Der neue VW T6 : Bulli bleibt Bulli

Revolutionen überlässt Volkswagen den anderen: Auch der VW T6 bringt keinen radikalen Umbruch. Die sechste Baureihe des T-Modells will mit inneren Werten überzeugen. Nur die Preise bleiben gewohnt schmerzhaft.

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Bulli rot-weiß: Die Zweifarblackierung, die für den VW T6 angeboten wird, soll als eine Hommage an den Samba-Bus der ersten Generation verstanden werden. Die Farben, das Grundkonzept und das T im Namen dürften aber die einzigen Gemeinsamkeiten sein.
Bulli rot-weiß: Die Zweifarblackierung, die für den VW T6 angeboten wird, soll als eine Hommage an den Samba-Bus der ersten...Foto: Markus Mechnich

Mit der Tradition ist das immer so eine Sache. Sie lässt sich einerseits für viel Geld nicht kaufen und kann dennoch auch Belastung sein. Das erfährt Volkswagen regelmäßig mit seinen Modellen, so auch mit dem VW T6. Meist bleibt es bei neuen Modellen optisch bei recht dezenten Änderungen, was den Wolfsburgern regelmäßig zum Vorwurf gemacht wird. Nur: Wer zettelt denn designerische Revolutionen an bei Modellen, die schlicht und ergreifend souveräne Marktführer sind und eine treue Käuferschaft haben? So ähnlich ging es den Kollegen aus dem Nutzfahrzeugbereich in Hannover, die nun nach 13 Jahren die sechste Generation des VW T-Modells auf den Markt gebracht haben. Schon im letzten Jahr überschlugen sich in den zahlreichen Fan-Foren die Gerüchte zum neuen VW T6. Wie würde er aussehen, der neue Bulli? Bei der Weltpremiere im April gab es dann hie und da lange Gesichter, weil die optische Revolution ausblieb.

Verdenken lässt es sich Volkswagen nicht, dass man beim VW T6 nicht gleich das ganze Auto auf den Kopf gestellt hat. „Wir haben da Hand angelegt, wo es notwendig war. Aber den Charakter haben wir nicht verändert“, sagt der Entwicklungsvorstand von Volkswagen Nutzfahrzeuge Joachim Rothenpieler über die Neuheiten des VW T6. Das hätte ein kurzer Auftrag werden können, lässt sich dem Vorgänger T5 doch nicht sonderlich viel an Fehlern vorwerfen.

Ein wenig Schminke hier und dort

Ganz so einfach hat man es sich bei der Neuauflage des Bestsellers, der seit nunmehr 65 Jahren auf dem Markt ist, dann aber doch nicht gemacht. Schließlich kommt beim VW T6 nicht wie bei den Pkw-Modellen alle acht Jahre ein Neuer auf den Markt. Zwar sind die Revolutionen ausgeblieben, aber erkennbar sind die Unterschiede auch optisch durchaus. Horizontale Linien vorne und in den Flanken lassen den Neuen breiter dastehen. Die neu gezeichneten Scheinwerfer, wahlweise auch mit LED-Licht erhältlich, prägen noch mehr als zuvor die Frontansicht. Im Heck beschränken sich die Novitäten auf eine ebenfalls horizontale Lichtkante unterhalb der beiden Heckleuchten, die nun auch in LED-Licht erstrahlen.

Gleichgeblieben ist natürlich das Grundkonzept des VW T6. Volkswagen definiert es als Zwei-mal-Zwei-mal-Fünf. Bedeutet zwei Meter hoch, zwei Meter breit und fünf Meter lang. Daran hat sich seit einigen Generationen nichts geändert.
Gleichgeblieben ist natürlich das Grundkonzept des VW T6. Volkswagen definiert es als Zwei-mal-Zwei-mal-Fünf. Bedeutet zwei Meter...Foto: Markus Mechnich

Da hat sich innen schon mehr getan. Der Armaturenträger wurde neu gestaltet, zeigt sich mit Klavierlackverkleidung, die sich in verschiedenen Farben bestellen lässt. Anstelle eines ebenfalls erhältlichen Aschers gibt es nun neben dem Schaltknüppel eine Ablage für Mobiltelefone nebst USB-Anschluss und darunter findet sich in den Pkw-Ausführungen Multivan und Caravelle ein zweigeteilter Becherhalter. Das Infotainmentsystem darüber hat VW auf de neusten Stand gebracht, indem bei der Pkw-Sparte ins Regal gegriffen wurde. Mit besser auflösender Grafik, annäherungsempfindlichem Touchscreen-Bildschirm und erweiterten Konnektivitätsfunktionen ist das System nun etwa auf dem Stand der Zeit. Nur bei den Abmessungen ist man mit 6,3 Zoll recht bescheiden geblieben.

