Der neue Skoda Octavia : Und plötzlich ist der Golf ganz klein

Skoda stiehlt der Konzernmutter VW die Schau: Ende des Monats startet der neue Octavia. Und der könnte den Golf noch mehr das Fürchten lehren als bisher. Denn der Neue macht einiges nochmal deutlich besser als der Vorgänger.

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Angriff auf die Golf-Klasse: Der Skoda rückt dem Wolfsburger Bestseller immer mehr auf die Stoßstange.
Angriff auf die Golf-Klasse: Der Skoda rückt dem Wolfsburger Bestseller immer mehr auf die Stoßstange.Foto: Hersteller

Jede Wette: Auch Sie werden zumindest für einen Moment sprachlos vor diesem Auto stehen. Das soll der neue Octavia sein? Sieht doch eher aus wie ein Audi, dem endlich ein attraktiver Grill verpasst worden ist. Überhaupt sprengt das Modell alle Grenzen, wenn es Ende Januar zum Händler kommt. Denn diese dritte Generation des Octavia ist ein Auto, das es so VW-Konzern eigentlich gar nicht im geben dürfte: Nur vier Zentimeter kürzer als ein Audi A4, 60 Liter mehr Kofferraumvolumen als ein größerer Audi A6, aber gut 2000 Euro billiger als Deutschlands Liebling Nummer Eins – der VW Golf. Mit dem teilt er zwar die technische Basis, doch die schlauen Tschechen duften noch einmal voll ihre Fähigkeiten demonstrieren. Das Ergebnis spricht für sich: Der neue Octavia ist sozusagen der Traum-Audi des kleinen Mannes, der partout keinen (teuren) Golf fahren will.

Innen empfängt einen der tschechische Golf-Ableger mit Mittelklasse-Raum. Selbst im Fond können sich 1,95-Meter-Typen lässig in den straffen Polstern räkeln; im Golf wären sie unter Protest längst wieder ausgestiegen. Kein Wunder – die gegenüber dem Vorgänger um knapp elf Zentimeter weiter auseinander stehenden Achsen müssen sich ja irgendwo bemerkbar machen. So auch bei der riesigen Kofferraumhöhle mit ihrem geschickt kaschierten Scheunentor. Mancher Kombi hat weniger Laderaum. Bis zu 2,74 Meter lange Gegenstände können geladen werden, wenn die Beifahrersitzlehne umgeklappt ist. Unverständlich hingegen: Erst im Laufe dieses Jahres wird es bei der Limousine auch so eine clevere Umklappautomatik der Fondlehnen wie bei Mazda geben. Gegenwärtig müssen die noch per Hand umgelegt werden. Der im Mai startende Kombi erhält dieses System sofort.

Der Basis-Golf ist auch nicht besser

Doch mehr Raum ist nicht alles, was der Neue an Neuem zu bieten hat. Die Sitze sind Spitze. Die Übersicht des 4,66-Meter-Autos bis auf den Blick nach schräg hinten überraschend gut, und das Cockpit ein typischer Skoda-Arbeitsplatz – das heißt schnörkellos und ohne Bedienungsanleitung sofort bedienbar. Alles sauber verarbeitet, und, wir sagen es hier ausdrücklich: Klar ist ein Golf noch etwas edler, aber nur dann, wenn man viel mehr Geld ausgegeben hat. Der Basis-Golf ist auch nicht besser als der Skoda. In dem fühlt man sich sofort heimisch und freut sich mit jedem gefahrenen Kilometer.

Wir waren mit den beiden Modellen unterwegs, die zu den beliebtesten zählen. Erstens der 1,2-Liter-TSI mit 105 PS und Sechsgang-Schaltgetriebe. Kein Sprinter, aber ein Dauerläufer. Die 175 Newtonmeter Drehmoment von 1550 bis 4100 Touren sorgen für ausreichenden Vortrieb. Die Dämmung ist zwar etwas geringer als beim Golf, doch der kleine Benziner gibt nur beim Ausdrehen kund: Es reicht mir jetzt! Er arbeitet gut zusammen mit dem knackigen Sechsganggetriebe und dessen passenden Anschlüssen. Nach einigen Stunden stellt man überrascht fest; mehr braucht man gar nicht, zumal der Bordcomputer erfreuliche 6,5 Liter als Durchschnittsverbrauch anzeigt. Und das Popometer registriert ebenso erfreut: Dieser Octavia ist zwar straff gefedert, aber weder hölzern noch bockig. Der lange Radstand bügelt lange Wellen gelassen nieder. Dank serienmäßiger elektronischer Differentialsperre nimmt der Fronttriebler auch schnellere Kurven stoisch unter die Räder und reagiert souverän auf die präzise Lenkung. Ein Golf eben!

