Erinnerung mit dem Kettcar : Unter den Rädern

Dies ist kein Text für allzu zart besaitete Gemüter. Wer Stubenfliegen mit einer Zeitung zum Fenster hinausbegleitet, wer einen Regenwurm nicht leiden sehen kann – der ist gut beraten, die Lektüre an dieser Stelle sofort einzustellen. Das nur, damit niemand sagen kann, er wäre nicht gewarnt worden. Der Tod ist ein Thema, über das später noch zu sprechen sein wird in dieser Geschichte.

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Auf dem Kettcar wurde die Autorin zum Killer.
Auf dem Kettcar wurde die Autorin zum Killer.Foto: dpa

Weiß jemand nicht, was ein Kettcar ist? Für alle Ahnungslosen: Das Kettcar, eine Erfindung der Firma Kettler, ist ein Tretauto mit vier Rädern, angetrieben mittels Pedalen und einer Fahrradkette, ausgerüstet mit Lenkrad, Gangschaltung und Bremse. Der Fahrer – meist nicht älter als sieben Jahre – hockt nur wenige Zentimeter über dem Boden auf einem Plastiksitz. Je stärker das Kind tritt, desto mehr Tempo lässt sich aus dem Gefährt rausholen, logisch.
In diesen Tagen knallen bei Kettler die Sektkorken: Ihr Kinderflitzer wird 50. Allerdings, so ist zu hören, sei die Nachfrage in den vergangenen Jahren etwas gesunken. Die erfolgreichsten Jahre hatte das Kettcar in den achtziger und neunziger Jahren. Ende der Neunziger gingen pro Tag 2000 Stück vom Band, alle handgefertigt. Meine Kindheit spielte sich in den achtziger Jahren ab. Damals, bei uns in der Provinz zumal, war das Kettcar cool. Mein Freund Florian hatte eines, und spätestens nach den Ferien, in denen ich auf dem Gefährt meiner älteren Cousine strampeln durfte, war klar: Das brauche ich auch. Ich war fünf, als meine Eltern meinen Wunsch erfüllten.

Das Grauen schleicht sich in die Idylle
Wie erwachsen ich mir am Steuer vorgekommen bin! Auf dem Garagenvorplatz drehte ich meine Runden, immer im Kreis, mal links rum und mal rechts rum. Und manchmal, genau wie die Erwachsenen beim Einparken, sogar rückwärts. Das war überhaupt das Beste am Kettcar: dass es rückwärts fahren konnte. Gebremst wurde mit einem Hebel, den es hochzuziehen galt – und wenn man vorher schnell genug gefahren war, erzeugten die Räder auf den Betonplatten ein herrlich ruppiges Knirschen.
Es war ein Nachmittag im Sommer, als sich das Grauen in die Idylle vor der Garage schlich. An diesem Tag sollte ich begreifen, was es heißt, tot zu sein. Besser gesagt: was es heißt, zu töten.
Es war noch früh, unsere ohnehin ruhige Straße lag noch im Mittagsschlaf. Mit meinem Kettcar war ich alleine auf dem Platz. Fast alleine. Ein Marienkäfer drehte mit mir seine Runden, unbedarft und zuversichtlich.

Wiedergutmachung auf dem Balkon
Ich sah ihn. Deutlich hob sich der kleine orangerote Panzer auf den grauen Platten ab. Ich nahm den Kampf auf. Ohne Skrupel. Kalt interessiert daran, was passieren wird, wenn mein Fahrzeug auf den winzigen Krabbler trifft. Ein kurzer Blick über die Schulter. Eine schnelle Wendung. Und dann mit festem Tritt geradeaus.

Da war es, das ruppige Knirschen. Aber diesmal knirschten nicht nur die Reifen auf dem Beton. Der leuchtende Panzer war nur noch ein blasser Fleck. Der Käfer war Geschichte.
Es tat mir sofort leid. Aber tot war nun mal tot, das begreift auch eine Fünfjährige. Ich hatte den Marienkäfer umgebracht. Seitdem leiste ich Wiedergutmachung. Sobald im Frühling die Sonne ihre Strahlen schickt, wird der Balkon bepflanzt. Vor allem Dahlien kommen in die Kästen – die sind besonders anfällig für Blattläuse. Wo Läuse sind, fühlen sich Marienkäfer wohl, das lernt in der Provinz jedes Kindergartenkind.
Und es funktioniert. Zuerst kommen die Läuse, bilden dicke schwarze Bündel um Blätter und Blüten. Jetzt nur nichts überstürzen – Gift spritzen ist verboten! Dann kommen die Käfer, angeflogen zu Dutzenden, um ihre Eier in die Blumen zu legen. Im Juni schlüpfen die Larven, zu Tausenden fressen sie sich durch die fette Läuseschicht, bis sie sich endlich in Käfer verwandeln. Und davonfliegen, unbedarft und zuversichtlich.
Ich sorge für Nachwuchs in der Marienkäferwelt. Mehr kann ich nicht tun.

50 Jahre Kettcar in Bildern:

50 Jahre an der Kette
Der Formel-1-Weltmeister fährt manchmal eines ...Weitere Bilder anzeigen
1 von 50Foto: dpa
11.04.2012 18:03Der Formel-1-Weltmeister fährt manchmal eines ...

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