Die WEC in Schanghai und Macau : Chinesische Herausforderung

Ob Schanghai oder Macau: In Asien gibt es immer mehr Motorsportfans. Und die Rennserien aus Europa oder den USA kommen zunehmend in die Metropolen in Fernost.

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Regen in Macau: Die heckgetriebenen Porsche haben hier leichte Vorteile.
Regen in Macau: Die heckgetriebenen Porsche haben hier leichte Vorteile.Foto: Porsche

Darth Vader läuft vor den Rennställen von Porsche und Lamborghini hin und her, um die Grid-Girls in rot-schwarzen Lackminiröcken und hochhackigen weißen Overkneestiefeln bilden sich Gruppen von aufgeregten asiatischen Männern mit Handykameras. Dazwischen versuchen wild gestikulierende Menschen mit schwarzen Brillen und gelben Trillerpfeifen, noch lauter zu sein als der ohrenbetäubende Lärm und den Weg freizuräumen für Rennautos – oder was von ihnen übrig geblieben ist. Das sind keine Szenen aus einem überdrehten Fantasymovie, sondern Bilder von einem ganz normalen Rennwochenende in Macau. So ein Spektakel wie vergangenes Wochenende wird den Zuschauern noch einmal an diesem Wochenende geboten. Der Macau Grand Prix feiert mit zwei Events seinen 60. Geburtstag. Der 6,2 Kilometer lange Stadtkurs gilt als einer der weltweit schwierigsten und anspruchsvollsten Strecken. "Eine echte Herausforderung", sagte einmal Michael Schumacher. Oder, frei übersetzt von einem chinesischen Fahrer: "No balls, no fun."

Der Stadtkurs Guia aus teils nicht einsehbaren Kurven, der berüchtigten Haarnadelkurve "Melco", Geraden, Leitplanken und Mauern ist zwischen sieben und 14 Metern schmal. Fahrfehler verzeiht die Strecke absolut nicht: Ein von der Strecke abgekommenes Fahrzeug prallt gegen Mauern oder wird von Reifenstapeln zurückkatapultiert, blockiert die Strecke und löst fast immer eine Kollision aus – Ausweichflächen Fehlanzeige.

Serienweltmeister Loeb gegen Nachwuchstalente

Am vergangenen Sonntag regnet es, in Kurven bildet sich Aquaplaning und die Fahrer haben alle Hände voll zu tun, um ihre Boliden auf der Strecke zu halten. Unfälle gehen zum Glück glimpflich aus, aber das Rennen ist von mehreren Safety-Car-Phasen unterbrochen. Beim 60. Grand Prix auf Einladung von Porsche werden am Sonntag diverse Serien jeweils über zehn Runden gefahren: der Audi R8 LMS Cup, die Lamborghini Super Trofeo Asia Series, die Formula Masters China Series und der Porsche Carrera Cup Asia. 23 Fahrer treten mit 911 GT3-Cup-Fahrzeugen im fliegenden Start hinter drei Runden mit dem Safety Car an. Dabei sind junge Nachwuchstalente wie der 23-jährige Earl Bamber aus Neuseeland und der neunfache Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb, der nächstes Jahr in die FIA-Tourenwagen-WM mit Citroën einsteigt. Beide Fahrer waren zuvor noch nie in Macau gefahren.

Körperkult neben der Strecke.
Körperkult neben der Strecke.Foto: Porsche

Der 39-jährige Elsässer Loeb, der in seiner Karriere 78 Rallye-Siege feierte, schafft es mit riskanten Überholmanövern auf den zweiten Platz, kommt an Bamber aber nicht vorbei. "Es war ein hartes Rennen", sagt Bamber, "sehr rutschig. Ich musste die Reifen schonen." Er schwärmt von dem Kurs als "den besten, auf dem ich je gefahren bin". Ohne Erwartungen sei er nach Macau gekommen, sagt Loeb. Er habe gehofft, einen Platz auf dem Podium zu erhalten und schaut bei der Pressekonferenz anerkennend zu Bamber. "Es ist eine schöne Strecke, aber kniffelig." Loeb sagt später, es gebe auf der gesamten Strecke eigentlich nur zwei Stellen, an denen man überholen könne. "Und die eine habe ich eben genutzt." Mehr Worte kann man dem Profi nicht entlocken.

Normalität in Schanghai

Der Grand Prix passt zu der Glitzerwelt von Macau, das rund 65 Kilometer von Hongkong am westlichen Ufer des Perlflussdeltas liegt. Die 500 000-Einwohner-Stadt war bis 1999 portugiesische Kolonie und ist heute die einzige Stadt in China, in der Glücksspiele erlaubt sind. Das "Las Vegas des Ostens" hat 35 Casinos, die 2012 einen Umsatz von 30 Milliarden Euro machten. Pro Jahr kommen mehr als 25 Millionen überwiegend asiatische Touristen in die Stadt, um zu spielen, ausgelassen zu feiern und eben auch Motorsport anzuschauen.

