Ende des Phaeton : VW Passat: Zurück zum Topmodell

Volkswagen setzt auf Sparsamkeit und Demut. Passat statt Phaeton – doch ist der VW-Mittelklässler gut genug für die Rolle des Spitzenmodells?

Sven Jürisch
Kannste nicht meckern. Der Passat ist rundum gelungen – und zahlreiche Extras machen den VW zu einem wirklich feinen Auto mit hohem Nutz- und Freizeitwert.
Kannste nicht meckern. Der Passat ist rundum gelungen – und zahlreiche Extras machen den VW zu einem wirklich feinen Auto mit...Foto: Promo

Alles schon mal da gewesen. Der Passat ist wieder das Topmodell von Volkswagen. Vorbei die Zeiten schnurrender V8-Motoren im Bug des noblen Phaetons – am vergangenen Freitag lief der letzte Wagen vom Band. Sparsamkeit und Demut sind angesagt im Zeichen der Krise. Da passt der Schritt zurück in die Mittelklasse gut ins Bild. Als hätten es die Konstrukteure beim Entwurf des Passat geahnt, haben sie ihn extra fein gemacht für die neue Rolle. Mit exzellenter Qualität und einer Ausstattung, die dem verblichenen Topmodell von Volkswagen alle Ehre macht – wenn man sie bezahlt. Im Falle unseres Testwagens kamen so fast 70.000 Euro Kaufpreis zusammen. Und es ginge noch mehr. Zwei Wochen haben wir versucht herauszufinden, welche der Annehmlichkeiten wirklich sinnvoll sind und welche Allroundqualitäten der Passat bietet.

Variant und Limousine stehen zur Auswahl, sieht man einmal von dem noch auf dem Vormodell basierenden Passat CC ab, und man kommt schnell zum Entschluss, dass der Kombi nicht nur besser aussieht, sondern auch praktischer ist. Leider ist er auch 1025 Euro teurer, doch auch gebraucht erzielen die Kombis höhere Preise, was den Mehrpreis egalisiert. Dafür profitiert man während der Haltedauer von seinem bis zu 1780 Liter großen Kofferraum, samt hoher Variabilität. Per Knopfdruck aus dem Kofferraum klappt die geteilte Rückbank um und wer es noch praktischer mag, kann die Fußentriegelung für die Heckklappe bestellen. Allerdings ein Extra von zweifelhaftem Wert, funktionierte es doch im Test nur jedes dritte Mal und vor allem dann nicht, wenn man mit Einkaufstüten behängt im Dauerregen vor dem Heck stand. Besser ist da schon die Option der elektrisch ausklappbaren Anhängerkupplung, an die man nur Hand anlegen muss, wenn man sie wieder einklappen möchte. Gepäckraumteiler, verschiebbares Verzurrösen-Set oder der komplett umklappbare Beifahrersitz machen aus dem Variant ein praktisches Alltagsauto.

Besonderes Augenmerk auf Assistenzsysteme

Praktisch ist der Passat also, doch ist er auch annähernd so komfortabel wie der verblichene Phaeton? Ja, wenn die richtigen Extras bestellt werden. Das helle Beige unseres Testwagens wirkte binnen kürzester Zeit schmuddelig und auch der damit kombinierte helle Teppich dürfte spätestens nach dem ersten Urlaub ein Fall für den Aufbereiter sein. Besser investiert ist das Geld in den Ergo-Comfort-Sitz mit Massagefunktion. Auf langen Strecken sorgt er für eine merkliche Entlastung für den Rücken. Allerdings nur für den Fahrer, denn für den Beifahrer gibt es keine Massagefunktion. Dafür liefert VW die Sitzheizung vorne kostenlos. Im Fond gibt es die Heizmatten ebenfalls, allerdings gegen Mehrpreis. Extra kosten natürlich auch die hinteren Seitenrollos und eine neue Generation von iPad-Haltern zur schnellen Befestigung des Multimediagerätes an den Vordersitzen. Für Eltern kleinerer Kinder interessant: Der Passat ist gegen Mehrpreis mit integrierten Kindersitzen auf der Rückbank bestellbar.

Besonderes Augenmerk legt Volkswagen beim Passat auf die Assistenzsysteme. Mit Erfolg, denn wer sich das volle Angebot von Abstandregler-Tempomat bis hin zum Fahrspur-Assistenten gönnt, erlebt, wie diese Systeme zu echten Erleichterungen werden. Die Bedienung erfolgt nach kurzer Zeit intuitiv – wer viel auf langen Strecken fährt, wird die Hilfe der Elektronik jedenfalls schätzen lernen. Das gilt auch für die große Navigation mit Sprachbedienung und ausgereifter Telefonanbindung. Das Koppeln des Handys ist eine Sache von Sekunden und auch die Kommunikation mit der Sprachbedienung klappt auf Anhieb.

Bleibt die Wahl des Antriebs – mit Diesel und VW ist das ja derzeit nicht so einfach – weswegen wir den Testwagen mit 220 PS starkem Vierzylinder-Turbo-Benziner orderten. Es geht noch mehr, doch die 280 PS Topversion ist nur mit dem Allradantrieb kombinierbar und das kostet weitere 5000 Euro Aufpreis. Geliefert wird der Motor mit einem automatischen 6-Gang-Direktschaltgetriebe und Frontantrieb. Aber genau in dieser Kombination liegt das Problem.

Verhalten bewegt, ist die Antriebseinheit unauffällig. Doch wer dynamisch unterwegs ist, wird nur wenig Freude an der Abstimmung haben. Das Getriebe zögert zu lange beim Zurückschalten und der Motor liefert seine Leistung ein wenig zu verzögert auf die Bewegung des Gaspedals. Die dann über die Antriebsräder herfallende Leistung führt bei feuchter Straße zu Traktionsverlusten. Hinzu kommt beim Ausdrehen der Gänge eine gequält wirkende Geräuschkulisse und der Eindruck, in einem Auto zu sitzen, in dem der Motor eine Nummer zu klein geraten ist.

Ein rundum gelungenes Auto

Ohne Frage, ein Sechszylinder mit einer Wandlerautomatik wäre die souveränere Lösung, zumal der Testverbrauch von über 10 Litern kein Zeugnis übertriebener Ökonomie ist. Doch mehr als vier Zylinder bietet VW im neuen Passat nicht mehr an. Die 180-PS-Version mit dem automatischen 7-Gang-DSG-Getriebe dürfte somit die bessere und auch billigere Wahl im Benzinerbereich darstellen. Nach Werksangabe benötigt dieses Modell sogar noch einen halben Liter weniger Kraftstoff und liefert mit fast 3000 Euro Ersparnis ein weiteres Kaufargument gleich mit. Und wo wir schon beim Sparen sind: Auch das aktive Fahrwerk entpuppte sich während des Tests eher als Spielerei; nach kurzer Zeit fand man sich zufrieden im Komfort-Modus wieder und umkurvte selbst unvorhergesehene Situationen souverän.

Fazit: Der Passat ist ein rundum gelungenes Auto, allerdings braucht es nicht unbedingt die Topversion in Vollausstattung. Gezielt ausgewählte Extras machen den VW zu einem wirklich feinen Auto mit hohem Nutz- und Freizeitwert. Übrigens: Den 1,8 Liter Variant in der Comfortline Version gibt es bereits als gut ausgestatteten jungen Gebrauchten. Hier können problemlos 25 % des Neupreises eingespart werden. Wem der Passat aber nicht nobel genug erscheint, der greife zum gebrauchten Phaeton mit Händlergarantie. Mehr Gegenwert bekommt man nirgends für sein Geld.

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