Exklusive Automarke : Ein Besuch bei Rolls-Royce in Goodwood

Die exklusivste Automarke hat jetzt einen deutschen Chef. Der sagt: "Wir bauen die beste Limousine der Welt." Mit dem Starmodell "Phantom" und dem neuen "Ghost" lockt man auch neue Käufer.

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Geballte Eleganz. Das silbergraue "Phantom"-Coupé, wie es auch unser Autor fuhr, zeigt einen aerodynamisch geschwungenen Kühlergrill.Alle Bilder anzeigen
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20.01.2011 14:36Geballte Eleganz. Das silbergraue "Phantom"-Coupé, wie es auch unser Autor fuhr, zeigt einen aerodynamisch geschwungenen...

Ein paar Moorhühner, die typisch englischen Grouse, lassen sich auch vom blitzenden Bug eines Rolls-Royce und schon gar nicht von seinen summenden zwölf Zylindern von der Landstraße scheuchen. Ab und an liegt auch ein unter die Räder gekommener Fasan am spätherbstlichen Wegrand. Der Gast hier in den Hügeln der südenglischen Bilderbuchgrafschaft Sussex sieht das mit leicht gemischten Gefühlen. Noch aber sitzt er nicht selber am Steuer, sondern Colin.

Colin, der mich am Londoner Flughafen Heathrow mit einem schwarzen „Ghost“, dem jüngsten Modell von Rolls- Royce, abgeholt hat, ist ein grauhaariger Herr in elegantem Anzug mit Schlips und Einstecktuch, aber ohne Mütze und Handschuhe. Ich setze mich bei ihm nicht in den Fond, und von der Anrede „Sir“ wechselt Colin sehr bald in das ungezwungene angelsächsische Vorname-Sie. Er leitet einen eigenen Chauffeurdienst, aber Gäste der Firma RR fährt er – in deren Auftrag und Wagen – am liebsten selber. „So ein Auto macht mir keine Arbeit, sondern pures Vergnügen“, sagt Colin. Und nachdem wir die Autobahnen rund um London verlassen haben, werden ihm auch idyllische Wege mit kreuzendem Geflügel, hohen wilden Hecken und schwer übersichtlichen Kurven zu kurzen Rennstrecken. Als wolle er zeigen, dass der „Ghost“ 570 PS unter der Haube hat.

Es geht zu Rolls-Royce nach Goodwood, vorbei an Landsitzen, Feldern und Parks, durch Dörfer, die wie lebende Museen der anmutigsten Backstein- und Fachwerkkunst wirken. Vor zwölf Jahren hatte BMW die damals kriselnde englische Edelmarke als selbstständiges Tochterunternehmen erworben und sogleich beschlossen, für Rolls-Royce im Zuge einer Rundumrenovierung eine neue Fabrik zu bauen. So zog das 1904 in Manchester von dem Konstrukteur Frederick Henry Royce zusammen mit dem Autohändler Charles Rolls gegründete Unternehmen knapp ein Jahrhundert später aus dem alten industriellen Norden um in den grünen Süden der Insel. Inmitten der Wiesen und Felder des Earl of March and Kinrara entstand ein offenes Geviert von gläsernen Werkhallen und Büros: von Solarenergie gespeist, mit lichtempfindlichen Außenlamellen, mit begrünten Dächern und Teichen mit Seerosen vorm Haus.

Was so eher ländlich abgeschieden wirkt, gleicht im Planquadrat von Rolls- Royce ganz dem Goldenen Schnitt. Man liegt hier auf dem Land fast in der Mitte zwischen der Metropole und dem Meer, zwischen den Flughäfen Londons und den Seehäfen von Portsmouth und Southhampton. Hier sind populäre Badeorte nicht weit, es werden Jachten gebaut und Antiquitäten gehandelt, exquisite Handwerke verbinden sich mit neuen Technologien; zudem gibt es Kultur und Sport mit dem internationalen Sommerfestival im nahen Chichester, mit dem Motodrom von Goodwood (für die Touring-WM und Formel-1-Oldtimer) sowie einer Pferderennbahn, die Ascot Konkurrenz macht. Und überall hat der Earl of March, der auch dem Rolls-Royce-Aufsichtsrat angehört und in seinem Schloss die größte Privatsammlung von Bildern des visionären Landschafts- und Seemalers William Turner besitzt, seine rührigen Hände im Spiel.

„Lord March und Rolls-Royce sind ökonomisch und kulturell ein Glück für die Region“, sagt Colin am Steuer des „Ghost“. Im Gegensatz zu dem seit 2003 gebauten „Phantom“, dem Flaggschiff der allein aus diesen beiden Grundmodellen (mit ihren Cabrio- und Coupé-Varianten) bestehenden RR-Flotte, bedeutet der erst seit Ende 2009 gebaute „Ghost“ eine mittlere Revolution für die Marke.

