ESP ist seit 1. November Pflicht : Der stille Lebensretter

Seit 1. November muss jedes Neufahrzeug mit ESP und Reifendruckkontrollsystem ausgerüstet sein. Die Technik wird in Zukunft noch wichtiger werden

von , und David-Emanuel Digili
Symbol für Sicherheit: „Das ESP ist das wichtigste System, das wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der aktiven Sicherheit gesehen haben“, bestätigt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer.
Symbol für Sicherheit: „Das ESP ist das wichtigste System, das wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der aktiven Sicherheit...Foto: dpa

Das Reh tauchte wie aus dem Nichts auf der Straße auf. Ein Schreck, ein heftiges Lenkmanöver und das Auto steuert haarscharf an dem Tier vorbei. Das zweite Manöver gelingt allerdings nicht mehr. Beim Versuch, das Auto wieder in Fahrtrichtung zu bringen, bricht das Heck aus, das Auto schleudert unkontrolliert in den Straßengraben und überschlägt sich. Ein Horrorszenario für jeden Autofahrer.

Genau für solche Fälle wurde das Elektronische Stabilitätsprogramm, kurz ESP, entwickelt. Das Auto in Grenzsituationen in der Spur halten ist der Auftrag des elektronischen Helfers, den viele nur vom Hörensagen kennen. Dabei hat die Technik einen bemerkenswerten Siegeszug hinter sich. Mitte der neunziger Jahre wurde das erste Stabilitätsprogramm von Bosch auf den Markt gebracht.

Gutes Team. Die Komponenten eines modernen ESP-Systems: Steuergerät, Sensoren und die Hydraulikeinheit.
Gutes Team. Die Komponenten eines modernen ESP-Systems: Steuergerät, Sensoren und die Hydraulikeinheit.Foto: Promo

Beeindruckende Zahlen beim ESP

„Das ESP ist das wichtigste System, das wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der aktiven Sicherheit gesehen haben“, bestätigt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, die weitreichende Wirkung der Technik. Nach Zahlen der Unfallforschung von Bosch hat ESP im Jahr 2011 in den damals 25 EU-Staaten 33 000 Unfälle mit Personenschäden verhindert und mehr als 1000 Menschenleben gerettet. Und das bei einer angenommenen Ausrüstungsquote von nur 40 Prozent. Seit der Markteinführung 1995 sollen europaweit 190 000 Unfälle vermieden und 6000 Leben gerettet worden sein.

Beeindruckende Zahlen für ein System, das die meisten Autofahrer im Alltag selten wahrnehmen. Was das ESP leistet, wird erst in Extremsituationen erlebbar und dann kann die Technik tatsächlich Leben retten. Drehzahlsensoren an jedem Rad zeichnen die Drehzahl auf, ein Drehrahmensensor ermittelt die Drehung des Fahrzeugs um die eigene Achse und der Lenkwinkelsensor erfasst den Lenkeinschlag des Fahrers und damit die gewünschte Fahrtrichtung. Diese Informationen werden an das ESP-Steuergerät geschickt, wo in Millisekunden errechnet wird, wann und wie ein Eingriff erfolgen soll. Hydraulikaggregate an den Bremszylindern schließlich setzen die Befehle in den entsprechenden Bremsdruck um.

Die Schnittstelle zum Bremssystem

„Über das Bremsen einzelner Räder und die daraus resultierende Lenkkraft lässt sich die Seitenkraft verschieben“, erklärt Karl-Heinz Wenger, Leiter des Technischen Produktmanagements für Active Safety Systeme bei Bosch. So wird ein ins Schleudern geratenes Auto wieder stabilisiert. Vorausgesetzt, der Fahrer reagiert wie vorgesehen: Nämlich falsch. „Das System setzt immer den ideal reagierenden Fahrer voraus“, schränkt Siegfried Brockmann ein. Wer Rennstreckenerfahrung hat oder noch auf einem VW-Käfer gelernt habe, sich mit Gegenlenken durch Schnee zu manövrieren, der könnte dem ESP genau die falschen Signale senden. In der Praxis kommt das eher selten vor, auf den Menschen als Fehlerquelle ist in der Regel Verlass.

Über 100 Millionen Systeme hat alleine Bosch in den letzten 19 Jahren gefertigt. In Europa lag die Einbaurate schon vor der Einführung der ESP-Pflicht bei 84 Prozent aller Neufahrzeuge. Doch damit ist die Entwicklung noch lange nicht am Ende. „Das ESP hat in modernen Fahrzeugen die Hoheit an den Bremsen“, sagt Karl-Heinz Wenger. Deshalb ist es im Informationsnetz aktueller Automobile an vielen Prozessen beteiligt. Notbremsfunktion, automatische Abstandskontrolle oder Berganfahrhilfe – all diese Assistenten greifen letzten Endes zum Bremsen auf das ESP zurück. „Das ESP bietet immer die Schnittstelle zum Bremssystem“, erklärt Wenger.

Das ESP ist nicht nur Spaßbremse

Durch die tiefgehende Vernetzung mit den Kameras und Radarsystemen moderner Autos kommt der Technik sogar eine immer zentralere Rolle zu. Das gilt auch für neue Antriebe, wie etwa Hybride oder Elektroautos. Die neueste Aufgabe, welche die Ingenieure bei Bosch zu lösen haben, ist beispielsweise das Überblenden. Wenn elektrisch angetriebene Fahrzeuge beim Rollen ihre Batterien wieder aufladen, also rekuperieren, ist das ESP ebenfalls gefragt. Denn wenn der Akku voll ist oder das Fahrzeug den für die Rekuperation definierten Geschwindigkeitsbereich verlässt, muss das ESP einspringen und mit dem gleichen Druck weiterbremsen. Sonst könnte es zu bösen Überraschungen beim Ausrollen kommen.

Aber das ESP gibt sich nicht nur als Spaßbremse. In Kombination mit speziellen Getrieben bei sportlichen Autos kann die Technik auch helfen, die eigene Rundenzeit zu verbessern. Über das sogenannte „Torque Vectoring“ kann das Drehmoment gezielt an einzelne Räder weitergeleitet werden. Das ESP bremst auf der Innenseite ein Rad ein und auf der Außenseite werden ein oder zwei Räder beschleunigt. Dadurch wird die Seitenführungskraft weiter verstärkt und der Grenzbereich in Kurven erweitert. Solche Dinge sind allerdings eher ein Nischenthema, das für die Allgemeinheit kaum von Bedeutung sein dürfte. Weitaus wichtiger ist, dass mit der ESP-Pflicht nun endlich auch alle Kleinwagen und günstige Modelle in den Genuss dieser Sicherheitstechnik kommen. Denn da haben viele Hersteller in der Vergangenheit immer noch Kosten gespart und ESP als Sonderausstattung angeboten, wenn überhaupt. Geradezu fahrlässig, da gerade hier oft Fahranfänger und Verkehrsteilnehmer mit wenig Routine hinterm Steuer sitzen. Gut, dass der Gesetzgeber nun endlich nachgezogen hat. In den USA und Kanada ist ESP für Neuwagen schon seit drei Jahren Pflicht.

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