei jedem Preisschritt mitgeboten. Wird er auch diesmal mitgehen? Assiter reckt den Hammer in seiner rechten Hand so hoch, dass ihm die Anzugjacke fast bis zum Ellenbogen herunterrutscht. Der Mann mit den Haaren nickt, der Bietassistent neben ihm schreit: „Ja! Ja! Ja!“ Dann schlägt der Hammer auf dem Tisch auf und die Pininfarina-Corvette rollt an seinem neuen Besitzer in der ersten Reihe vorbei, verkauft für 1,6 Millionen Dollar. Es wird in diesem Jahr die höchste Kaufsumme bleiben.

Die Auktionatoren von Barrett-Jackson gehören zu den Besten der USA und werden von Auktionshäusern aus dem ganzen Land umworben. Denn sie haben Einsicht in einen für die Marktwirtschaft entscheidenden Zusammenhang: Sie wissen, wie viel Leidenschaft wert ist – und, wie sie sich in bare Münze umsetzen lässt. Ein guter Auktionator, heißt es, kann den Preis einer Ware bis zu 20 Prozent höher treiben als ein schlechter.

„Es ist wohl das Ergebnis von hartem Training und einem Gefühl für die Stimmung im Saal“, beschreibt Tom Assiter. Vor allem in ländlichen Gebieten werden die Versteigerer daher schon fast verehrt. „Menschen, zu denen man aufschaut, im wahren Wortsinn.“ Deshalb wollte Assiter schon als Kind Auktionator werden, genau wie viele andere der Leute von Barrett-Jackson.

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass es da dieses Lied gibt. Es stammt aus den 50er Jahren, von einem Mann namens Leroy Van Dyke und heißt schlicht „The Auctioneer“. Der Country-Song ist so etwas wie die universale Erzählung von der Berufung zum Auktionator und der Faszination von Versteigerungen. Er erzählt von einem Jungen, der statt zur Schule zu gehen, lieber durch die Scheunen seiner Gemeinde streicht und bei einer Versteigerung gebannt an den Lippen des Mannes auf dem Auktionsblock hängen bleibt. Der Junge übt so lange, schnell zu sprechen, bis ihn sein Vater schließlich auf die Auktionsschule schickt und er als gefeierter Verkäufer in seine Heimat zurückkehrt.

„Im Grunde handelt der Song von meinem Leben“, sagt Tom Assiter, der in Canyon lebt, einer Kleinstadt im Norden von Texas. Nach der Schule ging er auf das „World Wide College of Auctioneering“ in Iowa, einer der ältesten Auktionsschulen der USA. Zehn Tage blieb Tom Assiter dort. Er lernte, das Zwerchfell in Sekundenbruchteilen fallen zu lassen, um beim Atmen schneller Luft zu bekommen. Er übte Zungenbrecher und erfuhr, dass man blockierte Stimmbänder am besten mit einer fünffach konzentrierten Mundspülung behandelt.

Anders als der Junge aus Van Dykes Lied konnte Assiter seinen Lebensunterhalt aber nicht sofort als Auktionator verdienen. So studierte er Wirtschaft und arbeitete über Jahre hinweg im Vertrieb der Großbrauerei Anheuser-Busch. „Finanziell erfolgreich, aber wenig erfüllend“, sagt er heute. Erst 1992 konnte er sich seinen Kindheitstraum endgültig erfüllen: Er bestieg wieder einen Auktionsblock – und verkaufte einen Traktor.

„Du arbeitest dich hoch“, sagt Assiter. Auf der Karriereleiter eines Auktionators kommen zuerst die Landmaschinen, dann Tiere, dann Grundstücksverkäufe. Die Besten schließlich versuchen sich in Spezialmärkten, zum Beispiel für Automobilklassiker eben, oder für Antiquitäten. Ist es also egal, was man verkauft? Leidenschaft für Autos – bei Barrett-Jackson entbehrlich?

Auf solche Fragen antwortet Assiter zunächst nur: „Ich fahre einen Lexus.“ Einen Japaner, ausgerechnet? Assiter macht eine Pause. Dann lacht er tönend. „Nein nein, keine Sorge, das ist nicht alles“, sagt er. Außerdem steht noch ein Cadillac Escalade in der Garage, PS-gewaltiges Sports Utility Vehicle der US-Schwergewichtsklasse.

In der Zelthalle in Scottsdale geht die Versteigerung inzwischen mit einem anderen Auktionator weiter. Ein hochglänzender, goldener Ford Thunderbird steht auf der Rampe. Einer der Assistenten redet auf einen Bieter ein. Der aber ziert sich. „Höre ich 600 von Ihnen, Sir?“, schaltet sich der Auktionator von der Rampe aus ein. Der Bieter schrickt etwas zusammen, grinst und nickt dann.

„Es kommt darauf an, die Bieter richtig einzuschätzen“, sagt Assiter. „Manche Sammler wollen erkannt und öffentlich angesprochen werden, manche wollen lieber anonym bleiben.“ Erkannt werden will aber jeder. „Ein guter Auktionator muss mit allen Typen umgehen können“, sagt Assiter. Im besten Fall entsteht eine Verbindung zwischen dem Auktionator und dem Bieter, eine Art Gemeinschaft, bei der das Geschäft nebensächlich wird. Man merkt das daran, dass sich die Leute nicht mehr mit Vornamen ansprechen, wie in den USA oft üblich, sondern mit den Spitznamen. Der von Tom Assiter lautet „Spanky“, so nennen ihn seine Freunde. Und an einem guten Tag nennen ihn in der Zelthalle von Barrett-Jackson alle so.

Auf dem Block schwillt der Gesang des Auktionators ein letztes Mal an. Dann saust der Hammer auf den Block. „Verkauft!“, ruft der Auktionator. Der zuvor so zögerliche Bieter hat den Ford Thunderbird für 850000 Dollar gekauft. Er strahlt, fast wie ein Kind. Und Tom Assiter schweigt jetzt.

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