Der Geist ist mit 5,40 Metern rund einen halben Meter kürzer als das Phantom, der ganze Wagen liegt tiefer, wirkt sportlich gedrungener, ist in der optischen Anmutung mehr eine Mischung aus Jaguar, Cadillac und 7er BMW. Die 2, 4 Tonnen Automasse werden von den knapp 600 PS und einer doppelten Turboladung des Zwölfzylinders in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Aber will man so profane Dinge überhaupt wissen, wenn man rund 250 000 Euro für die Grundausstattung berappt? Das ist zwar nur die Hälfte des Preises für einen „Phantom“, aber eigentlich geht es ja für den, der es sich leisten kann und will, allein darum: einen authentischen Rolls zu haben.

Natürlich ist es eindrucksvoll, auf dem aufklappbaren, wie beim „Phantom“ hinter der Wurzelholzarmatur versteckten großen Navi-Schirm auch eine Infrarot-Nachtlichtkamera einschalten zu können. Oder für die audiovisuelle Kommunikation noch schnellere Satellitenanschlüsse als im sechs Jahre älteren „Phantom“ zu haben. Doch ist der „Ghost“ ein ebenso elegantes wie sinnlich kühles Auto. Trotz aller noblen Hölzer und Lederkombinationen spürt man noch nicht so ganz den Geist des Rolls. Oder irre ich mich?

„Nein“, sagt Colin, „es ist schon ein richtiger Rolls-Royce und wunderbar zu fahren. Aber Sie spüren vielleicht noch einen Hauch Premium- Klasse von BMW. Auch der Motor und die Technik des ,Phantom‘ stammen ja von BMW, und die ist für mich die beste, die es gibt. Doch der ,Phantom‘ hat noch einen Touch mehr von einem unverwechselbaren Rolls-Royce.“ Im O-Ton: „It is a bit more of a British car.“

Erst kürzlich gingen die Bilder von Prinz Charles und seiner erschreckten Camilla im Fond ihres Wagens um die Welt. Der Rolls-Royce des Thronfolgerpaars war in London in eine Demonstration gegen die Sparpolitik der englischen Regierung geraten und mit Farbbeuteln und Gegenständen beworfen worden. Dabei ging auch eine Scheibe des Autos zu Bruch. Manch einen mag das gewundert haben. Aber die überraschende Auskunft in Goodwood ist: „Wir verzichten, ebenso wie Ferrari, auf die absolute Höchstpanzerungsstufe.“ Das sagt Torsten Müller-Ötvös, ein schlanker, smarter Endvierziger – und seit diesem Jahr als Vorstandsvorsitzender der erste Deutsche an der Spitze des Unternehmens.

Rolls-Royce sei zwar weiterhin die Marke von Monarchen und Magnaten. „Doch ein Rolls-Royce ist kein Regierungsfahrzeug.“ Kein Fortbewegungsmittel für Funktionäre, sondern ein Genussmittel. Müller-Ötvös bestätigt, dass auch die Rolls der Queen oder des Königs von Saudi-Arabien und des Sultans von Brunei nicht wirklich schusssicher sind. Dann wechselt er lieber das Thema: „Unser Ziel ist es, die schönsten, komfortabelsten und wertbeständigsten Fahrzeuge zu bauen. Vor zwei Jahrzehnten war Rolls-Royce da qualitativ und technisch nicht mehr ganz führend. Aber der ,Phantom‘ ist heute wieder die beste Limousine der Welt.“ Müller-Ötvös schwärmt von einem „magic carpet“, dem fahrenden Zauberteppich. Keine gepanzerte Kiste.

Die Motoren, die Elektronik und der Karosserierahmen aus Aluminium kommen dabei von BMW aus Bayern. Und die Ledergerberei sitzt im sächsischen Freiberg. Der eigentliche Rolls-Royce aber entsteht erst in mehr als 300 Arbeitsstunden pro Wagen in Goodwood. Herz und Lungen sind deutsch, doch Seele und Gesicht weiterhin britisch. Chefdesigner Ian Cameron ist Engländer, der „Phantom“ wurde in London und der „Ghost“ in einer dreimonatigen Klausur in einem Landhotel bei Goodwood entworfen.

Jetzt arbeiten hier 850 Menschen aus 21 Nationen, in täglich zwei Schichten. Die zweite Schicht hat man erst in diesem Jahr eingeführt, weil durch den Erfolg des „Ghost“ der Absatz fast verdoppelt wurde. Früher gab Rolls-Royce keine Zahlen bekannt– selbst bei den PS und der Topspeed (heute auf 250 km/h begrenzt) hieß es lapidar: „ausreichend“. Auch in deutschen Kfz-Briefen wurden die technischen Daten einst nur geschätzt. Das hat sich geändert. 2010 rechnet man mit über 2000 verkauften Fahrzeugen, 2009 waren es nur 1002 Exemplare, 2008 immerhin 1212. Hat sich die Finanzkrise also auch im Luxus bemerkbar gemacht?

