Elektroauto : Fährst du noch oder lädst du schon?

Ein „nationaler Entwicklungsplan“ soll dem Elektroantrieb in Deutschland zum Durchbruch verhelfen Der Weg dahin ist lang und steinig – aber trotz einiger Zweifel wollen die Hersteller diesmal nicht als Bremser dastehen

Stefan Woltereck
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Grüne Hoffnung. Noch sind Messestände mit Elektorautos die Ausnahmen - auf dem letzten Autmobilsalon in Genf machte Renault mit...dpa

„Wir haben da ein grundsätzliches Problem.“ Der Elektroauto-Entwickler bei Mercedes-Benz hebt den Zeigefinger: „Für den Energiegehalt von fünf Litern Benzin brauchen wir eine Batterie mit 100 Kilo Gewicht!“ Die Falten auf seiner Stirn vertiefen sich: „Und dieser Akku kostet zehntausend Euro!“

Der Mann bringt ein Dilemma auf den Punkt, vor dem alle stehen, die sich mit Elektroautos beschäftigen: Die Akkus sind zu groß, zu schwer und zu teuer. Der beschlossene „nationale Entwicklungsplan Elektromobilität“ samt seinen Testgebieten wird daran so schnell nichts ändern. 500 Millionen Euro Förderung bis 2012 sind ein willkommenes Zubrot für die Forscher. Die Physik ändern sie nicht: Ungeachtet jeder Ideologie sind flüssige Kraftstoffe für Automobile am besten geeignet. Sie beanspruchen wenig Raum, wenig Gewicht, sie enthalten viel Energie. Lithium-Ionen-Akkus, als modernste Stromspeicher in Handys und Laptops weit verbreitet, versprechen durchaus Chancen bei der Weiterentwicklung. So kompakt, so leicht und vor allem so preiswert wie ein Tank voll Benzin aber werden sie nie. Die Angst vor schwindenden Erdölreserven und steigenden Preisen lässt Physiker genauso wie Auto-Entwickler dennoch mit Hochdruck am Elektroantrieb arbeiten. Die Politiker demonstrieren mit ihm Umweltbewusstsein, schließlich ist Wahlkampf. Die Verantwortlichen in der Industrie indes, etwa Audi-Chef Rupert Stadler, warnen vor der Hype. „Elektrofahrzeuge werden noch lange Nischenmodelle bleiben“, fürchtet auch Bernd Bohr, Chef des Kraftfahrzeug-Bereichs bei Bosch. Der neue nationale Plan verschiebt konkrete Ziele dann auch in die ferne Zukunft: 2020 sollen eine Million Elektroautos auf unseren Straßen rollen. Das wären zwei Prozent: In elf Jahren soll also gerade mal jedes 50. Auto elektrisch rollen.

Vielleicht geht es schneller. Die Industrie bringt sich langsam in Stellung. Mercedes-Benz startet Ende diesen Jahres eine Pilotserie von 1000 Elektro-Smarts. 100 Prototypen sammeln in London, Rom und Berlin bereits Praxis-Erfahrungen. 2010 soll die A-Klasse hinzu kommen. BMW hat 600 e-Minis laufen. 500 kann man in Kalifornien bereits leasen, 50 werden in Berlin erprobt, die Stromtankstellen stellt Vattenfall auf, auch RWE und Siemens sind aktiv. Der Frankfurter Flughafen stellte jüngst zwei i-Miev in den Dienst, erste Exemplare des „Mitsubishi innovative electric vehicle“, das man in Japan bereits kaufen kann.

Opel arbeitet am Ampera, Ford am kompakten E-Ka, Renault an einem elektrischen Kangoo, es gibt sogar Pläne für einen neuen Trabant mit E-Antrieb. Bei Mercedes-Benz entsteht ein SLS-AMG mit fast 400 kW Leistung und Porsche-Beschleunigung – vier Sekunden von null auf hundert. Fast alle Automobilkonzerne haben längst Allianzen mit Batterie-Herstellern und Stromversorgern geschmiedet. So Audi mit Sanyo, VW mit Toshiba und BYD. Letzteres steht für „Build Your Dreams“ - für die zweitgrößte Batteriefabrik der Welt. Bosch geht mit Samsung zusammen. Mercedes-Benz gründete zusammen mit Evonik (Degussa) die Deutsche Accumotive und will seine Batterien selbst herstellen. Erste E-Modelle lassen sich auch bereits kaufen, der amerikanische Tesla-Roadster etwa für gute 100 000 Euro oder der winzige norwegische Think für 20 000. Nebenbei: Strommangel durch Elektroautos, so RWE, ist nicht zu befürchten: Eine Million davon erhöhen den Gesamtbedarf um ganze drei Promille.

Den Verfassern des nationalen Plans schwebt Deutschland als weltweiter Leitmarkt für Elektrofahrzeuge vor. Konkrete Förderung ist aber erst für 2012 angedacht. Die USA bezuschussen E-Mobile mit bis zu 5500, China gibt 6600 Euro dazu - schon seit 2005. Der erwähnte i-Miev von Mitsubishi kostet in Japan laut Liste etwa 34 000 Euro - dank Prämien tatsächlich aber nur 19 000. Nur mit Unterstützung wird der Durchbruch gelingen: Nach der neuesten Aral-Studie wollen Autokäufer höchstens 2000 Euro mehr ausgeben - und auch nur, wenn eine Batterieladung für mindestens 300 Kilometer reicht.

1452 Elektroautos laufen heute in Deutschland - bei einem Bestand von rund 41 Millionen. Der Leitmarkt dürfte woanders entstehen: China plant 2012 bereits die Produktion von 500 000 Elektromobilen.

Die Förderung

Posieren kann er: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel lud am Mittwoch symbolisch einen E-Mini auf. Zuvor hatte die Bundesregierung den Startschuss für das Elektroauto der Zukunft gegeben. Es soll nach Verbesserungen der Batterietechnik und der Kilometer-Reichweiten von 2011 an mit Kaufanreizen verstärkt auf den Markt rollen. 2020 sollen eine Million der mit Ökostrom betriebenen E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen fahren und 2030 etwa 10 Millionen. So steht es im „Nationale Entwicklungsplan Elektromobilität“ vor, den das Bundeskabinett am Mittwoch nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl beschloss. Tsp

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