Auto : Die rote Gefahr

Weil der neue Porsche 911 GT3 voll intelligenter Technik steckt, lässt er sich auch entspannt sauschnell bewegen. Aber wehe, man übertreibt es. Dann wird aus dem gemütlichen Rennerle ganz schnell ein giftiger Sportler …

Wolfgang Gomoll
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Anpressdruck. Gut, Understatement geht anders – aber den Heckspoiler trägt ein GT3 ja auch nicht, weil es so vornehm aussieht....

Vergesst SUV, Crossover und alle sonstigen allradgetriebenen Pseudo-Kletterer. Porsche hat mit dem GT3 endlich die automobile eierlegende Wollmilchsau erfunden. Denn die 435-PS-Granate taugt nicht nur auf Rennstrecken – er macht sich auch gut auf einem Waldweg ... wir haben es probiert, unfreiwillig zwar und nach einer Umleitung, aber tatsächlich, die Spoilerlippe des überarbeiteten Sportwagens lässt sich liften. Durch eine zusätzliche Luftkammer in den beiden vorderen Stoßdämpfern wird die Front um drei Zentimeter angehoben. Im Notfall hilft das im Wald – vor allem aber bei allzu steilen Garageneinfahrten in Zehlendorf.

Denn der GT3 hat natürlich nichts im Wald verloren. Sein Einsatzgebiet sind Autobahnen (links!), kurvige Landstraßen (feurig!) oder eben die Rennstrecke. Entspanntes Cruisen ist trotzdem drin: Da der Hubraum von 3,6 auf 3,8 Liter vergrößert wurde, erreicht die Schwaben- Power das Drehmoment-Plateau nun deutlich früher. Doch einmal losgelassen, geht das Zuffenhausener Projektil auf vier Rädern ab wie die Feuerwehr. Nach nur 4,1 Sekunden sind 100 Stundenkilometer erreicht, doppelt so viel Zeit vergeht bis zur 160-km/h-Marke. Der Selbstversuch „Pedal zum Bodenblech“ wird zu einem veritablen g-Kräfte-Test, an dem Isaac Newton seine Freude gehabt hätte – so mächtig ist der Wumms, mit dem der Fahrer in den Sitz gedrückt wird.

Doch der GT3 ist weit mehr als eine Geradeaus-Rakete. Seine wahre Stärke zeigt er, wenn es zackig um die Ecken geht. Schon im „Normalzustand“ lässt sich der Zuffenhausener Athlet wie auf Schienen um jede Kurve zirkeln. Unglaublich, wie einfach das Schnellfahren geht. Dabei ist das ESP so feinfühlig abgestimmt, dass selbst Profis damit nicht langsamer sind, als wenn es ausgeschalten wäre. Dass der Schleuderverhinderer in bester Porsche- Tradition kleine Drifts zulässt, macht die Sache umso spannender. Der Spaß hat aber auch eine „dunkle“ Seite. Bei jedem Lust-Meter im GT3 spielt man mit der Gefahr, einen Monat zu Fuß gehen zu dürfen – Flensburg lässt grüßen. Nicht umsonst meinte Walter Röhrl, dieses Auto setze „eine sittliche Reife“ voraus. Die knackige Handschaltung deutet an, dass im GT3 ein Renn-Tier lauert, das hart rangenommen werden will. Schaltet man ESP und Traktionskontrolle aus, kann es bei zu viel Lenk- und Gaseinsatz schon mal sein, dass einem der Porsche krumm, sprich quer kommt. „Dann beginnt der Ernst des Lebens“, schmunzelt die Rallye-Legende Röhrl.

Wie recht die Legende hat! Drückt man die Sport- und PASM-Taste (variable Dämpfer), ist es mit der relativen Gemütlichkeit auch spürbar vorbei. Dann wird die Lenkung einen Schuss härter und noch direkter, und der Fahrer spürt jeden Kieselstein. Kurz: Dieser Modus ist für die Rennstrecke. Da kommen auch die neuesten Errungenschaften der Porsche-Ingenieure voll zum Tragen. Der aerodynamische Anpressdruck ist 2,5 Mal so groß wie beim Vorgänger. Das sind Welten. Kein Wunder, dass der Heckflügel nach wie vor Bierthekenformat hat und den Blick nach hinten ganz schön versperrt. Zudem wird durch eine besondere Luftführung wesentlich mehr Luft übers statt unters Auto geleitet.

Solch technische Leckereien haben ihren Ursprung. Der neue GT3 ist direkt verwandt mit den Rennern, die bei der American Le Mans Series oder den europäischen GT-Klassen der Konkurrenz seit Jahren die Endrohre zeigen. Roland Kussmaul ist für diese Siegesserie als Ratgeber und Technikfuchs mitverantwortlich – und der neue GT3 ist auch ein Baby des ehemaligen Chefs der Zuffenhausener Performance-Abteilung. „Der ist wirklich ein großer Schritt“, schwärmt der schwäbische Ross Brawn. Mit dem Tüftler über Autos und Autogeschichte(n) zu reden ist ein Genuss, den man nicht für sich behalten mag – deshalb passend zum GT3 eine Kostprobe: Als junger Porsche-Mitarbeiter, der bei Krauss-Maffei den Kampfpanzer Leopard II mitentwickelte, war Kussmaul unter anderem für die Pedalerie des 55-Tonnen-Monstrums verantwortlich. Wie es sich für einen Sportwagenspezialisten gehört, versuchte der Schwabe, den besten Kompromiss aus Gewicht und Leistung zu erzielen: Da für eine Vollbremsung ein Druckgewicht von 40 Kilogramm reichte, kalkulierte er eine Maximalbelastung von 100 kg. Es kam, wie es kommen musste: Als ein Panzer wegen etwas zu viel Leerlaufs anruckelte, bekam der Fahrer Panik und trat vehement auf die Bremse. So stark, dass das Pedal abriss. Der Leopard durchbrach dann die Backsteinmauer der Halle und hinterließ seine Silhouette. „Filmreif“ lacht Kussmaul. – Und wir wissen jetzt, woher die Geländegängigkeit des GT3 kommt.

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