Fahrbericht Jaguar XF Sportbrake : Platz für Bi-Ba-Butzemann

Lifestyle für gut betuchte Familien hat ein neues Gesicht – und was für eines. Erstmals bietet Jaguar seinen XF als Kombi an. Und als ob das nicht genug wäre gibt es den auch nur als Diesel. Eine Probierfahrt im Jaguar XF Sportbrake.

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Ein Kombi? Und dann auch nur als Diesel? Jaguar bricht mit Traditionen, geht aber dabei konsequent auf die Kunden zu. Foto: Hersteller
Ein Kombi? Und dann auch nur als Diesel? Jaguar bricht mit Traditionen, geht aber dabei konsequent auf die Kunden zu.Foto: Hersteller

Das geht doch gar nicht! Jaguar mit Kindersitzen und das Bobbycar im Kofferraum. Und eine Anhängerkupplung gibt es auch noch. Ist den Briten denn der Mythos gar nichts mehr wert? Das ist doch wie ein Traktor mit rennmäßiger Schaltwippe am Lenkrad. Ach so, Schaltwippen hat der Jaguar Sportbrake natürlich auch. Wenn schon, denn schon. Vorne träumt Papa vom wilden Leben und hinten singt der Nachwuchs vom Bi-Ba-Butzemann.

Geht doch! Und warum auch nicht. Wer sagt denn, dass Familien nur Passat Variant oder Audi Avant fahren dürfen? Jaguar macht es Eltern, die es gerne etwas sportlicher haben wollen, jetzt verdammt schwer. Oder auch leicht. Je nachdem, wie man es betrachtet. Jedenfalls muss niemand mehr auf einen Jaguar verzichten, wenn die Familie mehr Platz benötigt. Und bei den inneren Werten sowieso nicht. Das fängt schon beim Platzangebot im brettebenen und ohne hinderliche Stufe gestylten Kofferraum an, bei dem der Sportbrake locker mit der Konkurrenz mithält. Mit bis zu 1675 Litern Gepäckraum bei umgelegter Rückbank - die sich ruckzuck per Hebelzug automatisch umklappt – besteht er selbst gegen den Audi A6 Avant, vom BMW 5 Touring zu schweigen. Womit schon angedeutet ist, mit wem sich der Brite messen will.

Europa einig Kombiland

Geräumig und praktisch: Das sind Attribute, die man zuvor nicht unbedingt mit einem Jaguar in Verbindung gebracht hätte. Foto: Hersteller
Geräumig und praktisch: Das sind Attribute, die man zuvor nicht unbedingt mit einem Jaguar in Verbindung gebracht hätte.Foto: Hersteller

Doch Kinderräder und Großmarkteinkäufe unterzubringen, das können auch andere; das ist doch nicht alles im Leben. Was man spätestens merkt, wenn man hinterm griffigen Lenkrad sitzt und die seidenweiche Acht-Gang-Automatik jeden Papa in den Fahrspaß-Modus versetzt. Übersichtliche Rundinstrumente und exzellent gearbeitete Sitze mit guter Seitenfestigkeit und vielen Einstellmöglichkeiten sind Serie; die praktische Memory-Funktion der Lenkradhöhen und Sitzpositionen für Mama und Papa gibt es aber nur gegen Aufpreis. Dafür aber sind Bi-Xenon-Scheinwerfer und LED-Heckleuchten sowie der Notfall-Bremsassistent serienmäßig.

Dass Jaguar den Tabubruch wagt und eine heiße Kiste wie die XJ Limousine mit Rucksack auf den Markt bringt, ist deswegen kein Sakrileg, sondern nur clever. Schließlich ist Europa einig Kombiland. Da geht doch was, werden sich die Konstrukteure gedacht haben – vor allem, wenn die Familienkutsche so schick daherkommt wie der Sportbrake. Der neue beherrscht die große Geste. Vorne ganz Jaguar mit dem inzwischen charakteristischen Rundgrill und dahinter eine ungemein geschmeidige Linienführung, die sich bis auf auf 4,97 Meter streckt. Die markanten Lufteinlasskiemen hinterm Vorderrad und die dynamisch ansteigende Schulterlinie lassen dabei den Papa-Jaguar nicht vergessen. Die zum Heck hin abfallenden Scheiben bei gleichbleibend hoher Dachkante gibt der Seitenlinie optisch viel Schwung – und Erwachsenen auf dem Rücksitz zugleich enorm viel Kopffreiheit. Von wegen langweiliger Familienkutsche. Individualität beim Autofahren ist doch gar nicht so schwer.

