Auto : Das war der Gipfel

Originalton Leser: Wie zwei unserer Gewinner das Suzuki-Offroad-Camp in der Nähe von Valencia erlebt haben

Thomi Bauermeister,Ingrid Schoeller
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Sauber, dieser Dreck hier. Was einem im Alltag stinkt, macht im Trainingslager für Geländefahrten so richtig Laune. Soll noch...

Von so einem schönen Blödsinn haben wir schon seit den Marlboro Abenteuer Tours in den 80er Jahren geträumt. Umso gespannter sind wir zwei heimlichen Autofreaks – in Berlin fahren wir natürlich nur Fahrrad – auf das Suzuki-Offroad-Camp in den Bergen bei Valencia. Der Empfang im überraschend alpenländischen Berggasthof durch die vierköpfige Crew könnte nicht herzlicher sein – mit vielen glaublichen und unglaublichen Geschichten der Tourguides werden wir auf die nächsten Tage als Offroader eingestimmt.

Tag 1

Sieben Frauen und zehn Männer bekommen am Morgen die Schlüssel und die Verantwortung für acht strahlend saubere Geländewagen. Jeweils fünf Suzuki bilden eine Einheit und schon geht’s los auf die campeigene Trainingsstrecke. In den ersten drei Stunden werden im angelegten Hindernisparcours enge Kurven, tiefe Spurrillen, extreme Schrägfahrten und wilde Bodenwellen gemeistert. Zudem lernen wir billige Geräusche (über Felsen kratzendes Bodenblech) von teuren Geräuschen (Getriebeklackern) zu unterscheiden.

Schönen Symbolcharakter hat auch die Zeichensprache, die wir sofort verinnerlichen: Färt unser Guide „die Krallen aus“, indem er die linke Hand mit ausgestreckten Fingern aus dem Fenster reckt, so müssen wir auf Untersetzung und somit höchste Geländegängigkeit schalten und diesen Vorgang mit der ausgestreckten Krallenhand bestätigen. Das Auto fährt sich dann extrem bissig und wird beim Anfahren bockig wie eine kleine Ziege. Wenn sich die Geländesituation wieder normalisiert, zeigt man uns die Faust als „Samtpfote“, Zeit also, die Untersetzung wieder aufzuheben. Mit diesem Einstieg werden Mensch und Maschine miteinander bekannt gemacht. Es wächst Vertrauen.

Aufkeimendem Leichtsinn wird prompt mit der letzten Übung „Bergen am Steilhang“ begegnet – hier wird der abgewürgte Wagen im Rückwärtsgang wieder angelassen und mit Motorbremse kontrolliert aus einem kurzen, aber unglaublich steilen Hang gefahren. Motivationskunst sind die Worte unseres Guides: „In Gedanken müsst Ihr den Hang schon überwunden haben, wenn ihr in ihn hinein fahrt.“

Gut vorbereitet starten wir am späten Vormittag mit dem ersten Ausflug ins Gelände – auf zum Mittagessen in ein ehemaliges Bergkloster. Ähnlich wie in der Skischule ist der begehrteste Platz der hinter dem Lehrer; vor allem am ersten noch durch Trockenheit geprägten Tag, an dem wir beeindruckende Staubfahnen erzeugen und die letzten Autos manchmal wie im Nebel verschwinden. Das mittägliche, traditionelle Tapas-Essen im alten Gemäuer mit abschließendem Kaffee auf der Terrasse (was für ein Blick in die Berglandschaft!) ist schlicht ein Genuß; die perfekte Ergänzung zu den aufregenden Fahr- und Landschaftseindrücken. Am Nachmittag erreichen wir ausgedehnte, baumfreie Hochplateaus, deren Schotterflächen und Steinpassagen nachgerade zum Driften einladen.

Die kurzen kurze Pausen zum Auswerten der letzten Strecke und zur Einstimmung auf die neue Geländesituation sind für uns eine willkommene Unterbrechung des Rüttelsitzens, ja, bieten manchmal sogar Gelegenheit, den Duft von wildem Berglavendel zu atmen. Erschöpft, aber beeindruckt erreichen wir nach 10 Stunden offroad gegen am Abend unser rustikales Berggasthaus. Nach einer kurzen Dusch- und Entspannungspause brechen wir zu einem Grillabend in einer grünen Oase auf – Entspannung mit spanischer Lifemusik.

