Der Automobil-Salon in Genf : Nichts zieht besser als der Name von gestern

Der VW Scirocco ist zurück. In den 70ern war er eine Ikone - was ist von den Werten geblieben?

Kai Kolwitz
VW
Der neue Scirocco. -Foto: dpa

Was ist eigentlich falsch an der Gegenwart? Denn wenn es darum geht, neue Fahrzeugmodelle emotional aufzuladen, dann gehört der Rückgriff auf die glorreiche Vergangenheit für die Marketingabteilungen der Hersteller zum Alltag: BMW sieht den 1er in der Tradition des 02, Jaguar beschwört zur Premiere des XF die Sixties-Ikone Mark 2, wer noch weiter gehen will, präsentiert komplette Retro-Cars à la Cinquecento oder erinnert sich zumindest an große Namen.

Zur letzten Kategorie gehört die spektakulärste Premiere, die VW zum Genfer Autosalon beizutragen hatte: „Scirocco“ - das klingt nicht nur nach Wüstenwind, sondern vor allem nach einem kleinen knackigen Coupé, mit dem die Wolfsburger vor gut 30 Jahren die Uhren von Vergangenheit auf Zukunft gestellt hatten.

Auf dem Genfer Salon 1974 war Scirocco der Vorbote des ersten Golf: Waren VW-Kunden bis dahin noch runde Formen und den Motor im Heck gewöhnt gewesen, saßen nun zum ersten Mal bei einer Eigenentwicklung Motor und Antrieb vorn. Hinzu kam die kantige Keilform, die zwar auf der Höhe der Zeit war, aber mit allem brach, was das VW-Design bis dahin ausgemacht hatte. Und: Die Golf-Basis und die Tatsache, dass auch kleine Motoren offeriert wurden, machte die rassige Form absolut erschwinglich. Erkauft wurde das unter anderem mit einem Innenraum, in dem man in der Basisausstattung den Widerhall der eigenen Stimme zu vernehmen glaubte. Und mit einer zeittypischen Art von Gefühlsechtheit: Was Plastik war, das sah auch so aus und fühlte sich so an. Dafür hatte man dank überragendem Handling und, zumindest in der GTI-Version, auch der Fahrleistungen, diverse BMW- und Alfa-Modelle in Sichtweite – verdammt gut für einen Volkssportler.

So gesehen verbindet den neuen Scirocco einiges mit dem Original: Nicht die Kargheit. Aber hier wie dort bildet der Golf die Basis, hier wie dort ist die Spreizung der Motorleistungen heftig: 122 PS bilden den Einstieg in den Scirocco ’08, 200 PS sind zum Start im Spätsommer das Maximum, ein deutlicher Nachschlag ist bereits angekündigt. Und wer mit der zwar absolut ausreichenden, aber nicht gerade ampelspurtverdächtigen Basismotorisierung leben kann, soll das Scirocco-Design für 21 750 Euro bekommen – und das bei annehmbarer Ausstattung, unter anderem mit adaptivem Fahrwerk und 17-Zoll-Alus. Eine Revolution ist der Neue diesmal nicht, dafür aber ein längst überfälliger Lückenschluss. Seit dem Ende des Corrado hat VW ein solches Coupé im Sortiment gefehlt.

Das gilt aber nur, wenn man den Neuen als Coupé durchgehen lässt: Denn zwar ist er flacher und deutlich breiter als der Golf, doch das Heck ist schon eher hoch als steil – Tribut an die Platzverhältnisse im Innenraum. Dabei hatte schon das Original für Schlagzeuger Michi ausgereicht, um im Scirocco sein komplettes Drumset zu transportieren.

Und noch etwas wird man bei VW gerne ausblenden: Zum Mythos reifte der Ur-Scirocco nicht beim Erstbesitzer, sondern so etwa ab der dritten Hand, in die er fiel. Denn ab dann konnte ihn sich auch der Jungspund nach der Gesellenprüfung leisten – und hemmungslos schrauben. Das war nicht immer dazu angetan, die Linien zu verschönern, überforderte aber angesichts der überschaubaren Technik damaliger Tage niemanden, der als Kind schon mit Fischertechnik gespielt hatte. Und wenn es mit dem Geld dann immer noch nicht reichte, dann halfen Oma, ein bisschen Schwarzarbeit und der grenzenlose Optimismus, was die eigene Zukunft anging: Sichere Jobs und quasi garantierte Lohnsteigerungen ließen die Unterschrift unter den Ratenkaufvertrag damals sehr sehr einfach werden.

Und diese Zeit, sie wird so bald nicht wieder kommen. So bleibt festzuhalten, auch wenn den neuen Scirocco noch niemand fahren konnte: Der Preis ist attraktiv, das Design vor allem von vorn ein Hingucker, die TSI-Motoren sind spitze, das Fahrwerk sollte, wie auch im Golf, zu den besten der Klasse gehören. Aber ob es zum Mythos reicht beim Neuen und nicht nur zum guten Auto – das werden wir erst in 30 Jahren wissen.

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