Auto : Ein Stück vom Himmel

In den Süden wollen wir mit dem Auto schon lange nicht mehr. Nun haben wir es mit dem hohen Norden versucht – da, wo die Sonne nie untergeht

Eric Metzler

Das erste Mal? Das war 1978, als Vater die Familie in einem metallicgrünen Rekord in den Süden kutschierte. Lago Maggiore. An die Hitze, an die Landschaft und an die Italiener erinnern wir uns kaum. Aber daran, wie es klebrig knirschte, wenn wir unsere Beine vom beigefarbenen Kunstleder hoben. Nein, Reise und Sommer, Süden und Auto – bitte nicht.

Das letzte Mal? Das war vor einer Woche, als wir in einem metallicgoldenen Volvo durch die Finnmark fuhren. Nordkap. Die Natur, die Norweger, die ewigen Nächte – wenn das alles haften bleibt, hat das auch mit einem Geschmacksverstärker namens C70 zu tun. Jawohl, Reise und Norden, Norden und so ein Auto – jederzeit wieder.

WENN SCHON CABRIO, DANN BEI TAG UND BEI NACHT

Davon zu hören, ist das eine. Es zu erleben, das andere. Es wird einfach nicht dunkel am Ende Europas. Für Cabriofahrer gibt es zwischen Mitte Mai und Ende Juli kein besseres Ziel als den Norden Norwegens: 79 Tage lang geht die Sonne nicht unter. In Deutschland werden Cabrios die meiste Zeit geschlossen gefahren, selbst im Sommer. Nach der Arbeit bleiben für Licht und Luft drei, vier Stunden. Hier am Eismeer kann man so ein Auto endlich mal richtig nutzen – rund um die Uhr.

WENN SCHON NATUR, DANN OHNE JEDE ABLENKUNG

Wer am Fjord kein Boot hat, ist ohne Wagen verloren. Gut, es gibt ein paar kleine Orte, es gibt die Metropole Alta mit ihren 16 000 Einwohnern. Aber ansonsten liegen schon mal 100 Kilometer zwischen einem Laden und dem nächsten. Uns schärft es den Blick fürs Land: Man konzentriert sich allein auf Panorama und Wetter. Beides wechselt häufig binnen Minuten. Der Kulissenschieber ackert unentwegt: Wolken rein, Wolken raus, Grau aus, Blau an, Sonne klar, Sonne matt.

GERÜSTET FÜR ALLE FÄLLE: HAUPTSACHE, (K)EIN DACH ÜBERM KOPF

Das überrascht: Im Sommer liegt die Durchschnittstemperatur bei über 20 Grad. Sicher, zwischendurch regnet es, und in der taghellen Nacht kühlt es ab. Das schmälert nicht das Vergnügen, mit dem C70 über unendlich langgezogene, sanft gewellte Küstenstraßen zu cruisen. Per Knopfdruck öffnet sich die Heckklappe, das dreiteilige Stahldach faltet sich heraus und verwandelt das Cabrio in ein veritables Coupé. Das Manöver dauert nicht einmal 30 Sekunden – alle Wetter!

VERZAUBERT FÜR EINE STUNDE: EIN TAG, DER DÜRFTE NIE VERGEHEN

So herrlich dieses Große und Ganze, so entscheidend ist am Nordkap eine einzige Stunde. Für die Norweger ist es die Nacht der Nächte, nein, der Tag der Tage. Der längste. Am 23.Juni fahrpilgern Tausende zu einer 307 Meter hohen Schieferklippe, auf der man die „Sommersonnenwende“ mit Händen greifen kann: Eine Stunde vor Mitternacht versammelt sich die Menge, schaut zu, wie sich die Sonne am Horizont senkt – um dann Punkt Mitternacht die Kurve zu kriegen, noch bevor sie das Wasser erreicht. Unter dem vier Meter großen Globus, den man aus Rundeisen auf die Aussichtsplattform geflochten hat, ist genau das der Moment, um einen Sekt zu öffnen – in sattem Sonnenorange sind die Perlen einfach zu schön. Da braucht es schon ein bisschen Disziplin, um nicht über die Stränge zu schlagen. In Norwegen gilt auf den Straßen eine Promillegrenze von 0,2. Daran, dass es nächtens stockhell ist, gewöhnen sich Touristen am Nordkap offenbar schnell – viele stromern auch nach dem Showdown noch lange über den Felsen, machen Fotos, Fotos, Fotos. Auf dem Rückweg haben wir die Sonne im Rücken, fahren an kleinen Seen und glitzernden Schneefeldern vorbei Richtung Hotel. Mehrfach halten wir an, Rentiere kreuzen die Straße, ganz so, wie es die Schilder versprechen. Auch Reisebusse sind jetzt unterwegs, mehr als an jedem anderen Tag des Jahres – einige davon bringen Kreuzfahrer zurück auf die großen Schiffe, die in Honningsvag festgemacht haben und noch in der Nacht ablegen. Wir schauen zu, nehmen einen Absacker in der prall gefüllten Hafenkneipe und werfen ein Vorurteil über Bord: Es sind nicht die Schweden, die bis zum Umfallen saufen, es sind die Norweger. Alle trinken Bier, acht Euro das Glas. Da müssen wir schlucken – gut nur, dass es für den C70 neuerdings einen kleinen Diesel gibt, der sich mit 6 Litern begnügt.

HINFAHREN UND ANSCHAUEN: DIE WICHTIGSTEN FAKTEN

Wem 3000 Volvo-Kilometer von Berlin bis zum Nordkap zu weit sind, der fliegt mit der SAS von Frankfurt/Main via Oslo nach Alta. Das geht täglich und kostet für Hin- und Rückflug rund 300 Euro. Ein bisschen mehr sollte man für ein Leih-Cabrio einkalkulieren; in Alta haben alle großen Anbieter Stationen. Übernachtungen bieten sich an in Honningsvag, Hammerfest oder Kirkenes (zwischen 130 und 200 Euro pro Person); mehr Reise-Infos unter www.visitnorway.de.

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