Auto : Ein Hauch von Smart

Daimler unds BASF zeigen auf der IAA, wie ein Stadtauto der Zukunft aussehen könnte: Wir haben uns den Forvision schon angeschaut

Alexandra Felts

Weiß schimmernd wird die Zukunft sein, mit pfiffigen Details und einem Hauch von Raumfähren-Ästhetik. So zumindest wirkt der Smart Forvision beim ersten Kennenlernen. Das Konzeptfahrzeug, das die Daimler-Tochter zusammen mit BASF entwickelt hat, wird auf der 64. Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt (15. bis 25. September) zeigen, was passiert, wenn zwei Großunternehmen neue Materialien und Technologien für die Zukunft der Elektromobilität zu einem Gesamtkonzept bündeln. Zu den Innovationen, die in der Studie Premiere feiern, zählen zum Beispiel ein Dach mit Solarzellen oder die ersten serientauglichen Vollkunststofffelgen.

Eindeutig bulliger und selbstbewusster als der konventionelle Smart Fortwo steht der Forvision auf der Straße in die Zukunft. Die Form mit ihrer crashresistenten Sicherheitszelle wurde leicht modifiziert, um die faserverstärkten Kunststoffe, die seine Außenhaut bilden, in Szene zu setzen. Absoluter Eyecatcher auf der IAA dürfte die Dachkonstruktion sein, auf der wie Intarsien mehreckige transparente organische Solarzellen eingelassen sind. Die farbigen Zellen fungieren im Verbund wie ein Mosaikfenster, gleichzeitig sollen sie circa fünf Watt zum Energiebedarf des Fahrzeugs beisteuern. Zur funkelnden Kunststoffhaube gehören auch OLED-Leuchtdioden, die in absehbarer Zeit die LED-Lichter ablösen werden. Für Smart-Designer Steffen Köhl bot das Konzept zudem die Möglichkeit, eine Formensprache durchzuspielen, die nicht auf das Konzeptfahrzeug beschränkt bleiben wird.

Im Frühjahr 2012 kommt die dritte Generation des Smart Fortwo electric drive mit einer fünfstelligen Produktionszahl auf den Markt. Deswegen haben Autoentwickler und BASF-Forscher Kernthemen der Elektromobilität wie Energieeffizienz, Temperaturmanagement und Leichtbau in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. Ziel war, wie Christian Fischer, President Polymer Research bei BASF, betont, „ein ganzheitlicher Ansatz“. Der größte Automobilzulieferer in der chemischen Industrie steuerte aus seiner Kunststoff-Forschung Komponenten bei, die leichter als Metall sind und somit weniger Energieverbrauch und mehr Reichweite erzeugen helfen. Ein Highlight dürfte die erste Vollkunstofffelge sein. Obwohl rund drei Kilo leichter als herkömmliche Räder wirkt der zweiteilige Spritzguß massiv und stabil. Hergestellt wurde die Felge aus dem BASF-eigenen Werkstoff Ultramid.

Neben Leichtbauelementen für das Chassis – der Smart Forvision wiegt knapp 120 Kilo weniger als das Serienmodell - tragen zur positiven Verbrauchsbilanz im Forvision auch neue ultrakompakte Dämm-Materialien bei, die aus der Gebäude-Forschung des Chemieriesen stammen. Im futuristischen, weißen Interieur dominieren leichte Schalensitze, wobei der Beifahrersitz ein entnehmbares Teil besitzt, um Platz beispielsweise für Skier, Snowboards oder sperrige Gegenstände zu bieten, die in einem normalen Smart keinen Platz finden würden.

In den Sitzen selbst kommt das allerneueste an textiler, Gewicht einsparender Technologie zum Einsatz: Heizelemente, die direkt in einen Spezialstoff eingearbeitet sind und zusammen mit einem hauchdünnen, atmungsaktiven und feuchtigkeitsabsorbierenden Vlies und einer feinen Polsterauflage für ein angenehmes Mikroklima sorgen. Auch das gehört zur Zukunft der Elektromobilität: Selbst wenn dereinst eine flächendeckende Lade-Infrastruktur zur Verfügung steht, muss die Reichweite des Elektromotors durch stützende Maßnahmen optimiert werden. Jedes Gramm zählt, genauso wie jeder Grad an Temperatur.

Auch dazu haben sich die Forscher etwas einfallen lassen, das wie die Kunststofffelge durchaus serientauglich sein könnte. Premiere in einem Fahrzeug feiern infrarotreflektierende Folien für die Scheiben des Forvision. Sie verhindern, dass sich der Innenraum aufheizt – und die batteriezehrende Kühlung eingeschaltet werden muss. Den Körper des visionären Smart mit seinen dynamischen Sicken und Kanten kleidet ein neuartiger Lack mit sogenannten „cool pigments“, die wie der Name schon verrät, wärmendes Licht reflektieren und dadurch die Oberfläche kühlen. Das Verfahren funktioniert auch bei den beliebten dunklen Außenlackfarben, wie man bei einem Selbstversuch auf den unterschiedlichen Oberflächen feststellen kann. Trotz Erhitzung auf einer Induktionsherdplatte war die innovative Lackierung, anders als die herkömmliche, noch angenehm zu berühren. Diese Entwicklung soll nicht nur den Stromhunger des Elektroautos senken, sondern auch die Reichweite um bis zu 20 Prozent verlängern.

Für alle Fälle besitzt die Studie dort, wo sich üblicherweise die Rückleuchten befinden, in Orange leuchtende Lamellen die jeweils einen kleinen Propeller einrahmen. Dieser ist mehr als nur ein witziges Detail: Er dient nicht etwa dem Vortrieb durch Wind, sondern bläst überschüssige Wärme ins Freie. Die neuen Materialien und Technologien, die in der Studie ausgestellt werden, sind, wie die Experten von BASF bestätigen, durchaus serientauglich und haben auch das Interesse von anderen Herstellern geweckt. Wann es soweit ist, hängt aber nicht nur vom Faktor Zeit, sondern auch von den Preisen ab, die Endkunden zu bezahlen bereit sind. Alexandra Felts

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