Auto : Einfach so

Offen, pur und ohne Sitzheizung – es gibt sie noch, die puristischen Roadster bar unnützen Komforts

Nomen est omen: Morgans Threewheeler ist eine Mischung aus Dreirad und Motorrad – angetrieben von einem Harley-Davidson-Motor, der 85 kW/115 PS leistet.
Nomen est omen: Morgans Threewheeler ist eine Mischung aus Dreirad und Motorrad – angetrieben von einem Harley-Davidson-Motor, der...Foto: dpa-tmn

Cabriofahren wird immer komfortabler: Bei Tempo 80 stellt sich das Windschott auf. Bei Temperaturen unter 25 Grad treten Sitzheizung und Nackenföhn ihren Dienst an. „Die Einschränkungen werden geringer“, fasst Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics aus Limburg den Trend zu immer mehr Annehmlichkeiten im offenen Auto zusammen. Doch gerade Puristen lehnen die neuesten Komfort-Errungenschaften von Cabrio und Roadster ab. Sie nennen Autos wie den Mercedes SLK oder den offenen Golf Cabrios für Warmduscher und suchen nach handfesten Alternativen. Die sind zwar selten geworden, und man findet sie kaum bei den Großserienherstellern. Doch vor allem aus England kommen noch immer ein paar Roadster für die radikaleren Frischluftfans.

Erste Adresse für solche Autos ist die Firma Morgan Motor Cars in Malvern, die ihr erstes Auto 1910 baute. Heute haben die Briten rund ein halbes Dutzend verschiedener Modelle im Angebot, die weitgehend in Handarbeit gefertigt werden. Mit neuen Motoren und einem Mindestmaß an Elektronik halbwegs auf der Höhe der Zeit, erfolgt die Konstruktion noch nach alter Väter Sitte: Der Rahmen ist dem Unternehmen zufolge aus Holz, die Karosserie wird aus Aluminium gebogen und die Innenausstattung ist aus Leder. Nur das Verdeck besteht mittlerweile aus PVC.

Die Palette beginnt beim 4/4-Sport mit einem 86 kW/116 PS starken Vierzylinder für gut 40 000 Euro und reicht bis hinauf zum Modell Aero Supersports für rund 170 000 Euro. Dieser hat einen V8 mit 4,8 Litern Hubraum und 270 kW/376 PS. Doch mit dem neuesten Modell sucht Morgan mehr als zuvor seine Wurzeln: Der offene Threewheeler hat drei Räder und Platz für zwei Insassen. Schon zwischen 1910 und 1953 baute Morgen mehr als 30 000 solcher Zweisitzer. Die Neuinterpretation als Mischung aus Auto und Motorrad treibt ein 1,9 Liter großer Motor von Harley-Davidson an, der 85 kW/115 PS leistet und 185 km/h ermöglicht. Rund 40 000 Euro kostet der Wagen.

Ähnlich alt ist die Grundkonstruktion des Super Seven, der 1957 von Lotus-Gründer Collin Chapman entwickelt wurde. Der Zweisitzer mit der charakteristischen Aluminium-Nase wird heute von Caterham in der Grafschaft Surrey England gebaut und wiegt noch immer keine 600 Kilogramm. Deshalb reichen ihm nach Angaben des Herstellers bereits 92 kW/125 PS für eindrucksvolle Sprintwerte - das Basismodell ist in 5,9 Sekunden auf Tempo 100. Der Purismus hat auch mildernden Einfluss auf die Preise, die in Deutschland bei rund 30 000 Euro beginnen.

Leicht und luftig – das ist auch das Motto für den Lotus Elise aus Hethel. Auch sein Verdeck muss man noch in Handarbeit aufspannen. Messfühler sind Fehlanzeige, niedrigen Temperaturen begegnet man besser mit Kleidung als der Klimaanlage. Dafür bietet auch der dank Aluminium-Konstruktion und minimalistischer Ausstattung weniger als 900 Kilo schwere Engländer Beschleunigungswerte wie ein Porsche zum Preis eines Mittelklasse-Modells. Mit Motoren von 100 kW/136 PS bis 162 kW/220 PS schafft es der Roadster, zu haben ab 37 450 Euro, in 6,5 bis 4,6 Sekunden auf Tempo 100.

„Kleinserienhersteller wie Morgan oder Caterham leben ganz gut in dieser Nische“, sagt Jato-Experte Margetts: „Würden sie konventionelle Roadster bauen, die sich an Modellen aus der Großserie messen lassen müssten, wäre das wahrscheinlich ihr Ende.“ Für die Massenhersteller gilt entgegen solchem Purismus: Ihre Autos könnten sie wohl kaum vermarkten, wenn sie nicht über ein Mindestmaß an Komfort und Luxus verfügten.

Bei Geländecabrios wie dem Jeep Wrangler oder dem Land Rover Defender nehmen die Kunden lästige Handarbeit zum Öffnen und Schließen ebenso noch in Kauf wie flatternde Verdecke im Fahrtwind.

Aber bei Sportwagen aus der Großserie wird ein gewisser Schick vorausgesetzt. Nicht umsonst waren konsequente, auf klassische Roadster-Qualitäten reduzierte Autos wie der Renault Sport Spider oder der Smart Crossblade wenig erfolgreich und wurden ohne Nachfolger schnell wieder eingestellt.

Doch auch die Balance von Minimalismus und Annehmlichkeit kann zum Erfolg führen: siehe Mazda MX-5. Zwar gibt es den japanischen Roadster längst auch mit Klimaanlage und Sitzheizung. Aber zumindest das Verdeck öffnet sich noch allein durch Muskelkraft – wenngleich dafür zwei Handgriffe genügen. Das komme selbst beim verwöhnten Publikum bestens an, so die Japaner.

Allein sein Erfolg spricht für den MX-5, den es schon seit 21 Jahren gibt. Mit mittlerweile über 900 000 Fahrzeugen ist er laut Mazda der erfolgreichste Roadster der Welt. Zum Erfolg hat sicher auch der Preis beigetragen: In Deutschland ist der mindestens 22 290 Euro teure Roadster einer der günstigsten am Markt. tmn

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