Robuste Luftfederung

Beim Fahren zeigt sich der Sportbrake bestens in Form. Der knapp 1900 Kilo schwere Wagen liegt straff auf der Straße, ohne die Bandscheiben jemals in Gefahr zu bringen. Selbst Schlaglöcher schluckt er klaglos und spurtreu. Dafür sorgt an der Hinterachse eine serienmäßige Luftfederung mit automatischer Niveauregulierung. Selbst ein fast zwei Meter langer und entsprechend schwerer Kühlschrank auf der Ladefläche bringt den Sportbrake nicht aus der Fassung – selbst wenn man den Wagen auf einem Rennkurs traktiert. Da zeigt er sich als echter Jaguar. Supersauber zieht er seine Spur, ohne Seitenneigung. Selbst abrupte Spurwechsel nimmt er so gelassen hin, dass man nach wenigen Runden auf dem Rennkurs den Kühlschrank hinten längst vergessen hat. Nur die Kinder hätten sich wohl längst gemeldet.

Noch eine Überraschung: Dass Jaguar ausschließlich mit Dieselmotoren an den Start geht, darunter sogar ein Vier-Zylinder, hätte den vom Vorbesitzer Ford schmählich verstoßenen Engländern niemand zugetraut. Der neue Besitzer Tata macht offenbar den Ingenieuren Mut, was Neues zu probieren. Allen drei Kraftwerken hat man das typische Dieselklopfen so abgewöhnt, dass unbedarfte Passagiere auf einen Benziner wetten würden. Der gemeinsam mit Peugeot entwickelte 2,2-Liter-Vierzylinder mit Turbo-Aufladung bringt 200 PS. Schon der kleinste Selbstzünder zeigt sich ausgesprochen zugkräftig und selbst bei einem dynamischen Fahrstil allen Situationen gewachsen. Einen Verbrauch von 5,1 Liter nennt Jaguar – und eine Start-Stopp-Automatik gibt es serienmäßig dazu. So sparsam und umweltfreundlich – eine CO2–Belastung von nur 135 g/km – war noch kein Jaguar. Die Drei-Liter-Turbo-Sechszylinder mit 240 und 275 PS legen freilich noch einen drauf in Sachen Spritzigkeit und blitzsauberem Antritt – dafür wird aber ein Aufschlag von vier- oder achttausend Euro fällig.

Ein Quantum britisches Flair

Seit Jahren kämpft Jaguar gegen den in den achtziger Jahren erworbenen Ruf einer miserablen Qualität. Inzwischen liegt man in Sachen Qualität in der Spitzengruppe und kann sich trauen, drei Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung anbieten. Qualitätsbewusstsein kann man fühlen. Der Innenraum punktet mit ausgesuchten Materialien und erstklassigen Verarbeitung und viel Leder, Pianolack oder Holz. Die gesteppten Nähte am Armaturenbrett geben dem Sportbrake ein Quantum britisches Flair. Trotzdem wird das nicht jeden begeistern. Das gilt auch für den überbreiten Mitteltunnel, fast so ausladend wie die häusliche Küchenzeile. Ein wenig schmaler hätte auch gereicht. Schließlich wollen auch Mama und Papa zuweilen noch Händchen halten.

Die fahrdynamischen Eigenschaften hat die britische Edelkatze nicht abgelegt. Das Fahrwerk ist immer noch sehr sportlich ausgelegt. Foto: Hersteller
Die fahrdynamischen Eigenschaften hat die britische Edelkatze nicht abgelegt. Das Fahrwerk ist immer noch sehr sportlich...Foto: Hersteller

Was ist Individualismus wert? Die Jaguar-Strategen meinen: mindestens 48 550 Euro. So viel kostet die Basisversion. Eine Menge Geld. Wohl wahr. Für alle, die auch einen Skoda-Kombi für ein ausreichendes Familienauto halten, ist der Sportbrake sicher keine Überlegung wert. Ein attraktives Angebot fernab vom Massen-Auto ist der Sportbrake aber für alle, die auf einen – ähnlich teuren – Audi A6 Avant oder den BMW 5er Touring schielen.

Ach, noch eine Neuerung: Eine Anhänger-Kupplung gibt es nun auch noch als Zubehör. Das geht für einen Jaguar nun aber gar nicht, oder?

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