Exeo : Seat: Bayerisch Barcelona

Der Exeo ist eigentlich ein Audi A4 der Vorgängergeneration – und für Seat ein Quantensprung.

Ingo von Dahlern

21 990 Euro Einstiegspreis. Für Seat ist das schon eine Hausnummer – war die spanische VW-Tochter doch bisher vor allem auf kleine, preisgünstige Modelle abonniert. Allerdings relativiert sich das, wenn man sich anguckt, was dafür geboten wird: viertürige Stufenhecklimousine, ausgewachsene 4,66 Meter Länge. Auch das sind völlig neue Größen bei Seat. Der Exeo spielt in einer Klasse, die Seat in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt hat – der Mittelklasse. Eine familien- und reisetaugliche Limousine suchte man hier nämlich zuletzt vergebens. Da passt es nur zu gut, dass selbst der Name mit der Tradition bricht. Denn der steht im Gegensatz zu Toledo, Alhambra und Co. nicht für spanische Geografie. Übersetzt aus dem Lateinischen soll „Exeo“ so etwas wie „hinausgehen“ bedeuten.

Also raus damit: Zwar gibt es nach zwei Toledo-Modellen in den Neunzigern seit 2004 eine dritte Toledo-Generation, die zumindest nominell in der Nähe des Neuen liegen könnte. Doch der minivanähnliche, um ein eigenwilliges Heck zum Toledo verlängerte Altea ist offenbar nicht das Auto, das Seat-Kunden in dieser Klasse erwarten. Verdrossen wanderten sie ab – nicht zuletzt zur ebenfalls zum VW-Konzern gehörenden Marke Skoda und deren Octavia.

Diese Kunden soll der Exeo ab Mitte April nach Möglichkeit wieder in den Schoß der Marke zurückholen. Was für Seat ein völlig neues Modell in einer neuen Klasse ist, ist allerdings kein völlig neues Auto. Denn zwar trägt der Neue die mit einem unverkennbar sportlichen Akzent versehene Seat-Front mit ihren Doppelscheinwerfern, hohes Heck und bei den stärkeren Versionen zwei Auspuffendrohre oder ein Doppelendrohr. Aber die Silhouette verrät es: Hinter den Retuschen verbirgt sich ein Modell, mit dem Audi in den letzten Jahren große Erfolge feierte: der inzwischen durch eine neue Generation abgelöste Audi A4.

Aber das muss ja nichts Schlechtes heißen, gerade wenn man den Preis im Auge behält: Der vergangene A4 war ein bewährtes und absolut ausgereiftes hochwertiges Mittelklassemodell. Und für das zweite Leben als Exeo hat sich Seat nicht darauf beschränkt, dem Audi A4 lediglich ein neues spanisches Gewand zu verpassen. Auch am Kern des Autos wurde gearbeitet und modernisiert.

Beim Fahrwerk ist Seat dadurch der nicht einfache Spagat zwischen der für Seat charakteristischen Sportlichkeit und dem Komfort, der für eine Familienlimousine unerlässlich ist, gelungen. Zudem erhielt der Exeo ein ganzes Bündel moderner elektronischer Assistenzsysteme, vom ABS mit Bremsassistenten über die Traktionskontrolle (TCS) bis hin zur Fahrdynamikregelung ESP.

Bei den ersten Probefahrten bereitete der neue Mix sowohl auf Autobahnen als auch auf kurvigen Bergstraßen ausgesprochenes Vergnügen: Der Exeo lag stets sicher in der Hand, blieb sauber beherrschbar und ließ sich mit der entsprechenden Motorisierung auch sportlich flott bewegen.

Denn bei den Motoren hat der Exeo gegenüber dem Ausgangsmodell Audi A4 technologisch den größten Sprung nach vorn gemacht. Bei den Benzinern dient der bewährte 1,6-Liter-Saugmotor mit 102 PS als Einstiegsmotorisierung. Ein bisschen mehr bietet der mit Ladeluftkühler ausgestatte 1.8 Turbo mit 150 PS. Die Spitze markiert der hochmoderne 2.0 TSI mit Benzindirekteinspritzung und 200 PS Leistung. Bei den Dieseln setzt Seat beim Exeo auf moderne Common-Rail-Technologie, die in zwei Leistungsstufen angeboten wird: mit 143 und 170 PS. Alle Triebwerke sind in der Lage, die EU5-Abgasnorm zu erfüllen. Wer dafür Steuervorteile erwartet, muss aber darauf achten, dass die Fahrzeuge auch nach EU5 typgeprüft sind. Kombiniert sind die Triebwerke mit einem 6Gang-Schaltgetriebe. Für den stärksten Benziner wird außerdem bald eine stufenlose Multitronic zur Verfügung stehen. Da fehlt eigentlich nur noch ein automatisiertes Doppelkupplungsschaltgetriebe, wie es Konzernmutter VW bei den eigenen Modellen ja schon verbaut.

Und, apropos Verwandtschaft: Wie eng verwandt der Exeo mit dem Audi A4 ist, sieht man schon beim ersten Blick in den Innenraum. Zumindest dann, wenn man ein Audi-Kenner ist. Auffallen wird aber auch dem Seat-Stammkunden die für die Spanier ungewöhnlich hohe Material- und Verarbeitungsqualität, die für die Marke völlig neue Maßstäbe setzt.

So zeigt sich der Seat Exeo als ein Auto, das in vielen Bereichen Pluspunkte für sich verbuchen kann. Nicht nur, aber eben auch beim Preis. Denn der Rückgriff auf bewährte Technik und bereits bestehende Produktionsanlagen hat Seat erhebliche Entwicklungskosten erspart (um den Markenwechsel möglich zu machen, wanderten die Fertigungsstraßen per LKW von Ingolstadt nach Martorell nahe Barcelona). Und das sorgt dafür, dass sich der Exeo preislich sehr deutlich unter dem Niveau des seligen A4 bewegen kann.

Das sind beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Angriff auf verloren gegangenes Terrain – nicht nur auf dem spanischen Heimatmarkt, wo Seat zuletzt etwas unter Druck geraten war. In Deutschland wird sich dagegen jetzt vielleicht der eine oder andere Käufer ärgern, der vor wenigen Jahren einen A4 für mehr Geld erworben hat. An der Tatsache, dass Seat mit dem Exeo ein konkurrenzfähiges und für die Marke rundum neues Mittelklassemodell auf die Räder gestellt hat, ändert das nichts.

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