Im Gegensatz zu dem schrillen Rennen im Zockerparadies ist das Sechs-Stunden-Rennen auf dem "Shanghai International Circuit" ein fast "normales Rennen" mit Grid-Girls, Michelin-Männchen, coolen Sonnenbrillenträgern und wild tanzenden Männern in goldenen und roten Drachenkostümen kurz vor dem Start am vergangenen Sonnabend.

Porsche ist dieses Jahr zum ersten Mal dabei

Seit 2004 wird auf dem für 450 Millionen Dollar erbauten Formel-1-Kurs 30 Kilometer von Schanghais Zentrum entfernt gefahren. Die Strecke ist in "Schneckenform" angelegt, die Kurvenradien werden immer enger. Und sie hat weite Auslaufflächen, um Unfälle zu verhindern. Porsche fährt das erste Jahr nun mit in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC oder World Endurance Championship). Die WEC ist für Sportwagenhersteller eine "tolle Mischung aus Traditionsrennstrecken und dem Präsentieren in wichtigen Märkten", sagt ein Sprecher. Vor allem China ist ein riesiger Wachstumsmarkt: Dort hat Porsche inzwischen 65 Handelsbetriebe. Von rund 150 000 weltweit verkauften Porsche-Fahrzeugen in diesem Jahr fahren 32 000 in China, 40 000 in den USA und 16 000 in Deutschland. Trotz des wichtigen Asienmarktes hält Porsche an seinen deutschen Produktionsstandorten fest. Ein Werk in China ist nicht geplant.

Ehrenrund auf dem Stadtkurs im "Las Vegas des Ostens".
Ehrenrund auf dem Stadtkurs im "Las Vegas des Ostens".Foto: Porsche

Bei der Hochgeschwindigkeitsjagd über mehrere Stunden wie am Sonnabend beim Sechs-Stunden-Rennen von Schanghai teilen sich mehrere Fahrer ein Auto: Jörg Bergmeister und Patrick Pilet fahren auf dem Porsche 911 RSR mit der Startnummer 91, Marc Lieb und Richard Lietz das Schwesternauto mit der Nummer 92. Für die Hersteller sind die Langstreckenrennen auch eine Art Entwicklungslabor, um Leichtbau, Aerodynamik, Werkstoffe und Motoren zu testen. Während sich große Konzerne von der teuren Formel 1 abwenden, gehen bei der WEC weltbekannte Marken wie Audi, Toyota, Aston Martin, Ferrari, Lotus und jetzt auch Porsche an den Start. Die seriennahen Autos touren eine Saison mit dem Rennzirkus: Silverstone, Spa, Le Mans, Sao Paulo, Circuit of the Americas, Fuji und Shanghai.

Besuch vom Olympiasieger

In der WEC gehen die Autos in vier verschiedenen Klassen an den Start. Vornweg fahren meist die hochgezüchteten Prototypen, dahinter die eher seriennahen, aber hart umkämpften GT-Klassen. Langstreckenrennen erfordern Autos und Fahrern vieles ab. "Du musst geistig fit sein, konzentriert fahren und eine gute Kondition haben", sagt Jörg Bergmeister. Aber auch die Autos müssen Tausende von Schaltvorgängen verkraften.

Die beiden Porsche 911 RSR starten in der Profiklasse LM GTE Pro. Der 5,4 Kilometer lange Kurs in Schanghai hat zwei lange Geraden und mehrere langgezogene Kurven. "Reifenkillerecken", sagt Bergmeister. So ein Kurs geht bei einem heckangetriebenen Auto auf die Reifen, da auf der Hinterachse mehr Gewicht lastet und der Reifenverschleiß hoch ist. Auf der anderen Seite hat ein heckangetriebenes Fahrzeug beim Beschleunigen Traktionsvorteile, vor allem auf regennasser Fahrbahn. Das war in Schanghai nur nicht der Fall: Durchschnittstemperatur 27 Grad. Erst kurz vor dem Ziel kann sich Bergmeister vor den bis dahin auf dem dritten Platz fahrenden Ferrari schieben. Lieb und Lietz fahren auf Platz sechs.

Motorsport muss man mögen oder nicht. Nach den Events von Schanghai und Macau weiß Porsche-Gast Marcel Nguyen, der zweifache Silbermedaillen-Gewinner von Olympia in London, dass er solche Rennen mag. „Die Geschwindigkeit, der Sound – das ist schon echt spektakulär“, sagt der 26-Jährige. Als einer der wenigen Turner weltweit beherrscht Nguyen den Doppelsalto rückwärts mit Schraube als Abgang am Barren. Ob ein Tsukahara oder ein Autorennen spektakulärer ist? Das liegt alles im Auge des Betrachters.

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