Viel Neues unter der Haube des VW T6

Hand angelegt haben die Ingenieure ansonsten vor allem unter der Haube und ans Fahrwerk des VW T6. Der Zweiliter-TDI, der 99 Prozent aller in Europa verkaufter T-Modelle antreibt, wurde von Grund auf neu entwickelt. Damit die Aggregate die im PKW-Bereich bereits fällige, im Nutzfahrzeugsegment erst September 2016 verpflichtende Euro-Norm 6 erfüllen wurde dem Motor eine Abgasreinigung mittels Harnstofflösung verpasst. Eine gängige, wenn vielleicht nicht die eleganteste Lösung. Zumindest sind die Intervalle mit rund 7000 Kilometer pro Harnstofftankfüllung recht groß ausgefallen, aber die technische Lösung bringt auch ein Mehrgewicht von bis zu 30 Kilo mit sich.

Zweifarbig auch im Innenraum: Am Interieur für den VW T6 hat man durchaus gearbeitet. Aber auch hier gilt, was sich auch für die Optik außen sagen lässt: Revolutionen gibt es hier keine. Das Infotainmentsystem hat zahlreiche neue Funktionen bekommen, bleibt beim Bildschirm mit 6,3 Zoll jedoch relativ bescheiden.
Zweifarbig auch im Innenraum: Am Interieur für den VW T6 hat man durchaus gearbeitet. Aber auch hier gilt, was sich auch für die...Foto: Markus Mechnich

Umso erstaunlicher, dass die Verbräuche des VW T6 in allen vier Leistungsstufen mit durchschnittlich einen Liter in der Norm zurückgegangen sind. Selbst der nicht ganz billige Biturbo mit 204 PS, der beim Vorgänger immerhin rund 25 Prozent der Bestellungen ausmachte, spart 15 Prozent beim Verbrauch ein. Bei der meistverkauften Variante, dem 150-PS-Diesel, wird ein Normverbrauch von 5,5 Liter für 100 Kilometer angegeben. Auf der Benzinerseite sind zwei Versionen eines Reihenvierzylinders mit ebenfalls zwei Liter Hubraum mit 150 oder 204 PS erhältlich, deren Abgaswerte nicht mittels Harnstoff auf Euro 6 gebracht werden müssen.

Für Schaffende: Als Transporter ist der VW T6 etwas rustikaler. Dafür ist der Nutzwert auch höher. Teils sogar deutlich, wie hier beim Hochdachkombi.
Für Schaffende: Als Transporter ist der VW T6 etwas rustikaler. Dafür ist der Nutzwert auch höher. Teils sogar deutlich, wie hier...Foto: Markus Mechnich

Die zweite Baustelle war das Fahrwerk, wo VW den Kompromiss zwischen Arbeitstier und komfortablem Shuttle-Fahrzeug gesucht hat. Gelöst wurde das mittels eines in Lagern aufgehängten Hilfsrahmens, der vorne die Schwingungen der Einzelradaufhängung mit McPherson-Federbeinen abdämpft. Zusätzliche Stabilisatoren an beiden Achsen dämmen zudem die Wankbewegungen der zwei hohen Karosse ein.

Neu ist hingegen das adaptive Fahrwerk namens DCC, das es nun auch für den Bulli zu kaufen gibt. Über drei Modi kann die Auslegung der elektrisch gesteuerten Dämpfer auf komfortabel, normal oder sportlich eingestellt werden. Zusätzlich gibt es für den T6 ein Sportfahrwerk, das den ohnehin schon zwei Zentimeter tieferen Multivan nochmals ein Stück dem Erdboden näher bringt und gleichzeitig für bessere Straßenlage sorgt.

Testfahrt mit Pkw-Feeling mit VW T6 Multivan

Was zu beweisen war bei den ersten Probefahrten, die Volkswagen in diesen Tagen ermöglichte. Zunächst stand der 204 PS starke Biturbo für eine Proberunde zur Verfügung, der auch das adaptive Fahrwerk an Bord hatte. Erfreulich agil wird dieser Bulli nicht nur durch Leistung, sondern vor allem durch das hohe Drehmoment von 450 Newtonmeter, das bereits bei 1500 Umdrehungen pro Minute anliegt. Damit zieht sich der Lademeister aus dem Hause Volkswagen sehr souverän aus dem Drehzahlkeller. Bei rund 2500 Umdrehungen fällt die Drehmomentkurve ab, während das Drehmomentplateau bei den schwächeren Dieseln bis fast an die 3000 Umdrehungen heranreicht. Zu verschmerzen ist das leicht, denn in diesem Bereich stehen schon etwa 150 PS zur Verfügung, bevor der Antrieb bei 4000 Umdrehungen sein Leistungsmaximum erreicht.