Geheimnistuerei bei den Preisen

Noch etwas besser harmoniert der Octavia mit dem 105-PS-TDI und der Siebengang-Doppelkupplungsautomatik. Unser Favorit für die Langstrecke, denn dieser Antrieb vermittelt für all jene, denen Sparen mehr wert ist als Rasen, ein beruhigendes Gefühl. Am Ende des Tages zeigt der Bordcomputer hier trotz flotterer Fahrt 5,2 Liter Diesel an. Gut, es geht auch stärker: Über 140 bis zu 180 PS beim Benziner und bis zu 150 PS beim Diesel. Aber braucht man das angesichts verstopfter Städte, voller Autobahnen und vor allem bei dem teurem Kraftstoff wirklich?

Verspieltheit ist nicht die Sache von Skoda. Die Tschechen zeigen lieber eine klare Kante.
Verspieltheit ist nicht die Sache von Skoda. Die Tschechen zeigen lieber eine klare Kante.Foto: Hersteller

Ausgerechnet beim wichtigsten Kriterium der Autokäufer tun sich die Tschechen schwer. Bislang haben sie nur den Preis für das Basismodell mit dem 86-PS- Turbobenziner verraten: 15 990 Euro. Zwar 300 Euro mehr als bisher, aber gut 2000 Euro unter dem Golf-Preis. Doch dieser Knallerpreis hat etliche Haken: Eine Klimaanlage fehlt, und viele Ausstattungsdetails sind für dieses Modell gar nicht bestellbar. Ein Papierauto! Da macht Skoda leider keine Ausnahme bei der kundenunfreundlichen Lockvogel-Taktik im VW-Konzern. Auch wenn alle anderen Preise erst in der kommenden Woche bekannt gegeben werden sollen, ist so viel schon jetzt klar: Die Schnäppchenzeit ist bei Skoda vorbei.

Bi-Xenon und LED nur im Top-Modell

Mit der Neuauflage des Octavia bietet Skoda auch zahlreiche Assistenzsysteme an, die bisher nur Volkswagen selbst vorbehalten waren.
Mit der Neuauflage des Octavia bietet Skoda auch zahlreiche Assistenzsysteme an, die bisher nur Volkswagen selbst vorbehalten...Foto: Hersteller

Wer mehr als die karge Basis will, muss tief in die Tasche greifen; hier sind die Tschechen ganz VW. Nur ein Beispiel: Der auffällige LED-Lidstrich unter den toll aussehenden schwarz umrahmten Scheinwerfern dürfte einige Tausend Euro kosten, denn es gibt ihn nur beim Topmodell Elegance und dort nur bei der Sonderausstattung Bi-Xenonscheinwerfer. Alle anderen Octavia müssen mit schnödem Halogen-Tagfahrlicht Vorlieb nehmen. Wer unbedingt viel Geld beim neuen Octavia ausgeben will – bitte schön, denn jetzt können bei der dritten Generation diverse teure Fahrerassistenzsysteme und Extras aus dem riesengroßen VW-Regal geordert werden: Verkehrszeichenerkennung, Einparkautomat, Müdigkeitswarner, automatische Distanzregelung zum Vorausfahrenden, Multikollisionsbremse oder auch die neue 570-Watt-Stereoanlage von Canton und das Acht-Zoll-Mediacenter aus dem Golf (dort für 2315 Euro). Mit all den schönen Dingen lässt sich der Basispreis des Octavia locker verdoppeln.

Spannend: Ab Herbst wird die aufstrebende Schwester Skoda den Golf ihrer Mutter VW von zwei Seiten in die Zange: von unten mit dem neuen Rapid Spaceback mit 550 Liter Kofferraum (Golf 380 Liter), und von oben mit dem 4,66 Meter langen Octavia, der mit Mittelklasse-Maßen und XXL-Raumangebot zu Kompaktklasse-Preisen eine völlig neue Klasse aufmacht. Vielleicht spricht man schon in naher Zukunft neben der Golf-Klasse dann auch von der Octavia-Klasse?

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