Die Kontrahenten : BMW gegen Mercedes – neue Runde

Im Sommer kann man Premium auch ohne Sprit fahren. Wir haben zwei Räder der Autobauer verglichen. Am Ende überrascht: Es gibt einen klaren Sieger.

Stefan Jacobs
Fahrrad BMW
Auch das geht: BMW ohne Motor. -Foto: BMW

Manche haben sich ja schon angesichts der A-Klasse die Augen gerieben: „Das soll ein Mercedes sein?“ Noch viel größer ist das Erstaunen, wenn der Kurierdienst eine sperrige Pappkiste in die Redaktion bringt, aus der man ein Fahrrad mit Stern unterm Lenker holt. Und aus einer weiteren Kiste eines von BMW. Da wären sie also, die Rivalen für ein ungewöhnliches Duell: Mercedes „Trekkingbike Sport“ für 1290 Euro gegen BMW „Touringbike“ für 1239 Euro. Beide sind beim Autohändler erhältlich und Teil einer ganzen Kollektion in den Programmen der Nobelmarken. Also Radelkluft überziehen, Testkollegen herbeiholen – und die beiden allerweltssilbergrau lackierten Kandidaten noch ein wenig im Großraumbüro stehen lassen, wo jeder, der vorbeikommt, etwas sagt. Designs testet man ja besser nicht allein.

Das BMW-Rad wird typischerweise mit einem interessierten hm-hm begrüßt. So was sagt man, um nichts Kränkendes zu sagen. Am filigraner wirkenden Mercedes mit seinem cruisermäßig nach hinten abfallenden und gegabelten Oberrohr finden zumindest die Frauen Gefallen. Dagegen rührt die Skepsis gegenüber dem BMW auch aus zwei Design-Elementen, die wohl nur echte Kenner der Marke zu schätzen wissen: Zum einen endet das Oberrohr unter dem Sattel mit jenem markanten Winkel, der sich seit Jahrzehnten in den hinteren Seitenscheiben jeder BMW-Limousine findet. Zum anderen zieht sich über das mächtige Rohr die gleiche Falte, wie auf den Münchner Autos in Höhe der Türgriffe. Nur wirkt das Rad dadurch kopflastig, und die 26er-Laufräder verschieben die Proportionen stärker als beim ebenso kleinfüßigen Mercedes in Richtung Gehhilfe.

Auf dem Weg treppab wird sofort klar, dass die Räder vom Autohändler keine Accessoires sind, um elegant aufs Autodach gehoben zu werden; 17 Kilo BMW und kaum weniger Mercedes sind höchstens etwas für den Heckträger. Oder, um gleich die ganze Strecke zu radeln – vielleicht weil’s so schön ist?

Optisch mag das BMW nach angezogener Handbremse aussehen. Aber das Mercedes hat sie: Chrchrchrchr, die Bremsscheiben schleifen. Erst nach einiger Fummelarbeit ist Ruhe; in flotter Fahrt geht's durch die City. Das können beide gut mit ihren fast profillosen Reifen und den steil stehenden Gabeln, die zu munterem Slalom durch Feierabendstau und um die unvermeidlichen Radwegfußgänger einladen. Wenn’s doch zu eng wird, helfen hier wie da die fein dosierbaren Bremsen, wobei die hydraulisch betätigten Felgenstopper beim BMW bissiger zupacken als die über Bowdenzüge in die Zange genommenen Scheiben am Mercedes.

Bald sind die Knochen warm und ein mit knapp 30 Sachen überraschend hohes Reisetempo erreicht. Der Ritt über die Berliner Rumpelradwege ist auf dem BMW dank gefederter Sattelstütze und feinfühligerer Gabel komfortabler, aber bei beiden in halbwegs aufrechter Sitzposition recht entspannt. Wahrer Komfort zeigt sich beim Radeln ohnehin erst nach längerer Fahrt. So merkt man, während man Richtung Umland schnurrt, dass beiden ein wichtiges Extra fehlt: Lenkerhörnchen, damit man auch mal die Handposition ändern kann. Das wiegt beim BMW schwerer als beim Mercedes, dessen neumodisch überdimensionierte Griffe die Finger vor Taubheit bewahren. Ein Trost: Nachrüsthörnchen gibt's in jedem Fahrradladen. Und wenn wir gerade bei den Extras sind: Bei BMW ist die Luftpumpe serienmäßig, bei Mercedes ein kleines Schloss am Vorderrad. Als wenn Geiz geil wäre.

