Auto : Der Sprit kommt aus der Steckdose

Die ersten Elektroautos werden bald serienreif sein. Ein Allheilmittel sind aber auch sie nicht

Felix Rehwald[dpa]

Die Idee klingt verlockend: Statt mit Verbrennungsmotoren, die klimaschädliche Abgase in die Luft blasen, fahren Autos künftig elektrisch. Das ist emissionsfrei, zumindest lokal, und noch dazu leise, wovon gerade die von Luft- und Lärmbelastungen geplagten Stadtbewohner profitieren dürften. Diese Vorteile sind wohl mit ein Grund, warum sich die Autohersteller verstärkt mit dem Thema beschäftigen: Neben kleinen E-Stadtflitzern arbeiten sie längst auch an elektrisch angetriebenen Transportern und sogar Sportwagen.

Während „Stromer“ in der Vergangenheit eher unkomfortable und für spezielle Einsatzzwecke abseits des Straßenverkehrs konstruierte Kleinstwagen waren, unterscheiden sich die neuen Konzepte in Komfort und Leistung kaum noch von den Spritverbrennern. So will Renault für seine ab 2011 für Europa geplanten Elektroautos herkömmliche Kompaktmodelle als Basis nutzen. Die „Null-Emissions“- Fahrzeuge sollen laut Hersteller Fahreigenschaften bieten wie vergleichbare Wagen mit einem 1,6-Liter-Benzinmotor.

Dass das machbar ist, beweist Smart seit Dezember mit einem Pilotprojekt in London. Rund 100 E-Smart fahren seitdem in der britischen Hauptstadt, um Erfahrungen mit der Technik zu sammeln. Den Antrieb übernimmt ein 41 PS starker Elektromotor. Die Beschleunigung auf Tempo 60 ist ähnlich wie mit den Benzinern des Serien-Smart, maximal sind 120 Stundenkilometer drin. Neben Energiekosten von nur zwei Cent pro Kilometer bietet der E-Smart einen weiteren Vorteil: Er ist in London von der City-Maut befreit.

Die Befreiung von Zufahrtsbeschränkungen in Ballungsräumen sieht auch das Unternehmen EcoCraft aus Wunstorf bei Hannover als Verkaufsargument für seine Elektro-Kleintransporter. Sprecher Ulrich Eggert verweist auf die Umweltzonen in deutschen Städten: „Da kommen Sie mit bestimmten Lastwagen nicht mehr rein.“ Hauptzielgruppe für den als Zwei- oder Dreiachser lieferbaren EcoCarrier mit 24 PS starkem Elektromotor sind Handwerksbetriebe, deren Transporter von Fahrverboten betroffen sind. Eine weitere Einsatzmöglichkeit ist der Güterverteilungsverkehr.

Aber auch am anderen Ende der Palette tüfteln die Hersteller an innovativen Elektro-Lösungen. So hat das kalifornische Unternehmen Tesla zusammen mit dem britischen Hersteller Lotus einen Sportwagen mit 252 PS starkem E-Motor auf die Räder gestellt, der wohl auch in der strengsten innerstädtischen Umweltzone fahren dürfte. Gespeist aus 7000 Lithium-Ionen-Zellen, soll der Tesla Roadster in 5,7 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen und eine Höchstgeschwindigkeit von immerhin 210 km/h erreichen. Die Produktion soll im März starten.

Ergänzt werden diese reinen „Stromer“ durch sogenannte Plug-in-Hybride, an denen unter anderem General Motors, VW und Audi arbeiten. Sie können rein elektrisch fahren – etwa im Stadtbetrieb – und ihre Batterie an der Steckdose laden. Zusätzlich haben sie aber einen Verbrennungsmotor an Bord, der zugeschaltet werden kann oder auf Langstrecken als On-Board-Ladegerät zum Aufladen der Batterie dient.

