Auto : Etwas Volt und es rollt

Hybrid-Motorräder, E-Scooter und Elektroroller: Entwicklungsingenieure setzen auch Zwei- und Dreiräder unter Strom

Lutz Steinbrück
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Sie muten meist noch recht spartanisch und unförmig an, die ganz oder teilweise elektrisch betriebenen Roller-Prototypen. Große Hersteller erwarten nicht vor 2012 oder 2013 kundentaugliche Fahrzeuge. Und das hat einen einfachen Grund: Das Verhältnis von Preis und Leistung stimmt noch nicht. Die Batterie-Technik ist noch zu teuer und die Reichweite ist noch sehr begrenzt. Doch es gibt Nischenanbieter, die vor allem auf den urbanen Betrieb setzen.

So will der Autokonzern General Motors in Kooperation mit dem Elektroroller-Hersteller Segway ein serientaugliches Fahrzeug entwickeln. Der Modellversuch mit einem zweisitzigen Elektroroller läuft unter dem Arbeitstitel PUMA (Personal Urban Mobility & Accessibility). Angetrieben von Elektromotoren an zwei sich ausbalancierenden Rädern, bringt es PUMA auf eine Spitzengeschwindigkeit von rund 60 km/h. Das Gefährt schafft eine Reichweite von 56 Kilometern. Für eine Fahrt über die volle Distanz muss man die Lithium-Ionen-Batterie für 60 US-Cent an einer 110-Volt- Steckdose aufladen, wobei ein Ladevorgang acht bis zehn Stunden dauert. Die Steuerung sowie das Bremsen und Beschleunigen werden elektronisch von einer Drive-by-wire-Technik koordiniert. „Bis zum Herbst planen wir sechs bis sieben verbesserte Prototypen“, erklärt Carol Valianti, die Vize-Präsidentin für globale Kommunikation bei Segway. Ob und wann der PUMA kundentauglich wird, ist ungewiss. „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass der PUMA in Serie gehen wird“, sagt Reinhold Eder, der Geschäftsführer von Segway Deutschland. „Für mehr als eine Person werden sich die Kunden eher ein Elektroauto zulegen. Das ist komfortabler. Der PUMA hat momentan keine Seitenfenster und bietet wenig Schutz gegen schlechte Witterung.“

Das Einsitzer-Modell ist hingegen ideal für den urbanen Raum. Es wird seit 2005 in Deutschland vertrieben. Der Segway Personal Transporter (Segway PT) ist ein Stehroller mit Elektroantrieb. Durch die Verlagerung des Körpergewichts lässt er sich starten, bremsen, schneller oder langsamer fahren. Bundesweit sind etwa 1500 Exemplare unterwegs. Das günstigste Modell kostet rund 7500 Euro. Wer den Segway PT fahren will, braucht mindestens einen Mofa-Führerschein. Die Batterie lässt sich in fünf bis sechs Stunden aufladen. Eine Ladung kostet zwanzig Cent und reicht für vierzig Kilometer – die Höchstgeschwindigkeit beträgt 20 km/h.

Welche Verkehrswege mit dem Elektroroller befahren werden dürfen, bestimmt jedes Bundesland für sich. „In Berlin ist der Segway PT nur im Rahmen von Segway-Stadtführungen zugelassen“, erläutert Hans-Jürgen Frey von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Mit maximal zehn Teilnehmern rollen die Gruppen unter Anleitung eines Stadtführers auf Geh- und Radwegen zu einzelnen Sehenswürdigkeiten. „Eine allgemeine Zulassung für bestimmte Verkehrsbereiche gibt es bisher nicht, um die Sicherheit der Passanten nicht zu gefährden“, so Frey weiter.

Das könnte sich aber schon bald ändern: In Kürze will sich der Bundesrat mit einem Verordnungsentwurf des Bundesverkehrsministeriums für eine bundesweite Regelung befassen. Dann könnte es möglich werden, den Segway PT mit Genehmigung am rechten Fahrbahnrand sowie auf dafür gekennzeichneten Fuß- und Radwegen zu benutzen.

Insgesamt steht die Ampel für Elektromobilität auf Grün. Das Bundesverkehrsministerium benannte kürzlich acht Regionen, in denen gezielt eine Infrastruktur für Elektrofahrzeuge aufgebaut werden soll. Berlin/Potsdam ist eine dieser Regionen. 115 Millionen Euro fließen aus dem Konjunkturpaket II bis 2011 in entsprechende Pilotprojekte. Es geht um Elektromobilität von Pkw, Zweirädern und im öffentlichen Nahverkehr. „Der hohe Stellenwert der Elektromobilität für künftige Verkehrskonzepte ist unstrittig, weil andere Ressourcen sich nach und nach erschöpfen“, sagt der Verkehrsexperte Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen. „Die größten Mankos sehe ich speziell bei den Elektroautos in der kurzen Reichweite mit wenig über hundert Kilometern und in der langen Ladezeit für die Strombetankung ihrer Batterien.“ Im Segment der Zweiräder prophezeit Schreckenberg vielen Fahrzeugen in Deutschland ein Nischendasein: „Die Bevölkerung wird überaltern. Und für ältere Menschen ist die Fortbewegung durch Verlagerung des Körpergewichts oft ein Problem.“ Wenn sich Senioren für ein elektrisch betriebenes Zweirad entscheiden, werden sie eher auf ein Fahrrad mit elektrischem Hilfsmotor zurückgreifen, so Schreckenberg. „Ich sehe schon jetzt viele Ältere, die solche Fahrräder benutzen, weil sie die gut beherrschen und damit auch Steigungen bewältigen können.“

Eine weitere Möglichkeit, elektronisch auf zwei Rädern voranzukommen, bietet der „Maxi Scooter“ Vectrix VX-1. Der Großroller schafft maximal 100 km/h und hat eine Reichweite von 110 Kilometern. „Momentan verkaufen wir den Maxi Scooter selbst“, erklärt Sven Wedemeyer. Der Marketing- und Vertriebsleiter von Vectrix Deutschland gibt zu, dass es schwierig ist, das Modell im Handel anzubieten. Mit einem Preis von 9999 Euro ist das Fahrzeug aufgrund der hohen Entwicklungskosten teurer als herkömmliche Großroller. In einem Scooter-Test des ADAC im April behauptetete sich der „Maxi Scooter“ im Vergleich mit Benzinern im Mittelfeld. Noch ist er ein Exot. 2008 wurden rund fünfzig Exemplare verkauft.

Auf die Einführung eines Elektromotorrades müssen die Kunden unter diesen Vorzeichen noch warten. Honda kündigte im Januar an, 2010 mit einem Modell auf den Markt zu kommen. BMW und Yamaha arbeiten nach eigener Aussage daran. Doch noch sind es Tüftler und Kleinunternehmer, die ihre Ideen in die Tat umsetzen. Im Fall von BMW hängt der Zeitpunkt der Serienreife vor allem vom Stand der Entwicklung in der Batterietechnik ab, sagt BMW-Motorrad-Sprecher Rudolf-Andreas Probst. Er glaubt, dass der Verbrennungsmotor sicher noch „über viele Jahre der beherrschende Antrieb beim Motorrad bleiben wird“. Elektroantriebe könnten aber im urbanen Betrieb einen höheren Stellenwert bekommen.

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