Tag 2

Am zweiten Tag unseres Suzuki-Camps legen wir auf Schotterwegen nahezu 200 Kilometer zurück – und umrunden das größte Bergmassiv der Region, den Javalambre, einmal komplett. Nächtliche Regenfälle ermöglichen herrliche Pfützendurchfahrten mit bis zu 5 Meter hohen Wasserfontänen – wollten wir uns diesen Spaß nicht schon als Knder machen? Unzählige Täler und Flussbetten müssen durchquert, lange Streckenabschnitte auf kargen Hochebenen zurückgelegt werden. Kleinteilige, grüne Inseln von bodendeckenden Gehölzen bilden im Schotter grafische Mini-Landschaften – aber dafür hat natürlich nur der Beifahrer einen Blick. Denn das Fahren erfordert auf den meisten Streckenabschnitten hohe Konzentration, so dass die regelmäßigen Wechsel willkommen sind.

Das Mittagessen nehmen wir heute in der Gaststube eines einsamen Bergbauernhofes, der, wie könnte es anders sein, von einem offroad-verrückten Bauern geführt wird. Er hat auf seinem eigenen Areal eine Motocross-Trainingsstrecke eingerichtet – und bewirtet mit Vorliebe Offroadfahrer wie uns…

Am Nachmittag queren wir das Gebirgsmassiv, können Ausblicke auf den 2100 Meter hohen Gipfel des Javalambre erhaschen, der bei unserer letzten Ausfahrt am nächsten Tag unser Ziel sein sollte. Paella aus der großen Pfanne setzt den angenehmen Schlusspunkt des Tages in unserem Gasthof. Ershöpft fallen wir ins Bett.

Tag 3

Höhepunkte des letzten halben Tages im Gelände ist eine circa 60 Meter hohe Steilwand mit 80 bis 100 Prozent Steigung (40-45°), die wir vorsichtig im untersetzten ersten Gang erklimmen und nach einer Kehre auf dem Hochplateau auch abwärts möglichst nur mit Motorbremse bewältigen sollen. Schon die Bergfahrt ist eine besondere Aufregung, denn ein Abwürgen des Motors würde die bereits am kleinen Hang erprobte Bergung im Rückwärtsgang notwendig machen. Ein Wenden im Steilhang würde ja mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Überschlag des Autos führen. Achterbahngefühle löst jedoch das Einfahren vom Hochplateau in den Abhang aus, da beim Blick über die Motorhaube nur Himmel zu sehen ist und erst mit dem Abtauchen der Vorderachse das ganze Ausmaß der Abfahrt deutlich wirde. Da gilt es wirklich Nerven zu bewahren, der im untersetzten ersten Gang hochwirksamen Motorbremse zu vertrauen und selbst bei holprigen Felsrippen höchstens leicht unterstützend zu bremsen. Alle 17 Teilnehmer meistern diese Prüfung mit Bravour und können am Fuße des Abhangs den freundlichen Jubel der anderen Teilnehmer und die eigenen Schauer der Erleichterung genießen.

Zu guter Letzt liegt der Gipfel des Javalambre leider in Wolken, so dass wir mit dem nur 2000 Meter hohen Nebengipfel vorlieb nehmen. Schon dort bewegen wir uns in wild treibenden Wolkenfetzen, sodass die Gipfelphotos den stürmischen Höhepunkt dreier bewegter Tage im Gelände dokumentieren.

Die zweieinhalb Tage im Camp waren erstaunlich dicht gepackt, aber auch überzeugend komponiert. Die langjährige Erfahrung und der Wille des Teams, uns nicht nur für Geländeautos, sondern auch für Land und Leute zu begeistern, führten zu einer beeindruckenden Dramaturgie, die uns beeindruckt hat. Aber trotz aller Freude daran: Erst mal haben wir genug Zeit im Auto verbracht. Der nächste Berg wird wieder zu Fuß erklommen – aber irgendwann vielleicht auch die Sahara im Landrover?

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