Detroit Motor Show : Groß und neu und oft von gestern

Bei US-Herstellern ist Größe das Maß der Dinge. Die Europäer punkten mit frischem Design und sauberen Dieseln auf der Detroit Motor Show. Aber Pick-ups dominieren weiter die USA

Paul-Janosch Ersing

Der Staub hat sich gerade erst verzogen, den das billigste Auto der Welt aufgewirbelt hat, der in Indien vorgestellte Tata Nano. Da sind wir schon mittendrin in der nächsten Automesse: die North American International Auto Show 2008 in Detroit, Michigan. In der Heimatstadt der großen drei – General Motors, Ford und Chrysler – zeigt die US-Autoindustrie alljährlich ihre Hörner. In diesem Jahr nahmen das die Verantwortlichen der Chrysler-Tochter Dodge sogar wörtlich: Die neueste Version des bulligen Pick-ups Dodge Ram trieb unter dem Peitschenknallen von zehn Cowboys samt Pferd mehr als einhundert Longhorn-Rinder den Washington Boulevard hinunter vor die Messehalle.

Von den Viechern unbeeindruckt zeigt man sich bei Ford: Der brandneue F-150, ebenfalls ein nicht eben kleiner Pick-up, soll nach dem Wunsch von Mark Field, Präsident des Herstellers, weiterhin die Zulassungsliste in den Vereinigten Staaten anführen. Doch Ford kann auch kleiner: Mit der Studie Verve sind die Weichen für die Kleinwagenstrategie gestellt. Die dreitürige Variante für den europäischen Markt wird noch in diesem Jahr das Erbe des Fiesta antreten. General Motors sorgt mit dem 620 PS starken ZR1 für die kräftigste Corvette aller Zeiten. Auch die offene Studie Hummer HX ist ein waschechtes Brachialfahrzeug, wenn auch mit alternativem Bioethanolantrieb, der ebenfalls das Konzeptfahrzeug 9-4X der GM-Tochter Saab antreibt. Der Allradler soll den Schweden endlich die Tür zum Geländewagenmarkt öffnen. Man sieht es allerorten bei den US-Herstellern: Auch wenn sich immer wieder kleine Fahrzeuge ins Rampenlicht schummeln – das Maß der Dinge bleiben Pick-ups und SUVs.

Anderen kann das recht sein. Allerdings ist die Zahl der deutschen Hersteller in der altehrwürdigen Cobo-Hall in diesem Jahr geschrumpft: Porsche verzichtet erstmals seit langem auf einen Auftritt. Audi hingegen lässt den sanften Sänger Bryan Adams zwei knallharte Weltpremieren besingen: den mit 272 PS ausgestatteten TTS – stärker war kein TT zuvor – sowie den Superrenner R8 V12 TDI Concept mit glatten 500 PS, einem Drehmoment von 1000 Newtonmeter – und Dieselantrieb. Letzterer soll den Beweis antreten, dass sich in Le Mans bewährte Selbstzünder-Renntechnik auch im Straßenverkehr einsetzen lässt. Beim zweiten bayerischen Konzern stehen das BMW 1er-Cabrio und der X6 im Mittelpunkt. Der in den USA gebaute X6 ist Wegbereiter einer völlig neuen Fahrzeugkategorie: einer gewöhnungsbedürftigen Mischung aus Coupé und Geländewagen. Eine Konzeptstudie des Fahrzeugs mit Vollhybridantrieb weist den Weg in eine spritsparende Zukunft. In die gleiche Kerbe schlägt BMW mit der Einführung schadstoffarmer Dieseltechnologie – in Abgrenzung zu Bluetec von Mercedes-Benz nennt man sie in München etwas umständlich Advanced Diesel mit Blue Performance.

Die Schwaben hatten in Detroit bereits vorher zum Empfang geladen: Über dem Museum für zeitgenössische Kunst leuchtete ein strahlender Stern, im Innern sorgte der Sänger Max Raabe mit seinem Palast-Orchester für allerbeste Stimmung. Wer die feierlich enthüllten GLK-Studien Townside (für die Stadt) und Freeside (fürs Gröbere) vor dem geistigen Auge verschmelzen lässt, kommt der ab Herbst 2008 angebotenen Serienvariante des überraschend kantigen Allradlers wohl sehr nahe. Auch wenn der neue GLK – nicht zuletzt dank der aktiven Mithilfe von „Sex and the City“-Star Kim Catrall – eindeutig der Blickfang auf dem Mercedes-Stand ist, kommt auch der rot lackierte, leicht überarbeitete SLK gut weg: Der beliebte Roadster ist nun noch schöner anzusehen.

Und auch bei Volkswagen macht man auf hübsch: Das neue viertürige Coupé Passat CC bietet elegante Linienführung. Es wird ausschließlich von Direkteinspritzern mit 160 bis 300 PS angetrieben und soll in Deutschland ab dem zweiten Quartal zu haben sein.

Bleiben noch die Japaner: Stark vertreten sind sie in Nordamerika und folglich auch in Detroit. Außergewöhnlich ist das Aussehen des Mazda Furai (Japanisch für „Klang des Windes“, falls es interessiert), ein futuristischer Renner in organischem Design. Der innen und außen aufgefrischte RX-8 teilt mit dem Furai den Mazda-typischen Wankelmotor. Mitsubishi versucht sich mit der Studie RA (Abkürzung für Road Aggressive) im Sportwagenbau und setzt dabei auf ein Dieselaggregat. Nissan dagegen zeigt in Detroit die bereits im Dezember vorgestellte Studie Forum, nach Ansicht der Japaner ein Großraum-Van mit Zukunft. Das kalifornische Designstudio von Nissan Design America durfte sich austoben: Seitenpartien mit Schiebetüren, aber ohne B-Säulen, sowie ein Innenraum mit zwei drehbaren Einzelsitzen in der zweiten Reihe und einer eingebauten Mikrowelle.

Und noch jemand blickt in die Zukunft: Die britische Traditionsmarke Land Rover, demnächst vielleicht von Ford an den Tata-Konzern nach Indien verkauft, gibt sich recht mutig: Der LRX besticht durch bissiges Design und nimmt Anleihen bei der Formensprache eleganter Coupés – bei kompakteren Abmessungen, weniger Gewicht und umweltverträglich ausgerichteten Technologien. Auf die Frage, warum Land Rover in Detroit hinter einer Wand künstlichen Regens steht, konnte auf der Messe allerdings noch keine Antwort gefunden werden. Außer vielleicht: very british.

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