Auto : Die Stadt, das Auto und die Zukunft

Audi forscht an der eigenen Zukunft. Ein interaktives Exponat auf der CES zeigt, welche Rolle dabei das Automobil spielen könnte.

von

Das Automobil und Millionen-Metropolen haben eine schwierige Beziehung. Viele Bewohner sind auf einen fahrbaren Untersatz angewiesen, aber es geht immer enger zu. Kilometerlange Staus im Berufsverkehr, Unfälle und Stress auf der Straße sind in Berlin schon sehr ärgerlich. Die Mega-Cities der Welt ersticken erst recht im Verkehr. In Schwellenländern wie China oder Indien bekommt das Wort "Stau" gar eine ganz neue Dimension. Wer sich in Mumbai mit dem eigenen Auto auf die Straße traut, muss viel Zeit und vor allem gute Nerven mitbringen. Peking erstickt im Smog. Gut möglich, dass die Politik irgendwann per Gesetz eingreift.

Genau da liegt der wunde Punkt für die Autobauer. Mag sein, dass bei der Jugend Europas das Interesse am Auto schwindet. Das ist für die Strategen in den Konzernzentralen ärgerlich, aber verkraftbar. Sollte in den Metropolen dieser Welt allerdings das Auto als Verkehrsträger unattraktiv werden, dann kostet das Milliarden. Stadtbewohner sind Trendsetter, pflegen einen lifestyleorientierten Lebensstil und geben gerne Geld für Luxus aus. Vor allem aber werden es immer mehr: Laut einer Studie der Vereinten Nationen wird bis zum Jahr 2050 weltweit der Anteil der städtischen Bevölkerung auf 70 Prozent anwachsen. Dann wird es immer dichter, vor allem auf den Straßen. Zwangsläufig muss sich das Automobil neu erfinden und seinen Platz im Verkehrsmix neu definieren. Kein Wunder also, dass die Branche, deren Entwicklungszyklen bald eine Dekade lang sind, zum Thema urbane Mobilität forscht. BMW hat das BMW-Guggenheim-Lab um die Welt ziehen lassen und bei Daimler ist eine geisteswissenschaftliche Forschungsabteilung in Sachen Zukunft aktiv. Audi hat zu diesem Thema vor vier Jahren die Audi Urban Future Initiative ins Leben gerufen. In diesem Rahmen haben renommierte Architekten ihre Ideen zur Zukunft von Millionen-Metropolen präsentiert. Zweimal wurde dazu ein Preis ausgelobt, zuletzt 2012. Der erste Preisträger 2010 war der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. Die Sieger des letzten Awards, das Architektenbüro Höweler und Yoon, haben mit dem Autobauer ein Forschungsprojekt für ihre Heimatstadt Boston angeschoben. Das Ergebnis war auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas als interaktives Exponat zu sehen. Exemplarisch konnten die Besucher die Perspektive von drei verschiedenen Pendler-Typen einnehmen. Der Typ "Road Warrior" beispielsweise ist der typische Pendler, der sich in einem Vorort in sein Auto setzt und in der Innenstadt vor seinem Büro einen Parkplatz sucht. Der klassische Fall also, der sich wohl in jeder Großstadt hundertausendfach wieder findet. In nicht allzuferner Zukunft könnte der "Road Warrior" vor seinem Büro aussteigen und das Auto selbst parken lassen. Das ist nicht nur bequem, sondern es spart auch Platz. Im Parkhaus stünden die Autos mit nur wenigen Millimeter Abstand zueinander, denn es muss ja niemand aussteigen. Auch der zweite Typus, der "Straphanger", ist ein typischer Pendler. Allerdings benutzt er verschiedene Verkehrsmittel auf seinem Weg. Für diesen Typus möchte Audi künftig dank besserer Vernetzung schon auf dem Park&Ride-Parkplatz passende Züge raussuchen und die Tickets kaufen. Dank Vernetzung soll auch für den "Straphanger" das Auto attraktiv bleiben, weil die Glieder seiner Mobilitätskette komfortabel vernetzt werden. Der dritte Typus schließlich, der "Reverse Commuter", pendelt gegen den Strom morgens aus der Stadt und abends wieder rein. Hier soll, auf lange Sicht, ein autonom fahrendes Fahrzeug im dichten und ermüdenden Verkehr zum Zuge kommen.

Solche Services sind derzeit freilich noch Träumereien, auch wenn viele Hersteller an Technologien, wie dem autonom fahrenden Auto, eifrig forschen (Siehe Kasten). Sie zeigen allerdings den Weg, den das Automobil in den kommenden Jahrzehnten gehen wird. Unabhängig davon mit welchem Antrieb, elektrisch oder mit Verbrenner, wir unterwegs sein werden, die Hackordnung dreht sich um. Nicht die Umgebung wird sich künftig dem Auto anpassen, sondern das Auto seiner Umgebung. Für viele Städte voller Betonsünden kann so die Zukunft nur besser wahrlich werden.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben