Fahrbericht Audi S1 : S ist scharf geworden

Audi eröffnet einen Wettkampf unter den Kleinstsportlern. Der S1 stellt die neue Leistungsspitze in diesem Segment dar - und kann einen Heidenspaß machen.

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Kleines Auto, großer Name. Mit dem legendären Ahnen, dem Sport Quattro S1, hat diese Wuchtbrumme wenig gemein.
Kleines Auto, großer Name. Mit dem legendären Ahnen, dem Sport Quattro S1, hat diese Wuchtbrumme wenig gemein.Foto: Promo

Mit großen Namen der Vergangenheit sensibel umzugehen, ist nicht immer ganz einfach. Vor allem in der Autoindustrie. So gesehen, haben die Ingolstädter schon einigen Mut bewiesen. Konkurrent BMW hatte diesen speziellen Zug zum traditionellen Gestern bislang nicht. Ihr kleinstes und stärkstes Modell mit dem fantastischen 340 PS starken Reihensechszylinder nannten die Münchner verschämt Einser M Coupé. Beim BMW M1, für viele ein Auto, das seiner Zeit weit voraus war, handelt es sich nämlich um einen Supersportwagen, der 1978 vorgestellt und in nur 460 Exemplaren gebaut wurde. Seinerzeit ein Traumwagen, heute ein rares Sammlerstück. Das heutige Einser M Coupé ist vom gestrigen M1 so weit entfernt wie München von Kap Arkona.

Spezialgericht, scharf und würzig

Auch bei Audi gab es in der Vergangenheit ein Auto, bei dem kundige Fans noch heute in Verzückung geraten: der Audi Sport Quattro S1 mit einem 2,1-Liter-Turbomotor, der 306 PS leistet und dazu ein Chassis mit verkürztem Radstand, das speziell für den Rallye-Einsatz vorgesehen war. Für die sogenannte Homologation wurden nur 220 Stück gebaut. Ein Biest, das nur solche Könner wie Stig Blomqvist und der legendäre Walter Röhrl fahren konnten. Blomquist wurde 1984 damit Weltmeister.

Es glänzt und dampft in Genf
Es geht rund in der Schweiz. Dort auf dem Autosalon zeigt die Autobranche, was sie an Neuigkeiten zu bieten hat. Die Welt dreht sich um das Thema Automobil am Lac Leman.Weitere Bilder anzeigen
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05.03.2014 10:54Es geht rund in der Schweiz. Dort auf dem Autosalon zeigt die Autobranche, was sie an Neuigkeiten zu bieten hat. Die Welt dreht...

Nun also bieten die Ingolstädter wieder ein Auto mit dem legendären Namen S1 an, den modifizierten Kleinwagen A1. Auch der ist meilenweit entfernt vom historischen Original. Jedoch als S angerichtet mit all den Ingredienzien, die ein Spezialgericht scharf und würzig machen, aber dennoch genießbar bleiben lässt: Allradantrieb, Auffalloptik, Topleistung, ein Schuss Giftigkeit, dabei aber problemlos fahrbar, selbst für sportlich angehauchte Laien.

Wo im A1 bislang nur ein 1,4 Liter großer Vierzylinder mit maximal 185 PS werkeln darf, arbeitet im S1 jetzt ein Zweiliter-Turbo aus dem Audi A3, hier mit 231 PS und strammen 370 Newtonmeter Drehmoment von 1600 bis 3000 Touren. Dieses Antriebsaggregat bringt den Dreitürer in 5,8 Sekunden von Null auf Tempo 100; der fünftürige Sportback benötigt 0,1 Sekunden mehr. Beide Versionen werden bei 250 km/h elektronisch abgeriegelt.

Traktionsprobleme kennt der Audi S1 nicht

So die graue Theorie; die Praxis ist echt freudvoll. Das beginnt schon beim Start. Mit einem dumpfen Grollen, das man einem schnöden Vierzylinder gar nicht zugetraut hätte, erwacht die 231-PS-Maschine zum Leben. Beim Gasgeben entweicht den vier Endrohren ein verheißungsvoller Klang. Mit metallisch-hartem Klack rastet der erste Gang präzise ein – und los. Wenn der Giftzwerg einen Tritt in den Hintern bekommt, schießt er fast schon brutal los. Traktionsprobleme? Kennt er nicht. Schließlich besitzt er wie sein großes Namensvorbild den Quattro-Antrieb. Ein Novum in dieser Kleinwagenklasse. Je nach Untergrund und Fahrweise verteilt die Elektronik die Kraft bestmöglich zwischen Vorder- und Hinterachse. Eine hydraulisch geregelte Lamellenkupplung reagiert im Bruchteil einer Sekunde, damit die Kraft optimal verteilt wird.

Um das Gewicht möglichst gut auszutarieren, wanderte diese Lamellenkupplung an die Hinterachse und das Hinterachsdifferential in die Reserveradmulde. Außerdem musste der 45-Liter-Tank geändert werden; als spezieller Satteltank sitzt er nun über der Kardanwelle. Und weil es im Motorraum ebenfalls sehr eng zugeht, gibt es den S1 nicht mit einem Doppelkupplungsgetriebe. Handarbeit ist also angesagt; aber kein Problem bei der präzisen Führung und schnellen Schaltbarkeit. Trotz seiner für einen Spitzensportler recht ungünstigen Achslastverteilung von 60:40 gibt sich dieser Allradler als super Spielkamerad beim Kurvenräubern – selbst auf glattem Schneegeläuf im schwedischen Norden.

Signalwirkung: Der S1 eröffnet ein Wettrüsten in der Kleinwagenklasse.
Signalwirkung: Der S1 eröffnet ein Wettrüsten in der Kleinwagenklasse.Foto: Promo

Im Sportmodus erlaubt das ESP auf dem zugefrorenen See in Schweden kontrollierte Drifts und damit gehörige Adrenalinschübe. Nur wer es mit dem Gasstoß bei ganz ausgeschaltetem ESP maßlos übertreibt, veranlasst den S1, auf dem Eis zum Pirouettenkönig zu werden. Dennoch ist es erstaunlich, wie lange ein Kleinwagen mit einem Radstand von 2,47 Metern unter solch schwierigen Fahrbahnbedingungen stabil bleiben kann. Das macht ihm derzeit kein anderer in diesem Segment nach. Und das bringt einen Heidenspaß, zumal die exzellenten Sportsitze den sportlichen Vorwärtsdrang auch in Kurven auf ihre stützende Weise wirksam begleiten.

Hohes Gewicht trübt Fahrfreude

Allerdings ist die Fahrfreude nicht ganz ungetrübt, denn die viele Technik (zum Beispiel statt einer leichten einfachen Verbundlenkerhinterachse hat der S1 hinten eine aufwendige und schwere Vierlenkerachse für bessere Handlichkeit) und der serienmäßige Allradantrieb (plus 80 Kilogramm) treiben das Gewicht des Kleinen hoch: Knapp 1,4 Tonnen sind mehr, als der aktuelle Audi TT wiegt. Und die müssen ja immer beschleunigt und abgebremst und wieder beschleunigt werden. Das sorgt zwar für Spaß ohne Ende für den Fahrer, jedoch auch für Durst ohne Limit für den Turbomotor. Auf zweistellige Verbräuche sollte man in jedem Fall gefasst sein; bei sportlicher Gangart schnell auch im höheren Bereich. Nur mit sachtem rechten Fuß bleibt der Kleine knapp unter zehn Liter. 9,4 Liter zeigt der Bordcomputer nach einer eher geruhsamen Landstraßenfahrt an.

Gefasst machen sollte man sich auch auf eine Federung, die mit sportlich-straff sehr freundlich umschrieben ist. Trotz elektronisch geregelter Dämpfer und Drive-Select-System mit verschiedenen Fahrmodi (inklusive einem versteckten Schalter in der Mittelkonsole) ist die Grundabstimmung selbst im Comfortmodus eher stramm geraten. Ein kompromissloser Sportler eben. Und einer für mehr als zwei, denn der enge Fond ist kein freudvoller Ort für Großgewachsene. Auch da ist der S1 kompromisslos.

Auffalloptik auch im Innenraum: Der S1 geizt nicht mit seinen Reizen.
Auffalloptik auch im Innenraum: Der S1 geizt nicht mit seinen Reizen.Foto: Promo

29 950 Euro für den Dreitürer und 30 800 Euro für den fünftürigen Sportback. Das sind saftige Grundpreise, die sich leicht bis an die 40 000-Euro-Grenze treiben lassen. Gut 5000 Euro teurer als ein kultiger Mini John Cooper Works. Und damit schon im Preisbereich eines Golf GTI! Wer soll diesen Audi kaufen? Offensichtlich gibt es doch eine Klientel, die so verrückt ist, ein solch unzeitgemäßes Spaßmobil mit Verbräuchen jenseits der zehn Liter haben zu wollen.

Audi A1 Quattro als Versuchsballon

Vor zwei Jahren hatte Audi bereits einen Versuchsballon gestartet – mit dem Audi A1 Quattro. Ein aufgebrezelter Kleinwagen mit einem 256 PS starken Vierzylinder-Turbo, 245 km/h schnell und 49 900 Euro teuer. Nur 333 Stück wurden angeboten – und waren binnen kurzer Zeit ausverkauft. Die Faszination des Verrückten übt offenbar eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jene aus, die sich einen solch teuren Spaß leisten können.

Dagegen erscheint ein auch aus dem VW-Konzern stammender 280 PS starker Seat Leon Cupra für das annähernd gleiche Geld schon fast als Normalo. Selbst wenn er ebenso schnell ist, ähnlich sportlich daherkommt, kaum weniger Spaß macht, dafür aber mehr Platz und Alltagstauglichkeit bietet.

Übrigens: Der "alte" Mini John Cooper Works hat nur 211 PS unter der kurzen Haube. Beim neuen Modell, welches im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll, sind um die 240 PS vorgesehen. Dann sitzt unter der Haube der neue, bei BMW konzernweit eingesetzte Zweiliter-Turbo. Der ist gut für Leistungen bis 300 PS. Damit die Hackordnung wieder stimmt. Audi, so hört man hinter vorgehaltener Hand, erwägt mit einem RS1 zu antworten. Der Vierzylinder-Turbo hat ja noch Potenzial: Er leistet 280 PS im frontgetriebenen Seat Leon Cupra und sogar 300 PS im allradgetriebenen Golf R. Das Wettrüsten dürfte also auch bei den kleinen durstigen Ballermännern weitergehen. Verrückte Welt, nicht?

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