Auto : Der Weg ist das Ziel

An diesem Wochenende startet der neue A6 – eine Limousine, die Reisende vergessen lässt, wie lange sie unterwegs sind

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Gäbe es einen Oscar für den besten Showact in einem Auto, so müsste ihn der neue Audi A6 bekommen. Und zwar für sein edel eingefasstes Display des Navigationssystems, das erst geräuschlos aus dem Armaturenbrett herausfährt und dann mit einer solchen Eleganz nach oben schwenkt, dass man dieses Schauspiel immer wieder erleben möchte. Das hat keine andere Businesslimousine in dieser Klasse zu bieten. Doch der Eintritt zu diesem Theaterstück ist hoch: 3500 Euro. Flach baut dafür das Cockpit; so eloquent wurde noch kein Arbeitsplatz gestaltet. Allein schon dieses Eichen-Schichtholzfurnier, wie man es von teuren Jachten kennt und zuvor auch noch nicht im Autobau-Großserienbau erlebt hat. Es ist seine 950 Euro wert.

Die Übernahme von Teilen aus dem viertürigen Coupé A7 und die Anleihen aus dem Flaggschiff A8 haben sich ausgezahlt. Lässige Weite umfängt die vorn Sitzenden auf sehr bequemen Sesseln; anders als im neuen BMW Fünfer, in dessen hoch aufragendem Cockpit man sich fast wie in einer Burg fühlt. Aber auch anders als im kantigen Cockpit der Mercedes E-Klasse, das klösterliche Strenge statt weltläufiger Eleganz verströmt. Die Verarbeitung des Audi ist ohnehin tadelsfrei; das macht den Ingolstädtern derzeit keiner nach.

Wer die Tür hinter sich zuzieht, erschließt sich einen Ort der Ruhe: Ärger und Stress bleiben außen vor. Die Geräuschdämmung ist die große Stärke des A6. Gepaart mit dem bemerkenswert hohen Komfort selbst des serienmäßigen Stahlfederfahrwerks – wer will, kann für 1950 Euro die elektronisch geregelte Luftfederung ordern –, adelt sie dieses Auto zum Langstrecken-ICE vom Feinsten. Und zwar ohne Fußnoten. Motto: Je länger die Strecke, desto größer die Freude.

Audi muss auch Gas geben, denn die Erfolgsfirma schwächelt in dieser imageträchtigen Businessklasse: Nur Platz drei in der 2010er-Zulassungsstatistik, hinter Mercedes und BMW. Nach sieben Jahren soll es nun die vierte Generation richten – und die hat starke Gene mitbekommen. Beispielsweise ein Design, das ruhig und zeitlos ist. Die flache Coupéform – der A6 ist annähernd gleich groß wie der Vorgänger, hat aber einen acht Zentimeter längeren Radstand – ist schick. Sie hat jedoch auch ihre Kehrseite: Der Audi-Fond bietet gut zehn Zentimeter (!) weniger Kopffreiheit als die rund zehn Zentimeter höheren Limousinen der BMW Fünfer-Reihe und der Mercedes E-Klasse. Deshalb wendet Audi einen Trick an, über den sich zumindest aufgeschossene Bosse ärgern dürften: Die Bank mit den recht kurzen Sitzflächen ist vergleichsweise tief eingebaut. So hocken sehr Langbeinige (aber nur die!) in einer Klappmesserhaltung; und beim Einsteigen zwingen sie die kleinen Türausschnitte zu devoter Bückhaltung.

So extrem, wie es Audi mit dem nicht unumstrittenen Einheits-Design hält (wer kann im Rückspiegel noch einen A8 oder A7 von einem A4 oder A1 unterscheiden?), so praktizieren es die Ingolstädter auch unter dem Blech. In diesem Falle ist es aber gut so. Denn so bekommt der A6 das Beste aus A8 und A7 mit auf seinen künftigen Erfolgsweg. Zum einen die neue Agilität durch den Einsatz des sogenannten modularen Längsbaukastens. Die Frontlastigkeit des alten A6 ist damit passé, denn der Motor liegt nicht mehr komplett vor der Vorderachse. Damit konnte der vordere Überhang um acht Zentimeter gekürzt und die Einlenkfreudigkeit erhöht werden. Dann die exzellenten Voll-LED-Scheinwerfer aus dem A8, hier für 2750 Euro extra, die einen wirklichen Sicherheitsgewinn für Langstreckenfahrer darstellen. Ohne Einschränkung gilt das Lob auch einer anderen Neuerung: Das serienmäßige Fahrdynamiksystem Audi drive select besitzt zu den früher bereits möglichen vier Modi Komfort, Auto, Dynamik und Individual jetzt zusätzlich das Profil Effizienz. Das kappt die Leistung um gut 20 Prozent und lässt die Klimaanlage etwas weniger arbeiten – so spart der Fahrer gut zehn Prozent Sprit. Außerdem hat jetzt jeder A6 eine Start-Stopp-Automatik an Bord, die unauffällig gut agiert.

Da wir gerade beim Sparen sind. Spaß kommt beim neuen A6 vor allem vorn links auf. Und das gilt selbst für jene, die „nur“ den kleinsten Motor ordern. Denn der schlägt sich viel besser als nur gut. 177 PS und 380 Newtonmeter treffen auf 1650 Kilogramm Auto. Für 100 Kilometer sollen diesem 4,92-Meter-Gefährt ganze 4,9 Liter Diesel reichen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt völlig ausreichende 228 km/h. Im Leben reicht dieser kräftige Diesel mit dem sämigen Durchzug allemal. Dazu agiert er überraschend leise. Was will man mehr?! Vielleicht eine Automatik? Die gibt es erst im Sommer.

Wer als Geschäftsmann weit oben steht, wählt den souveränen Sechszylinder-TDI. Mit Frontantrieb und stufenloser Automatik sowie 204 PS für 43 350 Euro. Oder mit bulligen 245 PS, dann jedoch mit Allrad und 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe für 51 200 Euro. Bei den Benzinern stehen zwei Sechszylinder zur Wahl: 204 PS mit Frontantrieb für 42 050 Euro; mit Allradantrieb für 44 800 Euro. Und der herzerfrischende Drei-Liter-Kompressor mit Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe für 51 600 Euro. Und wer im Dienstwagen-Ranking weiter oben steht, darf sich bei den vielen Fahrerassistenzsystemen gütlich tun. Wie wäre es mit einem fahrenden Netzwerk für bis zu fünf Computer für 870 Euro? Oder mit jeder Menge schlauer Elektronik für 2760 Euro, die beim Bremsen mitdenkt, beim Einparken hilft oder beim Spurhalten aufpasst? Gentleman, treffen Sie Ihre Wahl. Nieten sind garantiert nicht dabei.

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