Durch Wald und Wiesen rollt man dem Abend entgegen, sandige Abschnitte sind zumindest für ein paar Meter machbar, Wurzeln kein Problem. Die Packtaschen sitzen so bombenfest, wie es die Optik der Gepäckträger erwarten ließ. Weil der des BMW oben eine Klappe hat, lässt sich dort auch Kleinkram wie eine Landkarte einklemmen. Mercedes-Kunden können sich wiederum im Fahrradladen mit einem Spanngurt behelfen.

Fahrrad Mercedes
Konkurrent. Was BMW kann, kann Mercedes auch. -Foto: DaimlerChrysler



Wieder auf Asphalt – und diesmal ganz leicht bergab – zeigt sich, wer der King of the Radweg ist. Während der BMW-Fahrer sich bei Tempo 40 munter durchs 27-Gang-Menü zappt, geht dem Mercedes die Puste aus: Die Übersetzung der 24 Gänge gibt dieses Tempo nicht her. Was bleibt, ist die Wahl zwischen Duracell-Häschen-Gewirbel und rollen lassen. Letzteres ist leider auch keine Empfehlung, denn der Freilauf tickt so ordinär wie bei einem Baumarktkauf, der aus gutem Grund 70 Prozent billiger ist. Und dabei durchaus die gleiche Shimano-Schaltung haben kann. Glänzen kann das Mercedes erst wieder auf dem Weg zurück in die Stadt, als es dunkel wird. Sein Lichtkegel ist weitaus erhellender als der zitternde Fleck vor dem BMW. Dämmerungssensor, Nabendynamo sowie Standlicht vorn und hinten haben beide.

Und unterm Strich? Kaufen oder wieder in die Kiste? Das BMW ist für kleinere Ausflüge und Stadtfahrten eine originelle und zumindest nicht maßlos überteuerte Alternative. Das Mercedes ist ungeeignet für Sportler, taugt aber mangels Kettenschutz auch für den Weg zur Arbeit nur bedingt. Nobel sieht es auch nur so lange aus, wie der schlampig verlegte Bremsbowdenzug den Lack an Gabel und Rahmen – direkt neben dem Stern! – noch nicht durchgescheuert hat und niemand die eingeschlossenen Schmutzpartikel im Lack bemerkt hat. Dass die goldene Klingel stilistisch passt wie ein Heckspoiler zur S-Klasse, ist noch das kleinste Übel. Das größte ist sein Preis. Im Fahrradladen gäbe es für knapp 1300 Euro die obere Mittelklasse. Mit vielen Extras und in einer Qualität, die mehr als einen Stern verdient.

BMW TOURINGBIKE

Das vom Traditionshersteller Winora zusammen mit BMW in vier Rahmengrößen gefertigte Trekkingrad bietet für 1239 Euro eine typische Mittelklasse-Ausstattung:

27 Gänge
, Deore-Schaltwerk von Shimano und hydraulische Felgenbremsen aus der einfachen, aber bewährten Magura-Serie HS 11. Die

Suntour-Federgabel
lässt sich (z.B. für Bergauffahrten) fixieren. Mit Nabendynamo, Standlicht und Schutzblechen ist das Rad straßenverkehrstauglich. Auch hat es Seitenständer und Gepäckträger.

MERCEDES TREKKING

Die (getestete) Herrenversion heißt „Sport“, das Damenmodell „Comfort“. Beide werden in Zusammenarbeit mit „Rotwild“ produziert, kosten je 1290 Euro und sind komplett für den Straßenverkehr ausgestattet. Ein Hinterbauständer verhindert das Umfallen auch bei Beladung. Schaltwerk und Hebel (3 mal 8 Gänge) stammen aus Shimanos schlichter Alivio-Gruppe, die Scheibenbremsen werden per Bowdenzug bedient. Die Federgabel lässt sich fixieren, der Sattel ist ungefedert. Drei Rahmenhöhen sind erhältlich. obs

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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