• Elektromobilität, die Autoindustrie und ihre Kunden: Zum Abgrund und einen Schritt weiter

Elektromobilität, die Autoindustrie und ihre Kunden : Zum Abgrund und einen Schritt weiter

Für das Thema Elektromobilität gibt es derzeit nur Nackenschläge. Die Käufer können sich kaum für Elektroautos erwärmen, die Politik nur sehr halbherzig und in dieser Woche hat mit Audi auch noch der erste deutsche Hersteller wohl endgültig seine Bemühungen in Sachen Elektroautos eingestellt. Zu allem Übel kommt jetzt noch mehr Unheil auf die Stromfraktion zu. Eine Suche nach den Gründen.

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Mit Füßen getreten: Das Thema Elektromobilität hat es derzeit nicht leicht.
Mit Füßen getreten: Das Thema Elektromobilität hat es derzeit nicht leicht.Foto: dpa

Der Abgesang hat schon längst begonnen, der Kampf scheint verloren. Es steht schlecht um das Thema Elektromobilität. Audi hat seine Anstrengungen in Sachen Elektroauto still und heimlich eingestellt, in den USA beginnt gerade ein neuer Rohstoffboom und bis 2020 ist jeder dritte Neuwagen hierzulande wahrscheinlich ein SUV. Wir sehen die 180-Grad-Wende einer Branche.
Ja sind die denn alle verrückt geworden, mag sich da der vernunftbegabte Mensch gerne fragen. Vor nicht mal drei Jahren war das Elektroauto die Zukunftstechnologie schlechthin. Es schien Gewissheit, dass wir in wenigen Jahren alle elektrisch unterwegs sind. Umweltfreundlich, nachhaltig und ohne geräuschfrei. Ein Traum für schmutz- und lärmgeplagte Großstädter. Die Bundesregierung veranstaltete bildreiche Gipfel zum Thema, setzte eine Nationale Plattform für Elektromobilität ein und die Bundeskanzlerin ließ sich nur zu gerne mit einschlägigen Fahrzeugstudien deutscher Hersteller ablichten. Selbst der nahezu allmächtige Herr Winterkorn, seines Zeichens Lenker des Volkswagen-Imperiums, adelte die Elektromobilität als eine kommende Gewissheit. Von den eine Million Elektroautos, die bis 2020 hierzulande auf der Straße sein sollten, wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.

Heimlicher Abschied

Und jetzt erleben wir eine Rolle rückwärts. Still und heimlich verabschiedete sich mit Audi diese Woche der erste große deutsche Autobauer von der elektrischen Zukunft. Und da im großen Reich von Volkswagen, zu dem auch der bayerische Premiumhersteller gehört, nichts ohne das Wissen von Wolfsburg geschieht, kann davon ausgegangen werden, dass auch bei VW so manches Projekt im Bereich Elektromobilität auf der Kippe steht. Der Kleinstwagen e-Up soll eigentlich dieses Jahr kommen und ebenso ist der VW Golf bis Dezember als Elektroauto in Serie geplant. Angesichts der schwindenden Unterstützung mag man das erst glauben, wenn es soweit ist.

Die anderen deutschen Autobauer, die eigentlich die Nase in Sachen E-Auto vorne hatten, zeigen sich noch unentschlossen. Bei Mercedes ist die Zukunft der elektrifizierten A-Klasse ungewisser denn je und die Serienfertigung der Brennstoffzellenversion wurde gerade auf 2017 verschoben. Einzig BMW hält derzeit am Ziel fest den elektrischen Kleinwagen i3 dieses Jahr auf den Markt zu bringen und will mit dem Hybridsportler BMW i8 nachziehen. Allerdings haben sich die Münchner gerade in ihrer Entwicklungsarbeit fest an Toyota gebunden. Das deutet eher auf den Hybridantrieb als die kommende große Nummer im BMW-Portfolio hin. Denn die Japaner haben sich schon länger vom Auto mit reinem Elektroantrieb als Massenware verabschiedet.
Fragt sich, was eigentlich schief gelaufen ist bei der Einführung der Elektromobilität? Woran hängt es, dass die sonst so innovative Autoindustrie es nicht schafft in diesem Bereich vernünftige Produkte auf den Markt zu bringen und der Technik zum Durchbruch zu verhelfen?

