Dreizylinder im VW Golf TSI BlueMotion : Flotter Dreier für den Golf

Jetzt auch als Benziner: Der Volkswagen-Evergreen fährt nun als Dreizylinder vor. Der VW Golf TSI BlueMotion verspricht Enthaltsamkeit mit wenig Reue. Klappt das?

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Äußerlich unterscheidet sich der VW Golf TSI BlueMotion kaum von den anderen Gölfen. Der sich schließende Kühlergrill is noch das auffälligste Merkmal.
Äußerlich unterscheidet sich der VW Golf TSI BlueMotion kaum von den anderen Gölfen. Der sich schließende Kühlergrill is noch das...Foto: Hersteller

Downsizing ist beim Golf wahrlich nichts Neues. Schon mit der Einführung der sechsten Generation des Wolfsburger Bestsellers wurden auf breiter Basis die 1,4 Liter großen Direkteinspritzer als Standardmotorisierung etabliert. 150 PS aus dem recht bescheidenen Hubraum, das hat viele Skeptiker auf den Plan gerufen. Doch die Antriebe haben sich etabliert und bislang in der Masse, in der sie produziert werden, relativ wenig Probleme bereitet. Mit dem VW Golf TSI BlueMotion geht Volkswagen nun einen Schritt weiter. Der vierte Zylinder wird einfach weggelassen und der Hubraum auf einen Liter begrenzt. Eine erste Probefahrt.

Ein Liter Hubraum und drei Zylinder als Benziner, das war bisher im Volkswagen-Reich nur was für den Kleinsten, den VW Up. Allerdings ist der 1.0 MPI aus dem Up ein eher einfaches Konstrukt ohne Turboaufladung. Der Dreizylinder im kleinsten Volkswagen bildet sein Gemisch vor dem Saugrohr und spritzt mit nur einem Ventil ein. Das macht sich natürlich auch bei der Leistung bemerkbar, wo der VW Up nur mit 60 oder 75 PS zu haben ist und nur bescheidene 95 Newtonmeter Drehmoment auf die Kurbelwelle bringt. Zuvor gab es einst im Lupo einen Dreizylinder-Diesel. Den neuen VW Polo treiben dieselseitig ausschließlich Dreizylinder an.

VW Golf TSI BlueMotion für die 95-Gramm-Grenze gemacht

Nun dämmert aber für das Jahr 2020 die 95-Gramm-Grenze für alle Hersteller am Horizont, die auch und gerade für einen Volumenhersteller wie Volkswagen große Veränderungen mit sich bringt. Denn auch für die Wolfsburger ist die Marke nicht zu erreichen, wenn sie nicht Hand an den Absatzträger schlechthin, den Golf anlegen. Der Polo trägt zwar auch ordentlich zum Volumen bei, in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 68 103 Polos zugelassen, im Vergleich dazu ist der Evergreen aus der Kompaktklasse mit mehr als 255.000 Zulassungen aber immer noch ein Gigant. Der Golf muss es richten, sonst wird es für Volkswagen schwer, die Grenze zu erreichen. Dazu braucht es Dreizylinder, denn das Potenzial an (bezahlbaren) Maßnahmen für die Vierzylinder ist erst mal weitgehend ausgereizt.

Keine halbe Sache: Im Vergleich zum Vierzylinder wurde dem Dreizylinder-Golf nicht einfach nur ein Zylinder abgeschnitten. Mehrere Maßnahmen waren nötig um dem Motor Laufruhe anzutrainieren.
Keine halbe Sache: Im Vergleich zum Vierzylinder wurde dem Dreizylinder-Golf nicht einfach nur ein Zylinder abgeschnitten. Mehrere...Foto: Hersteller

Also hat man dem bewährten TSI-Motor schlicht einen Zylinder abgeschnitten. So formuliert es ganz salopp Hermann Middendorf, der Leiter der Basisentwicklung des intern EA211 genannten Motors bei Volkswagen. Ganz so simpel funktioniert das freilich nicht. „Wir wollten keine separaten Massenausgleich, weil das zusätzliches Gewicht bringt“, sagt Middendorf. Die meisten Hersteller arbeiten bei den Dreizylindern mit einer Ausgleichswelle, die den Motoren das unruhige Laufverhalten austreiben soll. Ein probates Mittel, das allerdings tatsächlich das Gewicht aufbläht und Platz beansprucht.

