Auto : Diskret wie nur was

Stille Rückrufe: Was in Deutschland üblich ist, wäre in den USA unmöglich

Amerikas Autofahrer sind bestens informiert. Sie erfahren als erste, ob das Gaspedal bei ihrem Toyota klemmt, ob die Servolenkung 5bei ihrem BMW Bremsflüssigkeit austritt. Dann, ganz langsam, sickern die technischen Pannen auch nach Deutschland durch. Nur auf Anfrage räumen die Hersteller – manchmal etwas widerwillig – ein, dass auch Autos hierzulande die gleichen Macken haben.

„In den USA werden Rückrufe öffentlicher gehandhabt als in Deutschland“, sagt Autoexperte Fabian Brandt von der Beratungsfirma Oliver Wyman. „Mit den aktuell geplanten Gesetzen kann die Pflicht zur Offenlegung in den USA sogar noch verschärft werden.“ Der Fall Toyota treibt die Politiker in Washington seit Monaten um. Sie werfen dem japanischen Hersteller vor, die technischen Schwierigkeiten lange unter der Decke gehalten und damit Menschenleben gefährdet zu haben.

In Berlin ist das kein Thema. Dabei werden auch in der Bundesrepublik jedes Jahr hunderttausende Fahrzeuge in die Werkstätten beordert. „Das ist auch nichts negatives“, sagt ein Sprecher des Kraftfahrtbundesamtes (KBA). Schließlich diene es ja der Sicherheit – und manchmal auch dem Komfort. Ob und wie solche Rückrufe bekanntwerden, hängt vom jeweiligen Autohersteller ab. Er schreibt im Falle von Mängeln seine Kunden an.

Meist tut er dies mit Hilfe des KBA, dass die Halterdaten aus dem Zentralen Fahrzeugregister ermittelt. „Es sollte nicht der Eindruck entstehen, als ob durch einen Rückruf ein Hersteller an den Pranger gestellt wird“, wird in Flensburg betont. „Stille Rückrufe“ nennt das der Fachmann. Im drastischsten Falle bekommt nicht einmal der Kunde etwas davon mit, dass an seinem Wagen rumgeschraubt wird – bei kleinen Mängeln wie einer zu schwachen Heizung macht das die Werkstatt klammheimlich beim nächsten Besuch.

„Auf ihrer Rechnung taucht das nicht auf“, sagt Christoph Stürmer vom Wirtschaftsforschungsinstitut IHS Global Insight. In den USA wäre ein derartiges Verhalten undenkbar. Hier führt die Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA eine riesige Datenbank mit allen Rückrufen. Jedermann kann darauf übers Internet zugreifen. Die NHTSA macht sogar öffentlich, wenn nur der Verdacht besteht, dass an einem bestimmten Modell etwas nicht stimmt und sie deswegen ermittelt.

So entsteht der Eindruck, als ob in den USA deutlich mehr Pannen passieren als hierzulande. Dabei gab es im Vorjahr in Deutschland immerhin 140 Rückrufe unter Beteiligung des KBA. Betroffen waren etwa 617 000 Autos. Die größte Aktion umfasste knapp 49 000 Fahrzeuge, in einem Fall war nur ein einziges Fahrzeug betroffen.

Es hat aber auch schon Rückrufe ganz anderen Kalibers bei deutschen Herstellern gegeben. So musste Mercedes 2005 in einer höchst teuren und für das Image damals fatalen Aktion weltweit 1,3 Millionen E-Klasse-Modelle in die Werkstätten beordern – vor allem eine neuartige Bremse machte Probleme. Eher unbemerkt blieb eine große Aktion von Renault in diesem Jahr, bei der 694 000 Scenic zurückgerufen wurden, 66 000 davon alleine in Deutschland.

„In der EU laufen die Rückrufaktionen überall nach ähnlichem Muster ab“, sagt der KBA-Sprecher. Die Flensburger Behörde kann Rückrufe auch anordnen, wenn ihr etwa durch besorgte Kunden ein gravierender Mangel zu Ohren kommt. Das ist aber selten, 2009 gab es das gar nicht.

Bei besonders gefährlichen Mängeln überwacht das Amt auch den Ablauf des Rückrufs. Das Stuttgarter Magazin „auto motor und sport“ weist darauf hin, das der Autobesitzer an einer solchen Aktion teilnehmen muss. Denn er ist für den verkehrssicheren Zustand seines Fahrzeuges verantwortlich. Im schlimmsten Fall kann die Zulassungsbehörde sonst den Betrieb des Autos untersagen, bis es repariert wurde.

Einen bösen Willen kann Autoexperte Brandt in der Heimlichtuerei der Autobauer hierzulande aber nicht erkennen: „Den Autoherstellern liegt die Sicherheit ihrer Kunden in Deutschland genauso sehr am Herzen wie in den USA.“ Spätestens bei einer Häufung von Unfällen würde eine Fehlkonstruktion ohnehin ans Licht kommen. Brandt ist deshalb überzeugt: „Der deutsche Autofahrer lebt nicht unsicherer als der amerikanische.“

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