Doppeltestg : Dacia gegen Polo: Außenseiter Spitzenreiter

Der Dacia Sandero trifft den VW Polo. Wie schlägt sich der Preisbrecher im Vergleich mit dem Primus der Kleinwagenklasse?

Ingo Reuss

Klimawandel und hohe Spritpreise zwingen zum Umdenken: Die Kleinen sind zurzeit ganz groß. In der Krise laufen am ehesten noch die Modelle, die entweder solide und gut ausgestattet oder superbillig sind. Zu den günstigsten Angeboten auf dem Markt zählt der Dacia Sandero, der in der Basisversion für nur 7500 Euro in der Preisliste steht – im automobilen Preisgefüge fast eine Revolution. Im Test tritt er gegen den Platzhirsch im Segment an: Der VW Polo bietet bei höherem Einstandspreis harmonischere Eigenschaften und mehr Sicherheit.

Der optische Auftritt des Schrägheck-Modells von Renault-Tochter Dacia gelingt zunächst: Die Sandero-Karosserie ist ansprechend gestaltet. Klare Linien, große Türen wirken zudem funktional. Aber in Details sieht es nicht so überzeugend aus. Beispiele dafür sind die unsoliden Türklappgriffe aus Kunststoff oder die unpraktische Heckklappenöffnung. Funktional und rational ist eigentlich anders. Ein weiteres Beispiel ist die kratzempfindliche Ladekante.

Im Innenraum bewegen sich beide auf einem recht ähnlichen Niveau: Innenmaße und auch das Raumgefühl entsprechen sich weitgehend. Dacia hat die Sitze ziemlich üppig dimensioniert, die Sitzposition im Sandero ist relativ hoch; auch das Design der Polsterstoffe ist ein klein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Übersichtlichkeit profitiert zweifellos von der erhöhten Position, die Fahrdynamik weniger. Die Armaturentafel ist ganz brauchbar gestaltet, auch die meisten Bedienelemente. Hell unterlegte Instrumente sind nicht jedermanns Sache, ebenso die Verwendung von Hartplastik. Insgesamt haben die Insassen auch im Fond bis auf die eingeschränkte Beinfreiheit mehr Platz.

Im Fahralltag bietet die ergonomische Sitzposition im Polo deutliche Vorteile. Die ausgezeichnet konturierten und gepolsterten Sitze sowie das Lenkrad lassen einen weiten Verstellbereich zu. Die Bedienung ist vorbildlich, für genügend Ablagen ist gesorgt. Ins Gepäckabteil der Vier- bis Fünfsitzer passt eine Menge. Beim Sandero sind es geräumige 320 Liter, beim Polo 270 Liter Volumen. Die Rücklehnen sind im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel klappbar. Im Sandero müssen die Sitzflächen zur Erweiterung auf 1200 Liter allerdings umständlich hochgeklappt werden, beim Polo die Kopfstützen entfernt werden. Die Zuladung ist beim Sandero auf maximal 420 Kilogramm begrenzt, der Polo verträgt immerhin 490 Kilo.

Der betagte Zweiventiler mit 1,6 Liter Hubraum im Sandero leistet 64 kW/87 PS. Er zieht recht kräftig durch. Was aber stört, sind der metallische Klang und die im ganzen Fahrzeug spürbaren Motorvibrationen. Im EU-Verbrauchszyklus gibt Dacia 7,2 Liter auf 100 Kilometer an, das sind für ein kleines Fahrzeug reichlich hohe 170 g/km CO2. Der Polo 1.4 begnügt sich mit 6,3 Litern (150 g/km CO2). Beide haben im Test 6,5 Liter Super verbraucht.

In den Fahrleistungen nehmen sich die beiden nicht viel, den Sprint auf Tempo 100 bewältigen sie in rund zwölf Sekunden, die Spitze liegt bei autobahntauglichen 175 km/h. Vom Hubraum-Manko des Polo-Vierventilers spürt man nichts. Was ihn auszeichnet, sind seine guten Manieren: Dazu gehört die angenehme Akustik und die beachtliche Laufruhe zumindest bis in mittlere Drehzahlen.

Die Renault-Techniker haben den auf der ersten Clio-Generation basierenden Sandero weich abgestimmt. Das straffere Fahrgefühl im Polo erscheint zeitgemäßer und letztlich komfortabler, zumal die Dämpfung ihre Aufgabe gut macht. Lenkung, Schaltung und Bremsen arbeiten präzise. Die Dacia-Lenkung lässt das Auto zusammen mit der weichen Federung träge reagieren. Wer Fahrspaß haben will, ist hier nicht gut aufgehoben. In der Disziplin Sicherheit gilt das beim Sandero vor allem für die Bremsen, die Schwächen aufweisen, und für das nicht lieferbare Anti schleudersystem ESP. Die Fronttriebler verhalten sich aber beide bis in den Grenzbereich fahrsicher. Für den Polo kann der Käufer ESP ordern (Aufpreis: 420 Euro).

Die Renault-Tochter Dacia wirbt mit dem Argument, einen nagelneuen Sandero mit Dreijahresgarantie bis 100 000 Kilometer gebe es zum Preis eines guten gebrauchten VW Golf. Bei einem Einstiegspreis von nur 7500 Euro ist der in Rumänien gefertigte Kleinwagen in der Tat ein sehr günstiges Angebot.

Die meisten Kunden greifen allerdings zu den bestausgestatteten Modellen, heißt es in der Brühler Importzentrale der Rumänen. Dann kostet der Dacia Sandero 1.6 in der Topvariante Lauréate glatte 10 000 Euro. Sein Konkurrent im Test (und im Kleinwagen-Segment) ist der VW Polo 1.4 16V Comfortline zum Preis von 15 330 Euro (viertürig). Beim Sandero kostet die Klimaanlage 1200 Euro extra, sie ist beim Polo serienmäßig. Der Preisvorteil schmilzt also angesichts der Ausstattung. Manche Extras wie ESP, seitliche Kopf-Airbags oder eine Sitzheizung sind beim Dacia überhaupt nicht erhältlich.

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