„Ja, ganz klar“, sagt RR-Chef Müller-Ötvös. „Unsere Kunden besitzen meist mehrere Wagen, oft auch mehrere Rolls- Royce, und sie hätten sich das auch 2008/09 weiter leisten können. Aber wer beispielsweise in den USA Mitarbeiter entlassen musste, der wollte nicht gleichzeitig mit so einem neuen Auto rumfahren.“

Selbstfahrer sind inzwischen schon 80 Prozent der Kunden. Die USA bilden mit einem Drittel aller Käufer noch immer den größten Markt; indes sind die Chinesen kurz davor, Großbritannien vom zweiten Platz zu verdrängen. An Nummer vier liegen die Arabischen Emirate, dahinter Deutschland und Saudi-Arabien. Weltweit gibt es für alle nur 83 RR-Vertragshändler, davon 15 in Europa, zwei in Deutschland: in Köln – und in Radebeul bei Dresden. Dort hat sich Sibylle Thomas, die Tochter des früheren DDR-Rennfahrers Lothar Thomas, nach der Wende als couragierte Unternehmerin im gesamten Deutschland- und dem erstaunlich wachsenden Osteuropa-Geschäft etabliert. Von Skoda einst – zu Ferrari, Aston Martin und jetzt Rolls-Royce. Wobei der Kunde zum Kauf und der Wahl zwischen 44 000 Farbvariationen, zwischen Hölzern, Leder und Extras (wie perlmuttunterlegte Tachometer oder Intarsien) in die Werkstatt oder nach Goodwood kommt. Später kommen dann, im Falle eines Falles, die Mechaniker zu ihm.

Goodwood versteht sich, ähnlich wie Ferrari im oberitalienischen Maranello, als Manufaktur, nicht als Massenproduktion. Mehr als 3000 Autos pro Jahr könne und wolle man nicht herstellen, und eine Produktion etwa in China sei undenkbar. „Viele unserer Mitarbeiter sind nicht nur Handwerker, sie sind Künstler!“, meint Müller-Ötvös beim Mittagessen mit Taubenbrüstchen und Seezunge. Zudem lege man Wert auf Ökologie. Alle seit 1907 gebauten Modelle seien noch fahrbereit, wenig Schrott, kaum Plastik und bei der aktuellen Flotte ein Durchschnittsverbrauch von unter 16 Litern: „Ein Rolls- Royce“, sagt sein Chef, „ist im Ganzen wohl nachhaltiger als ein Toyota Prius.“

Besteigt man den fast sechs Meter langen, eine halbe Million teuren „Phantom“ durch die sich traditionell nach vorne öffnende Tür und nimmt auf dem Fahrersitz Platz, weichen alle Besorgnisse des Debütanten schnell der Überraschung. Die im zweiten von sechs Automatikgängen unhörbar losschnurrende Karosse lenkt sich sehr direkt und butterweich, mit überraschend kleinem Wendekreis. Alles seidig, anstrengungslos, die Instrumente übersichtlich, oft konservativ analog, etwa die stufenlose Klimaregelung per Drehknopf. Beim Beschleunigen, auch am Berg, sind die zweieinhalb Tonnen kaum spürbar. Nur Wind- und Abrollgeräusche (der überdimensionierten Reifen) sind viel lauter, als es ein „magic carpet“ eigentlich träumen lässt. Ansonsten folgt man als Fahrer entspannt der berühmten – inzwischen elektronisch versenkbaren – weiblichen Leitfigur auf der Kühlerspitze. Sie verkörpert seit hundert Jahren den „Spirit of Ecstasy“. Nur die Deutschen nennen sie rätselhafter Weise „Emily“, obwohl die einst als Modell dienende Geliebte eines Lords und Rolls-Liebhabers Eleanor hieß.

Die Luftfederung stellt sich automatisch auf die Position der Passagiere ein, und so schmeichelnd wie straff wirken in diesem silbergrauen „Phantom“ die bordeauxroten Sitze: wobei das Leder immer von nordeuropäischen Freilandrindern stammt – nicht von wilden südlicheren Bullen, deren Häute oft Narben zeigen, und nie von Kühen. Denn auch Kühe kriegen Schwangerschaftsstreifen und Formen von Cellulitis. Weitere Überraschungen: Sehr klein die Handschuhfächer (darin iPad-Anschlüsse) oder der nur 460 Liter fassende Kofferraum. Dafür hat er allerdings eine Versenkung für ein von Rolls-Royce handgefertigtes Picknickset mit solitären Champagnerkelchen, und die Kofferraumhaube lässt sich umklappen zu einer Sitzbank im Freien. Genial.

Noch eine Besonderheit, außer Regenschirmen in der Türfüllung? „Drücken Sie doch mal den Knopf in der Mittelkonsole“, empfiehlt Frank Tiemann, der mitfahrende RR-Pressechef. Ich drücke, und im Wagendach leuchtet ein Sternenhimmel auf. Galaktisch. Es ist, wie der ganze Rolls-Royce, ein Spielzeug für große, auch etwas verwöhnte Kinder.

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