Elektro-Smart : Das geht runter wie Strom

Rolf Bauer hat uns was voraus: Er darf die nächsten Jahre den ersten Elektro-Smart aus einer limitierten Vorserie steuern Auf seiner Premierenfahrt durch Berlin hat er den Tagesspiegel mitgenommen – ein Ausflug in die Zukunft

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Bei Gesamtkilometer zwölf hält es Rolf Bauer vor lauter Begeisterung nicht mehr aus. „Ist das nicht herrlich?“, ruft er und haut seinem Beifahrer vergnügt auf den Oberschenkel. Da braust er gerade dem Brandenburger Tor entgegen – ziemlich flott, aber ganz ohne Gebrumm. Es ist das letzte Januarwochenende; vor einer Stunde hat Bauer seinen Smart „electric drive“ im Smart-Center am Salzufer abgeholt. Dann ist er direkt zum Tagesspiegel am Anhalter Bahnhof geschnurrt, weil er findet, dass seine Zeitung dabei sein sollte bei der mutmaßlichen Revolution der Automobilwelt.

Bauer ist 71, hat als Kabarettist bei den „Wühlmäusen“ gearbeitet und Filmmusiken komponiert, beispielsweise für die „Drei Damen vom Grill“. Er betreibt ein Synchronstudio, aber will sich nun zunehmend „den schönen Dingen des Lebens zuwenden“. Da kommt ihm der Elektro-Smart gerade recht: „Mir ist der gesamte Verbrennungsmotor auf den Wecker gegangen – das Geräusch, der Gestank, alles“, sagt er. „Aber der ist so stubenrein, den kann man mit ins Bett nehmen.“ Aber eigentlich gehört er in die Garage, wo der Energiekonzern RWE als Partner des Modellprojekts demnächst eine persönliche Ladestation für Bauer installieren will. Das Auto kann zwar an jede beliebige Steckdose angeschlossen werden, aber die Revolution kommt erst mit der elektronisch gesteuerten Ladestation. Die soll den Strom nutzen, den die Energiekonzerne vor allem in jenen Nächten kaum noch unterbringen, wenn zusätzlich zu den ohnehin laufenden Atom- und Kohlekraftwerken auch noch die Windräder rotieren. Eine Flotte von Millionen Elektromobilen als gigantischer Speicher für die bisher so flüchtige Energie – das ist die Revolution, die es zu vollbringen gilt.

Erst so werden Elektro-Autos wirklich öko. „Deshalb hat die ganze Sache eine solche gesellschaftliche Bedeutung“, sagt Bauer, der den Gedanken reizvoll findet, dass über Nacht nicht nur er selbst neue Kraft tankt, sondern auch sein Auto. Die notwendige Software für die Abstimmung mit dem Stromnetz hat der Smart an Bord. Demnächst soll die Flotte um einige A-Klasse-Mercedes erweitert werden und allein in Berlin auf mehr als 100 Fahrzeuge wachsen; insgesamt werden allein vom Smart electric drive 1000 Exemplare produziert. Die Großserienfertigung kündigt Daimler für 2012 an.

Rolf Bauer summt jetzt die Straße des 17. Juni entlang und resümiert angesichts der dampfenden Dicken, die er soeben beim Ampelstart abgehängt hat: „Ich fühle mich privilegiert.“ Tatsächlich haben die 30 Kilowatt (41 PS) des Motörchens über der Hinterachse mehr Dampf als 100 Benzin-Pferde. Rangieren lässt sich das Auto völlig geräuschlos, ab etwa Tempo 20 kommt allmählich ein Summen dazu, das an eine Straßenbahn erinnert, aber wesentlich leiser ist. Vor allem entfallen mit dem Getriebe auch die Gedenksekunden, die die Automatik im Standard-Smart beim Schalten einlegt.

Rolf Bauer ist vor dem Start erst mal in alle Winkel seines Autos gekrochen, um die Lithium-Ionen-Batterie zu finden. Im Elektro-Mini der Konkurrenz von BMW und Vattenfall belegt der Akku immerhin den Platz von Rückbank und Kofferraum, aber im Smart versteckt sie sich. Der Kofferraum ist so groß wie in der konventionellen Version, im Fach darunter sitzt nur der Motor, kompakt wie ein Schuhkarton. Und unter der vorderen Klappe hat der Smart nur die Tanks für Kühlmittel und Scheibenwaschanlage. Und auf dem Armaturenbrett signalisieren nur die Uhren für den verbliebenen Saft und die momentan abgerufene Leistung, dass dieser Smart elekrtisch fährt. Tempo 100 schafft er mühelos, nach rund 130 Kilometern muss er wieder an die Steckdose.

Daimler lässt die Autos von ausgewählten Flotten-, Geschäfts- und Privatkunden in Europa sowie den USA und Kanada erproben. In Deutschland gibt es vierjährige Mietverträge, die den kompletten Service inklusive Versicherung und Winterreifen enthalten. Beim Modellprojekt ist auch der Strom für die ersten 18 Monate inklusive. Zwar liegen die regulären Betriebskosten pro 100 Kilometer nach Angaben von Daimler nur bei zwei bis drei Euro, aber der Mietpreis ist mit 700 Euro plus Mehrwertsteuer eher Luxus- als Mini-Klasse. Hier zeigt sich das aktuelle Hauptproblem der Technik, die Menschen wie Rolf Bauer so fasziniert: Sie ist noch unerschwinglich. „Wenn sie das zu einem humanen Preis hinkriegen, wird das eine Erfolgsgeschichte“, sagt Bauer. Daimler nennt noch keine Zahlen. Aber der Preis wird bestimmen, wie smart das Elektroauto am Ende wirklich sein wird.

Rolf Bauer hat uns kurzfristig zur Testfahrt eingeladen. Deshalb erscheint der angekündigte Test über den Fiat 500 Abarth erst in einer der nächsten Ausgaben.

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