Auto : Das teure Ungetüm: „Biokraftstoffquotengesetz“

Viele ältere Fahrzeuge vertragen keinen Biosprit – und müssen wohl teures Super-Plus tanken.

Stefan Woltereck

Steil steigende Preise für Benzin und Diesel, Feinstaub, Umweltzonen, grüne, gelbe und rote Plaketten, CO2-Diskussion: Der Autofahrer sieht sich mehr denn je als Buhmann der Nation – und als Melkkuh. Kein Wunder, dass ihm die Lust am neuen Auto vergeht: Der Absatz schrumpfte im vergangenen Jahr um 320 000 oder um bald zehn Prozent. Jetzt folgt die nächste Hiobsbotschaft: 2009 müssen die Bio-Anteile im Benzin und im Dieselkraftstoff entsprechend dem sogenannten Biokraftstoffquotengesetz deutlich angehoben werden.

Das Wortungetüm zwingt Autofahrer, statt des Tigers künftig Bio im Tank zu haben. Ab 2009 müssen 6,25 Prozent der in Benzin und Diesel steckenden Energie aus sogenannten Biokraftstoffen stammen. Benzin muss Alkohol zugemischt werden, also Ethanol, Diesel muss größere Anteile an Biodiesel enthalten. Bis 2020 soll der Bio-Anteil sogar bis auf 20 Prozent steigen.

Bei Obst, Fleisch oder Käse bedeutet „Bio“ in der Regel Qualität. Auch im Tank könnte das so sein – theoretisch zumindest: Bio verringert den CO2-Ausstoß, Kraftstoffe aus Pflanzen setzen beim Verbrennen nur so viel Kohlendioxid frei, wie diese beim Wachsen aufgenommen haben. Dazu verschaffen Bio-Kraftstoffe der Landwirtschaft neuen Absatz, außerdem vermindern sie die Abhängigkeit von Ölimporten.

Doch die Praxis wirft erhebliche Fragen auf, nicht zuletzt ethische. Aus 100 Kilo Weizen können, rund gerechnet, hundert Brote gebacken werden. Aus 100 Kilo Weizen lassen sich aber auch 35 Liter Ethanol gewinnen. Der Energiegehalt entspricht etwa 25 Liter Benzin – ausreichend für gute hundert Kilometer mit einem Geländewagen. Wenn Millionen Tonnen Weizen, Mais oder Soja im Auto landen, fehlen sie als Nahrungsmittel. Und wenn Urwald abgeholzt wird, um Platz für Energiepflanzen zu schaffen, wird der Umwelt ein Bärendienst erwiesen. Anbau, Ernte und Verarbeitung verwässern die CO2-Bilanz, Düngung kann sie ins Gegenteil verkehren. Viele Klimaforscher, auch das Umwelt-Bundesamt halten Bio-Kraftstoffe zumindest in der heutigen ersten Generation für einen Weg, der in die falsche Richtung geht.

Und: Bio im Tank trifft alle Autofahrer. Denn die Beimischungen sind teuer, sie enthalten weniger Energie. Der Sprit wird damit teurer, der Verbrauch steigt. Trotz des niedrigeren Energiegehalts – und ungeachtet der Tatsache, dass der Bio-Anteil nichts mit Mineralöl zu tun hat – unterliegt der neue Kraftstoff übrigens voll der Mineralölsteuer.

Noch schlimmer ist aber: Alkohol wie Bio-Diesel sind aggressive Lösungsmittel. Fahrzeuge, deren Bauteile nicht auf auf sie ausgelegt sind, bekommen deshalb unter Umständen Probleme mit den Beimischungen: Dichtungen werden weich, Schläuche lösen sich auf. Diesel-Modellen drohen Schwierigkeiten mit Einspritzdüsen und Rußfiltern.

Geringe Mengen Ethanol und Biodiesel sind bereits heute im Kraftstoff – ohne Probleme. Aber in Zukunft müssen sie viel größer werden, um die verlangten Werte zu erreichen. Durch den geringeren Energiegehalt von Bio-Anteilen muss entsprechend mehr zugemischt werden. Ab 2009 wird Benzin etwa zehn Prozent Alkohol enthalten (und vermutlich als "E 10" bezeichnet werden, analog zu den neuen Alkohol-Kraftstoffen, die "E 50" oder "E 85" heißen). Diesel wird etwa sieben Prozent Biodiesel enthalten.

Diese Anteile sind so hoch, dass mit den geschilderten Problemen zu rechnen ist. Wie viele Autos und Motorräder betroffen sein werden, weiß noch niemand: Der ADAC rechnet mit mehr als einer Million. Bis Ende März wollen die Autohersteller untersuchen, welche ihrer älteren Modelle mit Bio im Tank Schluckbeschwerden bekommen.

Autos, die mit den künftigen Kraftstoffen nicht zurechtkommen, müssen teuer umgerüstet werden. Oder auf Super-Plus umsteigen: Diese teuerste Sorte behält den bisherigen niedrigeren Bio-Anteil zumindest noch für einige Jahre.

Die Zeche zahlen dabei vor allem Fahrer älterer Modelle. Also diejenigen, die schon die höchsten Steuersätze für ihr Auto zahlen – und jüngst oft auch teure Umrüstungen für die Umweltplakette verkraften mussten.

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