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Drei Gründe stechen bei der Analyse der aktuellen Lage der Elektromobilität ins Auge. Zusammen ergeben sie ein gutes Bild, warum die E-Autos hierzulande auf nicht mal 3000 Neuzulassungen im vergangenen Jahr kommen.
Da wären zunächst die dünnen Bekenntnisse der deutschen Autoindustrie zur Elektromobilität. Sie wirken nicht nur im Nachhinein mehr als halbherzig. Geradezu widerwillig hat sich die von Ingenieuren geführte Branche auf diese im Grunde technisch anspruchslose Art der Fortbewegung eingelassen. Gut, die Batterien waren und sind die große Herausforderung. Der Antrieb per Elektromotor ist aber für einen Ingenieur aus der Autoindustrie ungefähr so spannend wie ein ferngesteuertes Modellauto. Nett, lustig sogar, aber doch nichts für echte Kerle!

Niemand trommelt für Elektroautos

In Wolfsburg, München, Ingolstadt, Frankfurt oder Stuttgart, den Epizentren der Branche, wurde schon immer die Stirn in tiefe Falten gezogen, wenn es um das Thema ging. Widerwillig scherten die Auto-Manager und ihre gut geölten PR-Maschinerie ein in den aus dem Druck der Öffentlichkeit heraus geborenen Kurs der Politik in Richtung Elektromobilität. Wie zum Musizieren gezwungene Chorknaben sangen sie, leicht zähneknirschend, das Hohelied auf das Stromauto mit, nur um hinter vorgehaltener Hand zu erklären, dass fast jeder gute Diesel effizienter und sinnvoller als alle Elektroautos sei. Das mag sogar stimmen, aber der Wind blies bis vor kurzem eben aus der anderen Richtung und so wurden die opulenten Budgets für Forschung und Entwicklung geöffnet. Wenig verwunderlich, wenn die ersten Hersteller jetzt wieder umschwenken.

Kommt der E-Golf oder nicht? Die deutschen Autobauer haben in Sachen Elektromobilität bisher vor allem durch Ankündigungen geglänzt. Auf den Markt gekommen ist bisher kein deutsches Elektroauto außer dem elektrischen Smart.
Kommt der E-Golf oder nicht? Die deutschen Autobauer haben in Sachen Elektromobilität bisher vor allem durch Ankündigungen...Foto: dpa

Allerdings haben die Autobauer zu keinem Zeitpunkt den Kurs der Politik in Richtung Elektroauto unterstützt. Die Werbespots beim Superbowl oder die Kampagnen für neue Modelle zeigen, welche Marketingmacht die Autokonzerne haben. Diese Werbetrommeln wurden für Elektroautos nie angeworfen. Gut, die Modelle kommen ja möglicherweise erst noch. Aber um eine Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen würde es eben auch der emotionalen Vermarktung bedürfen, mit der jeder neue Sechszylinder immer noch bedacht wird. Die Kunden kaufen Autos trotz ihrer Irrationalität, wegen Design und Statusdenken. Diese weichen Argumente hat die Autoindustrie für die Elektromobilität nie geliefert. Im Gegenteil, jeder Spot für einen hochmotorisierten Kompaktwagen wie die AMG-Version der Mercedes A-Klasse bestätigt im Grunde das Vorurteil, dass Elektroautos uncool sind.

Konzeptlosigkeit in der Politik

An dieser Stelle kommt dann die Politik als zweiter Grund für das vorläufige Scheitern der Elektromobilität ins Spiel. Denn Regierung wie Opposition haben sich nicht weniger halbherzig für die Sache der Elektromobilität engagiert. Gerne nehmen Verantwortliche wie Opposition die PR-Termine mit den Elektroautos mit, strahlend und mit nach oben gestreckten Daumen lassen sie sich neben E-Fahrzeugen ablichten.
Aber in der Sache, wenn es zur Sache geht, bleibt die deutsche Politik lieber vage. Die Regierung hat es bis heute lediglich geschafft sich auf eine Steuerfreiheit für reine Elektroautos für maximal zehn Jahre zu einigen. Das sind im Optimalfall vielleicht höchstens 1500 Euro Ersparnis. Dafür kauft sich niemand ein E-Auto. Schon bei der Anschaffung ist der Aufpreis höher als das gesamte Sparpotenzial durch das neue Gesetz. Und staatliche Zulagen, wie es sie in Frankreich oder England beispielsweise gibt, sind hierzulande nicht in Sicht.
Nicht mal verkehrspolitische Lenkungsinstrumente konnten die Politiker zu einem Bekenntnis in Sachen Elektroauto verleiten. Als die Verkehrsminister der Länder bei ihrer Herbsttagung in Cottbus Instrumente wie eine City-Maut diskutierten, winkten die Vertreter der meisten deutschen Großstädte ab. Kein Bedarf, hieß es lapidar mit Verweis auf möglicherweise dann fehlende Kaufkraft in den Einkaufsstraßen.