Ohne Ausgleichswelle, aber mit Gegengewicht

VW hat sich hier eine diffizilere Aufgabe gestellt und sehr gut gelöst. Nur 89 Kilogramm bringt das Aggregat aus Vollaluminium auf die Waage. Und die Laufruhe ist durchaus beachtlich. Bei der Gasannahme röhrt er nun fast wie ein Großer. Das ist sogar gewollt und typisch für die Interpretation des Dreizylinders bei VW, denn so wird der Antrieb akustisch fast zum Sportler. Ist er natürlich nicht, obwohl er die Gene – Turboaufladung und Direkteinspritzung – noch in sich trägt. Die Ausgleichswelle wird obsolet durch eine kompaktere Bauweise. So ist der Abgaskrümmer in den Zylinderkopf integriert, Kurbelwelle und Pleuel wurden so schlank gestaltet, dass die bewegten Massen möglichst niedrig sind und vier Gegengewichte reduzieren die Bewegungskräfte der Kurbelwelle.

Mit dem Normverbrauch von 4,3 Litern fährt der VW Golf TSI BlueMotion für einen Benziner wirklich sehr sparsam. Um solche Werte zu erreichen ist aber viel Gefühl im Gasfuß notwendig.
Mit dem Normverbrauch von 4,3 Litern fährt der VW Golf TSI BlueMotion für einen Benziner wirklich sehr sparsam. Um solche Werte zu...Foto: Hersteller

Auch das Thermomanagement haben sich Hermann Middendorf und sein Team vorgenommen. Der integrierte Abgaskrümmer hat dafür einen eigenen Kühlwassermantel bekommen, wodurch die Luft, die den Turbolader erreicht, weniger heiß ist. Das kommt der Effizienz zugute und vor allem dem Drehmoment, das mit 200 Newtonmetern ganz beachtlich ausfällt. Dank des Abgasturbos liegt das Drehmoment-Maximum bereits bei 2000 Umdrehungen pro Minute. Das hilft dem VW Golf TSI BlueMotion natürlich auf der Straße. Zwar ist der Motor mit 115 PS nicht unbedingt schwach auf der Brust. Aber die Leistungsspitze befindet sich bei 4000 Umdrehungen. Und hohe Drehzahlen haben bei den aufgeladenen Motoren direkte und negative Auswirkungen auf den Spritverbrauch.

Moderater Aufschlag zum Normverbrauch für den VW Golf TSI BlueMotion

Die will man bei Volkswagen natürlich vermeiden. Schließlich ist der Dreizylinder im VW Golf TSI BlueMotion zum Sparen gedacht. Auf dem Papier macht er das schon mal ganz gut. Mit 4,3 Litern im EU-Mix ist dieser Golf die Normrunde gefahren. Außerorts sollen es gar nur 3,8 Liter sein. Die ersten Probekilometer bestätigten, dass diese Angaben gar nicht so weltfremd sind. Stichprobe Autobahn: Wir schwimmen konstant im Verkehr bei 120 km/h mit. Viel los, aber eine kontinuierliche Fahrt ist möglich. Bei normaler Fahrweise pendelt sich der Bordcomputer nach rund 100 Kilometern bei rund 4,8 Liter ein. Im Vergleich zur Norm ein Aufschlag von einem Liter. Das ist noch im grünen Bereich.

Auf der Rückfahrt machen wir die Probe aufs Exempel. So spritsparend wie möglich fahren wir über ruhige Landstraßen und gediegen über die Autobahn. Das bringt den Bordcomputer zu einem angezeigten Verbrauch von 4,2 Liter pro 100 Kilometer. Nicht schlecht, auch wenn ein solches Dahinschleichen im Alltag kaum vorkommen wird. Denn der VW Golf TSI BlueMotion lässt sich auch ganz flott bewegen. Notfalls schafft er es sogar auf 204 Stundenkilometer Spitze. Dann dürften auch die sich bedarfsgerecht öffnenden und schließenden Klappen im Kühlergrill des Dreizylinders zu sein. Eine von mehreren Maßnahmen, um den Luftwiderstand des Spar-Golfs zu mindern. Weitere könnten folgen, denn laut Middendorf ist das Grundprinzip geeignet für eine "Hybridisierung". Ob der Golf dann ein normaler Hybrid werden könnte oder als besonders sparsame Plug-in-Hybrid-Variante vorfährt, bleibt erst mal offen.

Preislich sortiert sich der Dreizylinder unter dem 1.4 TSi und dem kleineren 1.2 TSI ein. Der Aufpreis zum 110 PS starken Vierzylinder beträgt rund 1000 Euro, im Vergleich zum 125-PS-Golf ist der VW Golf TSI BlueMotion fast 2000 Euro günstiger. Damit dürfte die Rechnung aufgehen, denn bei gleichem Drehmoment und gleicher Spitzengeschwindigkeit ist der Dreizylinder eigentlich die bessere Wahl. Für die 2000 Euro kann dann auch noch das Siebengang-Direktschaltgetriebe bestellt werden, das sehr gut mit dem VW Golf TSI BlueMotion harmoniert. Dann ist von Verzicht wirklich nur noch an der Tankstelle etwas zu merken.

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