Dieses Konzept verfolgt auch die Schweizer Mindset AG aus Luzern. Ein Team um den Ex-VW-Chefdesigner Murat Günak will bis 2009 ein einfaches, designorientiertes Elektroauto zur Serienreife bringen. Der Unterschied ist, dass es sich nicht um ein umgerüstetes Fahrzeug, sondern ein als Leichtbau neu konstruiertes Modell handelt. Der 4,20 Meter lange 2+2-Sitzer soll einen E-Motor mit 95 PS, Lithium-Ionen-Batterien und einen Zweizylinder-Benziner mit 24 PS zum Nachladen der Batterien erhalten. In sieben Sekunden soll er auf Tempo 100 beschleunigen, maximal 140 km/h sollen drin sein. Pro Jahr sollen von dem Öko-Coupé rund 10 000 Exemplare gebaut werden.

Autoexperte Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics in Limburg glaubt, dass mit den vielfältigen Konzepten der Aufschwung der Elektroautos ernsthaft begonnen hat: „Zwar stehen wir erst am Anfang der Reise, aber Fortschritte in der aktuellen Technik räumen zunehmend Steine aus dem Weg.“ Entscheidend für den Durchbruch auf dem Markt sei die Stromspeicherung, sagt Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland: „Das A und O wird sein, wie sich die Batterietechnik weiterentwickelt.“ Nur wenn sich Batterien platz- und gewichtssparend, mit ausreichend Kapazität und vor allem kostengünstig produzieren lassen, hätten Elektroautos nicht mehr die Nachteile gegenüber herkömmlichen Benzin- und Dieselfahrzeugen. Aber auf diesem Gebiet hat sich bereits eine Menge getan: Während frühere E-Autos batteriebedingt nur eine überschaubare Reichweite besaßen, ermöglicht beispielsweise das moderne Lithium-Ionen-Paket des Tesla Roadsters eine Reichweite von rund 350 Kilometern. Danach muss der Wagen zum Vollladen für 3,5 Stunden an die Steckdose. Lithium-Ionen-Batterien haben im Vergleich zu herkömmlichen Nickel-Metallhydrid-Batterien eine höhere Energiedichte und damit größere Reichweiten. Auch ihre Produktionskosten könnten künftig sinken, da inzwischen mehrere Zulieferer in die Serienfertigung eingestiegen sind. Allerdings gibt es immer noch Zweifel an der dauerhaften Standfestigkeit der Akkus, die unter anderem auch in Handys verwendet werden.

Laut Nick Margetts sprechen aber noch weitere Gründe für eine Trendwende. So erkennen nun auch die Hersteller die Vorteile von Strommobilen in ihren Produktpaletten. Denn nicht zuletzt helfen sie ihnen bei der Verringerung ihres Flottenverbrauchs. Für den will die EU Obergrenzen vorschreiben – und Überschreitungen mit Strafzahlungen ahnden. Strom hat auch den Vorteil, dass er in jeder Steckdose bereitsteht. Der Experte: „Für andere neue Kraftstoffe müssen drastische Eingriffe in die Versorgungsinfrastrukturen vorgenommen werden.“ Auch bei der Erzeugung ergäben sich etwa im Gegensatz zu Bio-Ethanol keine unerwünschten Begleiterscheinungen.

Das sieht VCD-Experte Gerd Lottsiepen differenzierter: „Aus Umweltsicht lohnt sich ein Elektroauto nur, wenn man die CO2-Bilanz insgesamt verringert. Es bringt ja nichts, wenn man den CO2-Ausstoß nur zu den Kraftwerken verlagert. Im Grunde machen Elektroautos nur dann Sinn, wenn wir einen Überschuss an regenerativen Energien erreicht haben.“ Bis dahin wird es aber noch dauern: Nach Angaben des Bundesumweltministeriums in Berlin betrug der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung in Deutschland im Jahr 2007 rund 14 Prozent. Der weitaus größere Teil entfiel weiterhin vor allem auf Kernkraft, Braun- und Steinkohle.

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