Technik vs. Technik

Dass sich mit der Förderung der Elektromobilität auch sehr gut die Umwelt- und Verkehrsbelastung für die Stadtbevölkerung mindern lässt, wie die Beispiele London oder Amsterdam zeigen, interessiert die deutschen Städte kaum, den Bundesverkehrsminister ohnehin nicht. Sowohl in seinem als auch im Bundesumwelt- und in Bundeswirtschaftsministerium fehlt es an einer vernünftigen Strategie für die Etablierung der Elektromobilität. Warum auch, wo die deutsche Autoindustrie mit ihren potenten Limousinen und SUVs so glänzende Gewinne einfährt?

Bundesumweltminister Peter Altmeier bei einer Veranstaltung von BMW: Die öffentlichkeitswirksame Termine nimmt die deutsche Polit-Prominenz gerne mit.
Bundesumweltminister Peter Altmeier bei einer Veranstaltung von BMW: Die öffentlichkeitswirksame Termine nimmt die deutsche...Foto: dpa

Den dritten Grund für die Krise der Elektromobilität beschert uns ausgerechnet eine neue Technologie. Das sogenannte Fracking macht sich gerade daran die Rohstoffmärkte weltweit umzuwälzen. Durch die neue Technik, bei der durch ein Gemisch aus Chemikalien und Wasser, das in Tiefen bis zu 2000 Metern gedrückt wird und so vornehmlich in Schiefer gefangene, bisher nicht abbaubare Erdgas- und Ölreservoirs freisetzt, werden die USA vom größten Ölimporteur bis 2015 wahrscheinlich schon bald autark von externen Lieferungen. Rohstofffressende Schwellenländer, wie China und Indien, schielen bereits gierig auf die Technik.

Ein neues Ölzeitalter?

Die Gewissheit, dass das Öl endlich und auch bald zu Ende ist, scheint Vergangenheit. US-Präsident Barack Obama will die Vorkommen seines Landes 100 Jahre lang ausbeuten. Andernorts auf der Welt sind die nun erschließbaren Reserven noch gar nicht kalkuliert. Die Folgen für die weltweiten Rohstoffmärkte sind kaum kalkulierbar. Ebenso wie für die davon abhängigen Branchen.
Schön für die Autoindustrie, gut für einige Entwicklungsländer und möglicherweise sogar regelrecht entspannend für die Weltpolitik. Für die Klimapolitik und die Umwelt könnte das aber eine Katastrophe werden. Und für die Elektromobilität? Die Folgen könnten fatal sein. Schon jetzt fehlen den Befürwortern der sauberen Fortbewegung gute Argumente jenseits des Klimaschutzes. Bisher gab es wenigstens die Gewissheit, dass es mit den Benzinpreisen immer nur nach oben geht. Fällt das Kostenargument dauerhaft weg, dann bleiben möglicherweise nur noch technische Nachteile, wie fehlende Reichweite, lange Ladezyklen sowie die Kosten der teuren Batterien. Und die dürften mangels Masse auch nicht sinken.

Natürlich verpesten die Ölverbrenner in unseren Autos die Luft. Natürlich wäre ein „Weiter so“ ein verheerendes Signal für alle Schwellenländer, wo aufstrebende gesellschaftliche Schichten gierig auf das Auto als Symbol des Aufstiegs schielen. Ein Schelm, der solche Tatsachen heute noch bestreiten würde. Aber statt unsere künftige Mobilität nachhaltig zu gestalten schalten wir zwei Gänge zurück und steuern mit Vollgas auf den Abgrund zu. Deshalb ist nun die Politik gefragt, national wie international. Denn die Märkte werden die Wünsche nach immer mehr Mobilität nicht in richtige Bahnen lenken und die Industrie wird es offensichtlich auch nicht tun. Wenn es auch die Politik nicht schafft, dann sieht es schlecht aus für unser Klima, unsere Umwelt und unsere Städte. Dann kommt das Erwachen vielleicht wirklich erst, wenn in Berlin den Politikern das Meerwasser um die Füße schwappt. Und dann ist es definitiv zu spät.

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Immer wieder im Januar trifft sich die Autobranche zu der wichtigsten Motor Show auf dem amerikanischen Kontinent in Detroit. Motor City, wie die Metropole zwischen dem Lake St. Clair und dem Eriesee genannt wird, steht als Stadt immer noch stellvertretend für die us-amerikanische Automobilindustrie.Weitere Bilder anzeigen
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15.01.2013 17:10Immer wieder im Januar trifft sich die Autobranche zu der wichtigsten Motor Show auf dem amerikanischen Kontinent in Detroit....

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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