Ist es ein Facelift oder eine komplette Neuauflage? Letzten Endes dürfte auch der VW T6 zahlreiche Käufer finden. Und die T5-Besitzer dürfen sich über einen noch besseren Werterhalt freuen.
Ist es ein Facelift oder eine komplette Neuauflage? Letzten Endes dürfte auch der VW T6 zahlreiche Käufer finden. Und die...Foto: Markus Mechnich

Bedeutet übersetzt: Der stärkste Bulli fährt sich fast wie ein Pkw. In flotten Kurven federt die Karosserie noch sanfter ein und bei Lastwechsel aus sehr harmonisch wieder aus. Über das Schaltgetriebe, mit seinen kurzen Schaltwegen und hakelfrei einlegbaren Gängen, lässt sich dieser kräftige VW T6 stets bei Laune halten. Und wer es lieber gemütlich und sparsam mag, dem sei gesagt, dass wir bei unserer Testrunde bei sparsamer Fahrt mit einem Verbrauch von 5,9 Liter auch recht zufrieden waren. Auf Dauer dürfte sich der Durst bei rund 6,5 Liter für 100 Kilometer in der Praxis einpendeln. Für ein fünf Meter langes und zwei Meter hohe Fahrzeug ein Wert, an dem sich kaum herummeckern lässt.

VW bleibt sich treu, auch beim Preis

Für die zweite Runde waren wir mit der allradgetriebenen 150-PS-Version unterwegs. Die lässt sich naturgemäß noch präziser ums Eck zirkeln, was auch der serienmäßig verbauten elektrisch unterstützten Servolenkung zu verdanken ist. Die arbeitet dennoch so genau, dass eine moderne elektromechanische Lenkung kaum vermisst wird. Auch ohne das adaptive Fahrwerk federt der VW T6 dabei sauber ein und aus, wobei die Abstimmung dabei doch aufgrund der zu erwartenden Lasten, die ein solcher ab und an schleppen muss, doch weicher ausgelegt ist. Das gilt noch mehr für die Transporterversion, die wir mit halber Ladung bewegen konnten. Wie ausgewogen das Fahrwerk ausgelegt ist, zeigt dabei die Tatsache, dass er mit Last fast stabiler fährt als unbeladen. Allerdings sind hier die Abrollgeräusche der Reifen doch deutlicher vernehmbar als bei den Personenvarianten. Beim Nutzfahrzeug bleiben die Assistenten begrenzt. Der Bedarf ist beim Kunden ja eher überschaubar. Im Gegenteil dazu der Multivan und die Caravelle. Insbesondere der Multivan lässt sich ausstatten wie ein Pkw. Serienmäßig gibt es Multikollisionsbremse und Front Assist, welcher auch die City-Notbremsfunktion enthält. Dazu lässt sich vieles aus dem Technikregal optional bestellen. Herauszuheben wären der adaptive Tempomat mit Staufunktion und die bereits bekannte Funktion zur Unterstützung beim Parken von Hängern, namens Trailer-Assist. Beim VW T6 sicher ein besonders hilfreiches Feature, da der Blick nach hinten naturgemäß eingeschränkt ist.

In der Summe lässt sich Joachim Rothenpieler Recht geben. Die wirklich wichtigen Dinge für einen Transporter, sei es nun für Personen oder Gerätschaften, hat VW gezielt verbessert. Das gilt für die Motoren wie für das Fahrwerk. Auch bei den Preisen ist sich der neue Bulli halbwegs treu geblieben, auch wenn die vorher schon nicht ganz günstig waren. Die günstigste Variante Bulli zu fahren ist weiterhin der 84 PS starke Diesel, der in der günstigsten Version mit Fünfganggetriebe 29 952 Euro kostet. Realistischer ist aber der Einstieg bei rund 40 000 Euro für den 150-PS-Diesel in der Trendline-Ausstattung. Wer den VW T6 als Biturbo mit Highline-Ausstattung und Doppelkupplungsgetriebe wünscht, der sollte schon bereit sein mindestens 67 990 Euro auf den Tisch zu blättern. Auch hier also keine Revolution. Im Gegenteil, es dürfte auch möglich sein den Preis für den Bulli auf atemberaubende Höhen in Richtung 100 000 Euro zu treiben. Wobei sich die treue Fangemeinde die in der Preistabelle sich noch am ehesten gewünscht hätte. Aber Revolutionen überlässt Volkswagen lieber den anderen. Man bleibt sich lieber treu. Dennoch dürfte die sechste Generation wahrscheinlich die 1,9 Millionen Exemplare, die vom T5 verkauft wurden, nochmals übertrumpfen können. Da darf man sich jetzt schon halbwegs sicher sein.

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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