Eifersüchteleien im VW-Konzern : Die glorreichen Drei

Winterkorn, Stadler, Müller - Die Chefs der drei deutschen Marken des VW-Konzerns waren bei der ersten großen Automesse des Jahres omnipräsent. Volkswagen hat in Detroit ein machtvolles Zeichen gesetzt: Szenen einer Familienbande.

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Audi-Chef unter Druck: Rupert Stadler hat mit Porsche nun einen mächtigen Gegenspieler im VW-Konzern hinzubekommen.
Audi-Chef unter Druck: Rupert Stadler hat mit Porsche nun einen mächtigen Gegenspieler im VW-Konzern hinzubekommen.Foto: REUTERS

Dass die Pressekonferenz von Audi mit fast fünfminütiger Verspätung beginnt, hat einen mächtigen Grund. Wiko. So niedlich nennt man ihn in der Branche, den Chef des derzeit erfolgreichsten Autokonzerns der Welt. Martin Winterkorn. Der sitzt auf der Empore des Messestandes, isst im Getümmel von Michigan eine bayerische Weißwurst und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Rupert Stadler sitzt daneben. Dezent nervös. Aber erkennbar auf heißen Kohlen. Längst hat er die Kärtchen für seine Rede in Händen. Doch genau wie die dreihundert wartenden Journalisten und Kameraleute in der Halle weiß er zu genau: Ohne Wiko geht nichts. Gar nichts.

In Detroit ist das so offensichtlich wie nirgendwo sonst. Die Messe, die an diesem Wochenende ausläuft, hat zwar gegenüber den Vorjahren deutlich an Ausstellern, Publikum und Medien zugelegt. Im Vergleich zur Frankfurter IAA oder dem Automobilsalon von Genf aber ist das Ganze nicht mehr als ein Sippentreffen im Wohnzimmer. Eine große Halle. That’s it. Entsprechend deutlich ist zu beobachten, wie machtvoll sich der VW-Konzern hier in Position bringt. Wie er Duftmarken setzt für den riesigen Absatzmarkt USA. Weniger mit spektakulären Weltpremieren – viel mehr durch die unentwegte Präsenz der glorreichen Drei. Matthias Müller, Rupert Stadler und Martin Winterkorn treten demonstrativ gemeinsam auf. Immer. Überall. Ob beim Bunten Abend in der City oder bei den einzelnen Pressekonferenzen von Porsche, Audi und VW, die nahezu im Stundentakt aufeinanderfolgen: Die Chefs gibt’s nur im Paket.

Winterkorn hat die Lage im Griff

Ob das aus reiner Geschwisterliebe geschieht? Die durchgängig verschränkten Arme Stadlers bei der Vorstellung des 911er-Cabrios klären das ebenso wenig wie die Tatsache, dass Winterkorns bedeutsamster Einflüsterer die Herren Müller und Stadler auf Schritt und Tritt im Blick hat: Die Rede ist von Stephan Grühsem. Viele halten ihn für einen Leibwächter, weil er Winterkorn nicht von der Seite weicht. Tatsächlich hat er lange die Kommunikation von Audi verantwortet und jetzt die der ganzen VW-Welt. Natürlich lässt sich ein PR-Profi wie er nicht in die Karten schauen. Aber wie auffällig unaufällig ein Wiko die Szenerie dominiert und wie brav sich gestandene Konzernlenker neben ihm ins Bild fügen – das dürfte schon ganz nach Grühsems Geschmack sein. Seht, wir sind eine Familie. Und seht, das Oberhaupt hat den Laden im Griff.

Vor den Kameras und den Mikrofonen ist also alles in Butter. Dahinter wird auch Monate nach der VW-Adoption Porsches munter gemunkelt: Wiko lasse sich ständig in der Entwicklungsabteilung der Zufenhausener sehen. Und ziemlich selten in der Ingolstädter TE. Geht es Audi hausintern also doch ans Leder?

Audi unter Druck

Wohl nicht. Wiko hat einfach nur "Auto im Blut". Er setzt schlicht darauf, wie sehr Konkurrenz das Geschäft belebt und den Ehrgeiz herausfordert. Porsche will endlich an den Qualitätsstandard von Audi heran. Unbedingt. Wer dem neuen 911er begegnet, sieht es an den berühmt-berüchtigten Spaltmaßen und fühlt es an der Qualität des Leders. Audi seinerseits wird alles daran setzen, der Qualitäts-Primus unter den Premiums zu bleiben.

Wie dünn der Grat ist, auf dem sich Audi dabei bewegt, lässt sich an der nachrichtenarmen Zeit rund um den Jahreswechsel ablesen. Entgegen seiner Natur ließ Rupert Stadler ein regelrechtes Gewitter an Interviews auf die Branche herniedergehen – eins davon stand in unserer Zeitung. Millionenfach gedruckt erhob Stadler den Anspruch, bis 2020 die Nummer eins zu werden. Die Kollegen im Werk spornt das an; manchem in der mittleren Führungsebene macht es Angst: "Warum nur legt er die Latte so hoch? Unsere Zahlen sprechen doch für sich." In der Tat legt Audi einen Absatzrekord nach dem anderen hin. Ein Glück – denn nur deshalb ist die Frage in Winterkorns Umfeld, wo die wirklichen Neuheiten und Innovationen aus Ingolstadt bleiben, bislang nur leise zu hören. Sollte die Absatzkurve irgendwann fallen, werden die Fragen aus Wolfsburg lauter – Familienglück hin oder her.

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