Der neue VW : Berlin golft und golft und golft

Hunderte Plakate, ein Kongresszelt in Mitte und tausende Gäste: Wochenlang feiert VW den Golf VI. Unterdessen haben wir ihn gefahren – erste Eindrücke.

VW stellt Golf VI vor
Die sechste Generation des Golf, des wichtigsten Modells von VW.

Die Frage erhitzt die Gemüter schon seit Monaten: Ist es wirklich ein komplett neuer VW Golf, der ab dem 11. Oktober bei den Händlern steht?

VW sagt ja, die Kritiker nein. Die Antwort, nachdem wir uns ausgiebig mit der sechsten Generation Golf beschäftigt haben: Ein eindeutiges Jein. Rein äußerlich hat Volkswagen seine wichtigste Stütze mal wieder nur dezent angefasst. Alles andere würde der Golf-Käufer wohl kaum hinnehmen. Exzentrik oder flippiges Design wäre hier fehl am Platz.

„Wir wollten die Essenz freilegen, das, was den Golf ausmacht“, sagt Designer Klaus Bischoff. Was er damit meint? Golf bleibt Golf. Vorne ein bisschen wie der neue Scirocco (das neue Markengesicht von VW), von der Seite kantiger, ohne übertrieben viele Sicken zu integrieren, von hinten dezente Anleihen beim wuchtigen Touareg – fertig ist der „neue“ Golf, einer, den mancher allerdings beim ersten Anblick nicht als neu erkennen dürfte. Sicher, er wirkt dynamischer, frischer, ein wenig moderner – doch alles in allem immer noch sehr wertkonservativ, tendenziell nüchtern.

Ein wenig muss Volkswagen damit leben, seinen treuen Golf-Kunden vorhersehbare Kost zu servieren. Das ist vergleichbar mit einer altgedienten Rockgruppe wie AC/DC: Die Australier nehmen zwar auch alle Jubeljahre eine neue Platte auf, dürfen aus Rücksichtnahme auf ihre konservativen Fans aber keine Stiländerungen vornehmen. Letztlich wollen alle immer nur „Highway to hell“ hören.

Auf dem befindet sich VW aber glücklicherweise nicht, denn wie bei AC/DC geht es auch beim Golf darum, die Dinge im Detail zu verändern. „Wertigkeit“ ist daher das Thema, das VW bei der Präsentation der sechsten Generation in den Vordergrund stellt. Wer das erste Mal in den neuen Golf einsteigt, wird das bestätigen. Alles ist mindestens eine Spur hochwertiger ausgefallen, lässt sich angenehmer anfassen, bedienen, fühlen. „Hoppla, sitzen wir in einem Audi A3?“, fragten wir uns leise, als wir die Augen erstmals über die beeindruckende Cockpitausrüstung gleiten ließen. Chrom und Leder, tolle Optik und Haptik, reichlich Luxus – eigentlich passt der Golf so gar nicht mehr in die Golfklasse, ist seinen spartanischeren Konkurrenten mindestens zwei Stufen voraus.

Vier Benziner und zwei Dieselmotoren schickt VW zum Start ins Rennen, deckt damit eine Palette zwischen 80 und 160 PS ab. Die Benzinmotoren wurden überarbeitet und in punkto Verbrauch verbessert. Nach den ersten Fahreindrücken eindeutiger Favorit: die 122-PS-Variante. Hier gibt's aus gerade mal 1,4 Litern Hubraum mehr als ausreichend Kraft, der Weg vom Gaspedal zur Leistungsentfaltung ist minimal kurz. Überholvorgänge auf der Landstraße, entspanntes Cruisen im hohen Gang – alles kein Problem für den TSI, der zudem vorbildlich ruhig in der Geräuschentwicklung ist.

Unbedingte Empfehlung: Das Doppelkupplungsgetriebe DSG. Sanfter schaltet kein Mensch und keine Maschine. Neben dem Komfortgewinn verbraucht ein DSG-Benziner auch noch weniger als ein Handschalter, im Falle des 122-PS-TSI immerhin 0,2 Liter auf 100 Kilometern. Der 160-PS-Benziner ist ebenfalls empfehlenswert, keine Frage. Dennoch: Die 1525 Euro Aufpreis kann man sich sparen – lieber die 1775 Euro für das Direktschaltgetriebe investieren.

Bei den Dieselmotoren hat Volkswagen endlich den rauen Pumpe-Düse-Motor eingemottet, setzt stattdessen auf moderne und deutlich leisere Common-Rail-Diesel, die zudem Vorteile bei den Verbräuchen aufweisen. Der 110-PS-Selbstzünder verbraucht laut Datenblatt 4,5 Liter Diesel auf 100 Kilometer, stößt 119 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Ansonsten hat sich wenig geändert: Fahrwerk, Radstand, Abmessungen - technisch ist der Golf VI eben doch weitgehend ein Golf V. Wer's positiv sehen will: In Sachen Fahrwerk war der Golf ohnehin das Maß der Dinge in dieser Liga. Und dabei bleibt’s auch. Auch mit kleinem Motor ist der Golf sportlich über die Straßen zu bewegen, sein straffes Fahrwerk ist dermaßen perfekt abgestimmt, dass man die optionale adaptive Fahrwerksregelung DCC gar nicht braucht. So faszinierend kann nüchtern sein.

Leider erst nächstes Jahr kommt die Blue-Motion-Variante, die gerade mal 99 Gramm CO2 pro Kilometer emittiert. Ebenfalls in der Pipeline ist eine Flüssiggas-Variante. Der vor einigen Wochen vorgestellte Golf Twin Drive mit kombiniertem Elektro- und Verbrennungsmotor wird aber noch einige Jahre brauchen, bis er auf die Straßen rollt. Am anderen Ende der Palette wird bei 160 PS nicht Schluss sein, der neue Golf GTI debütiert bereits auf dem Pariser Salon, der Mitte nächster Woche beginnt.

Und die Preise für Volkswagens Bestseller? Die sind unterm Strich ein wenig angehoben worden, dafür wurde die Serienausstattung aufgewertet. Der günstigste Golf (Dreitürer, Aufpreis für fünf Türen 750 Euro) kostet 16500 Euro. Unsere Empfehlung: 122 PS im TSI, DSG und die mittlere Ausstattungslinie Comfortline – mehr Golf braucht man nicht. Egal, ob er jetzt ganz neu ist oder nur überarbeitet.

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